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Schwul, muslimisch und Imam: Ist das möglich? | BR24

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Bildrechte: Imam Christian Awhan Hermann

Christian Hermann steht als schwuler Imam nicht im Verdacht, einen ultrakonservativen, gar verfassungsfeindlichen Islam zu vertreten. Und doch hatte der 50-Jährige in der Vergangenheit immer wieder mit genau diesem Vorurteil zu kämpfen.

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Schwul, muslimisch und Imam: Ist das möglich?

Er ist der erste offen schwule Imam Deutschlands: Christian Hermann interpretiert den Koran nicht so, dass Homosexualität eine Sünde sei. Als Seelsorger führt er Gespräche mit Menschen aus ganz Deutschland – Im Netz gab es aber schon Morddrohungen.

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Von
  • Simon Berninger

"Online bin ich ganz viel von irgendwelchen Leuten als Salafist abgestempelt worden", erzählt Christian Hermann. Aber weit gefehlt: Denn der 50-jährige Berliner ist schwul – und Imam. Nicht nur aus Salafisten-Sicht ein Verrat am Koran, und so kam es ihm auch lange Zeit nicht in den Sinn, im Islam seine religiöse Heimat zu sehen.

Imam: Der Islam war lange Zeit nicht homophob

Innerhalb der muslimischen Community seien die Stimmen derer, die ausgrenzen und die homophobe Positionen vertreten, sehr laut, so der Imam. Dabei sei der Islam aber tatsächlich lange Zeit und an vielen Orten gar nicht homophob gewesen.

"Wir haben jede Menge homoerotischer Literatur, die auf religiöse Lichtgestalten, also auf Gelehrte und Imame zurückgeht. Wir haben jede Menge homoerotischer Abbildungen, die im religiösen Kontext entstanden sind, aus der osmanischen Zeit zum Beispiel." Imam Christian Hermann

Vor drei Jahren ist er in seiner Wahlheimat Berlin zum Islam konvertiert. Geoutet hatte er sich schon als Jugendlicher – in Nürnberg, wo er aufgewachsen ist und auch evangelisch getauft wurde. Mit 18 Jahren trat er aus der Kirche aus, da er dort keine Angebote für sich fand.

Schwule Muslime: "Mitbeten erlaubt, aber nicht Imam sein"

Heute hat er einen neuen Ort gefunden, um seinen neuen Glauben zu praktizieren: die Wilmersdorfer Moschee in Berlin. Wenn nicht gerade Corona ist, nimmt er dort regelmäßig am Freitagsgebet teil – als einer von vielen Muslimen. Als Imam könnte er hier nicht wirken, sagt der hier tätige Imam Amir Aziz: "Mitbeten ist erlaubt für jede Person, das ist kein Problem. Wir müssen respektieren, tolerant sein. Aber er kann nicht Imam sein. Weil ein Imam den Lehren des Koran folgen muss."

Wie das Alte Testament erzählt auch der Koran von Lot in Sodom, wo die Menschen für ihre Vergehen verurteilt werden. Auch im Koran begehren in dem Kontext Männer einander – also sei Homosexualität aus muslimischer Sicht Sünde, sagt Aziz.

Prophet Mohammed kritisiere Homosexuellen nicht fürs schwul sein

Christian Hermann hält dagegen. Es gebe eine Überlieferung, die belastbar ist, wonach der Prophet Mohammed einen Schwulen kritisiert. "Nicht für sein Schwulsein, sondern weil er Gerüchte verbreitet", erzählt Hermann. "Wäre es so sündhaft, hätte der Prophet sicherlich auch gesagt: 'Und außerdem ist Homosexualität nicht in Ordnung, denk doch bitte an Lot!' Das tut er aber tatsächlich nicht."

Zu seinen Erkenntnissen ist Christian Hermann erst in Berlin gekommen. Dort engagierte er sich zunächst in einer Hilfsgruppe für Schwule und Lesben. Im Rahmen dessen habe er es oft erlebt, dass er Leute getroffen habe, die ihre religiöse Identität als muslimische Personen mit ihrer sexuellen Identität nicht zusammenbringen konnten. "Und da dachte ich mir, es wäre eigentlich schön, wenn es einen Ort gäbe, wo ich die hin verweisen könnte. Und den gab's aber halt nicht", erinnert sich Hermann.

Zugleich setzt er sich zu der Zeit selbst intensiv mit dem Islam auseinander, liest den Koran wieder und wieder – und bekommt mit, dass 2017 die liberale Aktivistin und spätere Imamin Syren Ates eine Moschee in Berlin gründet. Dort will er zunächst nur die homosexuellen Muslime, die er berät, hinschicken. Doch ein Besuch in der Moschee wird ihm selbst zum religiösen Schlüsselerlebnis.

"Ich bin dann also in die Moschee gekommen und habe begriffen, dass ich eben nicht ohne Grund jetzt in diese Moschee gegangen bin; und dass das durchaus einen Sinn hatte. Und dann dachte ich mir: Okay, dann bist Du offensichtlich Muslim!" Imam Christian Hermann

Laut Hermann etwa 40 schwule Imame in Deutschland

Christian Hermann konvertierte daraufhin und ließ sich zum Imam ausbilden – von einem französischen Imam, der auch schwul ist. In Deutschland war Christian Hermann dann der erste schwule Imam – der erste offen schwule Imam, präzisiert er: "Ich hab hochgerechnet: Es müsste etwa 40 schwule Imame in Deutschland geben, die natürlich nicht offen schwul auftreten, weil sie Probleme bekommen würden am Arbeitsplatz, in der Familie. Viele haben eine Alibi-Frau und Kinder, um dem heterosexuellen Familienbild zu entsprechen."

Demgegenüber tritt Christian Hermann ganz offen auf und will homosexuellen Musliminnen und Muslimen so ein Ansprechpartner sein. Dafür hat er den Verein "Kalima" gegründet und wartet darauf, dass ihm die Gemeinnützigkeit anerkannt wird. Dann könnte er auch Spenden generieren und eine eigene Moscheegemeinde finanzieren. Aber auch so sei er als Seelsorger aktiv.

Morddrohungen im Netz

Er habe sehr tiefe Gespräche und Beratungen, ganz oft telefonisch oder per Skype, weil die Leute ihn von überall in Deutschland kontaktierten, sagt der Imam. "Und die Rückmeldungen, wenn ich Gebete leite, sind absolut positiv."

Online seien die Hetze oder Anfeindungen stärker geworden. Vor allem, seitdem Christian Hermann auch auf TikTok unterwegs ist. Seitdem bekommt er für sein Engagement auch Morddrohungen. Im realen Leben sei ihm aber noch nichts passiert.

"Wenn ich jetzt in eine Moschee gehe, vorausgesetzt, die Leute können mich einordnen, dann passiert mir nichts. Weil die Leute merken, da ist jemand in der Religion, da arbeitet jemand religiös – und ich sehe das als positives Zeichen." Imam Christian Hermann

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