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Zwei Konzepte für heutige Rockmusik von International Music & Ja Panik.

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Ironie schlägt Ernst? Neues von International Music & Ja, Panik

International Music aus Essen haben ein neues Album am Start: "Ententraum" - ein wunderbar bescheuerter Titel. Verglichen wurden sie öfters mit Ja Panik, der aus Österreich stammenden Band, die in Berlin-Neukölln residiert, auch sie hat eine neue LP.

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Von
  • Markus Mayer

"Fürst von Metternich" heißt der erste Song des neuen Albums von International Music. Der Titel deutet an, dass es hier nicht um Weltläufigkeit geht, sondern eher um etwas Provinzielles, sehr Deutsches, nämlich um Sekt oder Selters, um Deinhard, Henkell trocken, Rotkäppchen und Kupferberg Gold. Oder ist es doch eine Anspielung auf den Wiener Kongress und den österreichischen Außenminister Metternich, der die Geschicke Europas zu lenken suchte? International Music aus Essen betreiben ein ironisches Verwirrspiel auf ihrem neuen Album – musikalisch wie inhaltlich.

Ja Panik, die in Berlin residierenden Österreicher um Andreas Spechtl, meinen es dagegen ernst. Auf "Die Gruppe", dem neuen Album, werden Texte rezitiert, die Bert Brecht und Blixa Bargeld gefallen würden. Spätexpressionistische, neo-neu-sachliche Großstadtlyrik. Witzig ist hier nix, außer der gelegentlichen, charmanten Burgenländer Mundart von Frontmann und Lautsprecher Andreas Spechtl.

© Bureau B Label Hamburg
Bildrechte: Bureau B Label Hamburg

Gruppenbild mit Berliner Burgenländern & Dame: Ja, Panik leben seit Jahren in Berlin.

"Wassermann "heißt ein weiterer Song von International Music, der erst einmal an die Who erinnert, in ihrer Rock-Opern-Phase, aber dann kommt das nächste Riff und das Stück biegt in eine andere Richtung ab, oder auch nicht. International Music, das sind Gitarrist und Sänger Peter Rubel sowie Bassist Pedro Goncalves Crescenti, die mit Drummer Joel Roters, in Pastiches ergehen, also Nachbildungen von Werken vorangegangener Epochen erschaffen. Was sie dabei als echte Postmodernisten ausweist, ist der Humor, den sie zwischen die Zeilen träufeln, die Ironie, die unüberhörbar aus ihren Nachbildungen tropft.

Die Kunst des Pastiche und ungeschönte Großstadtlyrik

In Stücken wie "Gift", "Memory Machine", "On Livestream" durchschreiten Ja, Panik die Rock-Musikgeschichte und lassen sich zu höchst eigenwilligen Songgebilden inspirieren. Das reicht vom ungewaschenen Indierock bis zur als Single veröffentlichten, schwelgerischen Ballade "Apocalypse Or Revolution", die so auch auf dem dritten Album der Fehlfarben hätte stattfinden können.

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Biblisches Symbol, leicht verfremdet: Das Cover von Ententraum von International Music.

Wie International Music mischen auch Ja, Panik in den Songtexten verschiedene Sprachen, wechseln ins Englische, Italienische oder Französische.

Der Unterschied zwischen den österreichischen Wahlberlinern von Ja, Panik und International Music aus West-Deutschland liegt im Humor, im Witz, der bei Ja, Panik nicht vorhanden ist. Das ist ernste, leicht mit Pathos durchtränkte Rockmusik, der man sich aber durchaus anvertrauen kann.

Postmoderne Ironie oder Neue Sachlichkeit à gogo gefällig?

International Music dagegen ziehen sich meist auf die Ist-doch-nur-Spaß-Haltung zurück. Auf "Ententraum" (was für ein herrlich bescheuerter Titel!) nach "Die besten Jahre", ihrem gefeierten Debut von 2015, zelebrieren International Music die Müdigkeit und den Witz der Nachgeborenen, die sich nur noch auf eine vorgegebene Geschichte der Rockmusik kaprizieren, sie aber nicht mehr neu erfinden können. So bilden International Music in einem Song die Depri-Phase von "The Cure" Anfang der 80er Jahre nach, die Verlorenheit von Songs wie "Seventeen Seconds" und "In Your House". Titel wie "Marmeladenglas", "Raus aus’m Zoo" oder "Museum" beschwören eine Puppenstubenwelt, der es zu entfliehen gilt, was aber nicht recht klappen will. Zumindest verlieren kann man sich darin für ein paar Minuten, was ja schon viel ist.

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Bildrechte: Bureau B-Label Hamburg

Buchstabensalat - Das istd as Cover von "Die Gruppe", dem neuen Album von Ja Panik aus Berlin

"Die Gruppe" - das neue, sehr bewegende Album von Ja Panik erscheint am Freitag auf Bureau B in Hamburg.

"Ententraum", die witzige LP von International Music ist bei Staatsakt in Berlin erschienen.

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