BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Schriftstellerin Iris Wolff: "Identität ist wandelbar" | BR24

© Audio: BR / Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz

Die Schriftstellerin Iris Wolff

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Schriftstellerin Iris Wolff: "Identität ist wandelbar"

Die Geschichte einer deutschen Familie aus dem Banat, ein Buch über Freundschaft, Flucht, Erinnerung: Iris Wolff ist mit "Die Unschärfe der Welt" für den Bayerischen Buchpreis nominiert. Ein Roman, der seine Figuren gegen ihr Schicksal verteidigt.

Per Mail sharen

Die Schriftstellerin Iris Wolff ist in Hermannstadt in Rumänien geboren, in diesem Jahr stand sie mit ihrem Roman "Die Unschärfe der Welt" auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis und ist nun als eine von drei Kandidatinnen in der Kategorie Belletristik nominiert für den Bayerischen Buchpreis. Martina Boette-Sonner hat mit der Autorin über ihr Buch, Recherche und Fiktion und darüber gesprochen, wie die europäische Geschichte in einem rumänischen Landstrich sichtbar wird.

Martina Boette-Sonner: Bei Ihnen läuft es in diesem besonderen Jahr ja ziemlich gut.

Iris Wolff: Ich bin ganz glücklich mit dem Start des Buchs, man wünscht sich natürlich immer viele Leserinnen und Leser, wenn man schreibt.

Ihr neuer Roman "Die Unschärfe der Welt" beginnt im Rumänien der 1970er-Jahre, spielt in Siebenbürgen und im Banat, aber auch in der DDR und in Berlin. Angesiedelt ist die Geschichte von der Ceaușescu -Ära bis zur Wende-und Nachwendezeit. Das ist ja nicht alles Ihr Erinnerungsraum – wie haben Sie recherchiert?

In allen meinen Büchern spielt Geschichte eine Rolle, und ich mag es gern, mir eine Zeit zu vergegenwärtigen, die nicht die meine ist. Das heißt also Recherche via Internet, aber auch Zeitzeugen befragen, alte Zeitungsausschnitte lesen, Geschichtsbücher wälzen. Vorne auf dem Buch ist ein Signalwort, das heißt "Roman". Das bedeutet, dass es eine erfundene Welt ist, und trotzdem muss sich diese erfundene Welt an der Wirklichkeit messen. Und die Leserinnen und Leser verzeihen einem nicht, wenn man historisch falsch recherchiert.

Es gibt ja in Ihrem Kosmos sehr viele Figuren, Florentine und Hannes, Samuel, der Sohn, der die Erzählung so ein bisschen zusammenhält, es gibt Nachbarn und Freunde, Verwandte, die Großmutter Karline zum Beispiel, es geht um Oswald, genannt Oz, Mina, Valentin und, und, und. Manche Figuren tauchen auf und verschwinden dann, wieder andere bleiben in diesem Kosmos. Wie haben Sie Ihre Figuren gefunden?

Die finden mich immer. Ich fange mit einer Figur an, in diesem Buch war es Florentine, die Mutter der Hauptfigur …

… und so beginnt die Geschichte auch: dass sie schwanger ist und dann zur Geburt fährt.

Genau, mit dem Schlittenwagen durch das Schneetreiben. Und das ist eigentlich auch das erste Bild, das ich hatte. Alle meine Bücher entstehen meistens aus dem ersten Satz, der auch wirklich zu Papier fließt, und dem ersten Bild, was da ist. Ich folge diesem Bild dann. Das ist so ein bisschen, wie wenn man nachts über die Autobahn fährt, dann sieht man ja auch nur die paar Meter, die das Licht von der Straße erhellt. So ist das Schreiben auch: Ich taste mich vorwärts, von Figur zu Figur, und eine bedingt die andere. Die Kunst im Roman ist eben, alle Figuren, egal ob die Hauptfiguren oder Nebenfiguren, nicht aus den Augen zu verlieren, denn sie tauchen ja alle immer wieder auf oder kommen in den Erinnerungen vor und sind mir dann über die Zeit, die ich mit ihnen verbringe – für dieses Buch waren es drei Jahre – eigentlich so lebendig wie echte Menschen.

Erzählt wird eine Familiengeschichte, eine Freundesgeschichte. Für mich ist es aber auch eine Europageschichte, eine Geschichte um Identitäten, um Zugehörigkeiten, um Zusammenhalt, um das Auseinanderdriften und Zurückkommen. Das sind schon sehr viele Themen, die sich in diesem Buch finden ...

Diese Multi-Perspektive, die ich anwende, dass jedes Kapitel aus der Perspektive einer anderen Figur geschrieben ist, zeigt ja auch schon, wie wandelbar letztlich Identität ist. Wer ist man selbst in den Augen eines anderen? Immer eine andere, und das zeigt die Form des Romans. Was die Figuren in der "Unschärfe der Welt" auszeichnet, ist, dass sie letztlich natürlich Kinder der Zeit sind. Sie wachsen in bestimmten gesellschaftlichen und politischen Systemen auf, haben damit zu kämpfen, aber trotzdem ist zumindest mein Anspruch als Schriftstellerin, dass auch immer etwas von ihrem Kern sichtbar wird. Etwas, was eigentlich unberührt bleibt von den Schicksalsschlägen eines Lebens, von der Wechselhaftigkeit der Geschichte, vor allem des letzten Jahrhunderts. So etwas gibt es, vielleicht eine gewisse Würde, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, die für mich sichtbar geworden ist in diesem Schreibprozess.

Nun habe ich vorhin gesagt, für mich ging es auch um Europa. Ich finde, dass man in diesem Kosmos, den Sie da behandeln, in Rumänien, im Banat und in Siebenbürgen, eigentlich die europäische Geschichte sehr gut sieht – wie in einem Nukleus.

Es ist eine kleine, entlegene Welt, wo diese Geschichte angesiedelt ist. Das Banat mag man vielleicht überhaupt nicht kennen, und trotzdem ist das wie ein Schmelztiegel der großen europäischen Geschichte für mich, weil es auch brisante Themen behandelt: Wie leben verschiedene Nationalitäten miteinander, verschiedene Kulturen, die verschiedene Konfessionen haben ...

... da lebten Ungarn, Slowaken, Serben, es gab eine jüdische Gemeinde – das war schon ein sehr multikultureller Teil Europas.

Das heißt nicht, dass man sich immer wunderbar miteinander verstand. Man grenzte sich auch voneinander ab, das ist ja auch ein Teil der Identität. Aber es ist doch ein selbstverständliches Miteinander gewesen.

Sie sind dort geboren, aber relativ früh als Kind aus dieser Gegend weggegangen. Wie geht man denn mit der eigenen Biografie um, die ein bisschen ähnlich ist, und macht dann Fiktion daraus?

Diese Geschichte ist mir und auch der eigenen Familiengeschichte nah, und ich habe mich ganz bewusst an bestimmten Stellen, etwa bei der Fluchtgeschichte von Oz und Samuel und ihrem Ankommen in der Bundesrepublik Deutschland, dagegen entschieden, eigene Biografie zu verarbeiten.

Ich habe am Anfang auch gesagt, es geht um Identität: Was sind wir eigentlich? Der Roman gibt vielleicht eine Antwort: Wir sind viele und doch einzig, oder?

Das ist schön gesagt. Ich kann meinen Roman immer gar nicht in einem Satz zusammenfassen, das können die Leserinnen und Leser viel besser.

"Die Unschärfe der Welt" ist im Verlag Klett-Cotta erschienen. Der Bayerische Buchpreis wird am 19. November verliehen. Die Veranstaltung wird live ab 20.05 Uhr im Radio auf Bayern 2, über die BR KulturBühne und in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks übertragen.

© Klett-Cotta / BR-Montage

Cover von "Die Unschärfe der Welt"

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

Die wöchentliche Dosis Literatur – der Diwan als Podcast. Hier abonnieren!