Rote tränende Augen: Insstallation 12 von Zach Blas

Zach Blas: Installationsansicht von der Berlin Biennale

Bildrechte: Foto: Laura Fiorio
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    Irakische Künstler protestieren gegen Berlin Biennale

    Irakische Künstler protestieren gegen Berlin Biennale

    Die Biennale in Berlin ist in diesem Jahr angetreten, um mit Kunst dem kolonialen Narrativ etwas entgegenzusetzen. Der Schuss ging im Hamburger Bahnhof nach hinten los. In einem Offenen Brief zeigen sich irakische Künstler tief verletzt.

    Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Ein trefflicher Beweis für diese populäre Weisheit bewegt gerade die Gemüter der Berliner Kunstszene. Anlass ist die direkte Zusammenstellung von zeitgenössischen irakischen Kunstwerken mit einer großen Installation des Franzosen Jean-Jacques Lebel "Poison soluble. Scènes de l’occupation américaine à Bagdad", "Lösliches Gift. Szenen aus der Zeit der amerikanischen Besatzung in Bagdad" im Museum Hamburger Bahnhof. Lebel präsentiert darin auf gigantischen Stoffbahnen stark vergrößerte Ausschnitte der berühmten Folterfotos aus dem Gefängnis Abu Ghuraib. Um von dem einen zum nächsten irakischen Kunstwerk zu gelangen, müssen die Besucherinnen und Besucher zwischen den labyrinthisch angeordneten Aufnahmen der gefolterten Iraker hindurchgehen. Das haben die irakischen Künstler*innen und Besucher*innen als große Zumutung und große Verletzung, ja, als Retraumatisierung empfunden.

    Wiedergutmachung? So nicht!

    Ein Offener Brief, der von dem irakischen Künstler Rijin Sahakian verfasst und von 15 weiteren Personen mitunterzeichnet wurde, prangert die 2013 entstandene Abu Ghuraib Installation von Lebel an: "Wem wird bei dieser Form der 'Wiedergutmachung' ein Mitspracherecht eingeräumt? Sicherlich nicht den irakischen Opfern auf den Fotos, nicht den irakischen Künstlern, die an der Biennale teilnehmen, und auch nicht den irakischen Betrachtern, die durch diese gefühllose Neuinszenierung eines der berüchtigtsten Kriegsverbrechen der Vereinigten Staaten re-traumatisiert werden."

    Die gute Absicht

    Die Berlin Biennale ist in diesem Jahr explizit angetreten, um dem "globalen Süden" Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Um bislang nicht gehörten Künstler*innen und deren Belange Gehör zu schenken, damit die Wunden repariert werden die "im Laufe der Geschichte der westlichen Moderneentstanden sind", wie es im Pressetext zur Berlin Biennale heißt.

    Absicht der 12. Biennale war es, an mehreren Orten der Stadt Werke zu zeigen, die den kolonialen Narrativen etwas entgegensetzen und Strategien der Decolonisierung eröffnen. Für die drei irakischen Künstler, die neben Lebel im Museum Hamburger Bahnhof gezeigt werden, ist diese Absicht nicht aufgegangen.

    Die verheerende Wirkung

    Im Gegenteil. In dem Offenen Brief beklagen sie ein nahezu rassistisches, vor allem aber höchst unsensibles Vorgehen der Ausstellungsmacher: Die Fotos der unrechtmäßig und gewaltsam inhaftierten Iraker seien von der Biennale ausgestellt worden, ohne mit den irakischen Künstlern direkt daneben Rücksprache gehalten zu haben. Das sei eine Zumutung weil der Werkkomplex der drei anderen dort ausgestellten Iraker nur zugänglich ist, indem man das Labyrinth mit den Bildern der entwürdigten und misshandelten Iraker passiere.

    In Lebels Installation, die lediglich die als "ikonisch" geleakten und vielfach gelikten Bilder der Gefangenen in Abu Ghuraib vergrößere und dekontextualisiere, sei weder eine Basis für eine politisches Handeln noch für ein Verstehen der Demütigung und des Schmerzes zu entdecken. Im Gegenteil: Statt zusätzlicher Information vermittle dieses Werk nur die Vorstellung von Irakern als "Tiere" die "bekämpft und kontrolliert werden müssten".

    Die Ausstellungsmacher hätten weder Respekt bewiesen, vor dem, was in den Abu Ghuraib-Bildern gezeigt werde, noch vor den Werken der drei anderen Iraker, deren Kunst "für ein Folterspektakel instrumentalisiert" und damit nivelliert werde. Das Vertrauen der irakischen Künstler in die Biennale sei zerstört worden. Werden sie auch künftig nur ausgestellt in der Nachbarschaft von irakischen Opfern?

    Trigger-Warnung

    Vor dem Eingang zu Jean-Jacques Lebel "Poison soluble" steht eine Trigger-Warnung, die ausdrücklich vor negativen Gefühlen oder gar einer Retraumatisierung warnt. Doch das macht die Sache für Rijin Sahakian, den Autor des Offenen Briefes, und seine Unterstützer nicht besser. Es zeigt nur, dass die Kuratoren diese Retraumatisierung in Kauf nehmen für alle, die sich die Werke der anderen drei Iraker anschauen wollen.

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