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Das Alte Testament: Kann es heute noch überraschen?

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Inwiefern prägt uns das Alte Testament bis heute?

Das Alte Testament gilt als blutrünstig. Es ist darin viel von Krieg die Rede und von einem Gott, der nicht gnädig ist, sondern herzlos. Wie prägen uns die Texte des Alten Testaments bis heute? Georg Magirius sucht nach Antworten.

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Von
  • Georg Magirius

Die Texte des Alten Testaments klingen heute ungewöhnlich. Es sind Geschichten enthalten, die zum Beispiel von einem Vater handeln, der Gott seinen Sohn opfern soll. Oder von einem Mann, der aus Hass und Eifersucht seinen Bruder erschlägt. Wo ist da die Liebe Gottes zu finden? Thomas Hieke ist Professor für Altes Testament an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Er ist der Meinung: Das Alte Testament kann positiv überraschen.

Was können uns die alten Texte heute sagen?

Der Alttestamentler sieht zwar die kulturellen Differenzen. Dennoch seien in den alten Texten grundlegende Fragen enthalten, die damals aktuell waren und auch heute noch aktuell sind. Das Alte Testament stille nicht den Hunger nach schnell greifbaren Informationen. Seine Kraft entfalte sich vielmehr in Geschichten, Bildern und Symbolen, so der Theologe.

Gleich in den ersten Erzählungen ist das so, in denen sich immerwährende Menschheitsfragen spiegeln: Was ist der Sinn der Welt, der Existenz? Was ist das Böse und wo kommt es her? Und wie komme ich dazu, einem anderen Böses anzutun? Thomas Hieke: "Dann sind wir mitten in der Geschichte von Kain und Abel. Es ist eines der stärksten Bilder, die wir da haben. Im Übrigen: Der Sündenfall findet nicht in Genesis 3 statt, wo die Geschichte mit dem Baum erzählt wird, sondern der Sündenfall ist eigentlich die Geschichte von Kain und Abel. Das heißt, die erste große Sünde, die ein Mensch begeht, ist nicht, dass er von einem Baum isst. So ist es auch nicht gemeint. Es ist ein langes, klassisches Missverständnis dieser Texte, das sich bis in die katholische und kirchliche Dogmatik hinein gehalten hat. Die erste große Sünde, die ein Mensch begeht, ist, dass er seinen Bruder umbringt."

Ein Gott des Unbegreiflichen

Viele Christen kritisieren auch das finstere Gottesbild des Alten Testaments. Tatsächlich, sagt Hieke, ist dieses Gottesbild in der hebräischen Bibel sperrig, und nur in Fragmenten und Andeutungen wird von Gott als dem Unbegreiflichen geredet. Gerade das allerdings könne glaubwürdiger sein als das Bild eines immerzu netten Gottes, das beim erstbesten Schrecken, den man erleben muss, zerbricht. Stärker sei die Rede von der fast unheimlichen Größe Gottes, wie sie in der Vision des Propheten Jesaja zu erahnen ist. "Er sieht Gott auf einem Thron sitzen und der Saum seines Mantels füllt den Tempel. Wenn wir das verstehen wollen, machen wir uns das einfach mal klar: Vielleicht war schon mal jemand im Petersdom. Man stelle sich den Petersdom vor, die größte Kirche, die wir auf Erden momentan haben und stelle sich einen thronenden Gott vor, dessen Mantelsaum den Petersdom erfüllt. Das übersteigt schon mal alle Vorstellungsmöglichkeiten, die man so hat. Und man kann sich die Größe Gottes so bildlich vor Augen führen."

Ein Gott der Freiheit

Auch ist im Alten Testament vom Gott der Freiheit die Rede: "So beginnt ja der berühmte Dekalog mit dem Satz: Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich geführt habe aus dem Sklavenhaus. Das heißt: Dieser Gott des Alten Testaments, der da oft so eine schlechte Presse hat, dieser Gott des Alten Testaments ist ein Gott, der die Freiheit will, der will, dass Menschen in Freiheit leben und auch in Freiheit miteinander umgehen, sodass auch der andere in Freiheit leben kann."

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