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Asche von Nazi-Opfern als Mahnmal – Aktionskunst oder pietätlos? | BR24

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Eine Gedenkstätte vor dem Reichstag, angeblich gefüllt mit Asche von Holocaust-Opfern. Jüdische Verbände sehen durch das provokante Mahnmal die Totenruhe verletzt. Wie weit darf Aktionskunst gehen, um gegen historisches Vergessen anzukämpfen?

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Asche von Nazi-Opfern als Mahnmal – Aktionskunst oder pietätlos?

Eine Gedenkstätte vor dem Reichstag, angeblich gefüllt mit Asche von Holocaust-Opfern. Jüdische Verbände sehen durch das provokante Mahnmal die Totenruhe verletzt. Wie weit darf Aktionskunst gehen, um gegen historisches Vergessen anzukämpfen?

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Das Künstlerkollektiv "Zentrum für politische Schönheit" hat wieder zugeschlagen: Mit einem temporären Denkmal, angeblich gefüllt mit der Asche von Holocaust-Opfern, angeblich 23 Bodenproben aus der Ukraine, Polen und Deutschland, aufgestellt zwischen Berliner Reichstag und Bundeskanzleramt. Die Aktionskünstler wollen mit diesem provokanten Mahnmal vor der Gefahr eines wieder aufkommenden Faschismus warnen. Unionspolitiker sollen nach dem Willen der Künstler vor dem Mahnmal feierlich geloben, jeden Versuch der Diktatur im Keim zu ersticken und niemals eine Regierung mit Hilfe oder Duldung der AfD zu bilden. Um zu verdeutlichen, worum es ihnen geht, "entführten" die Aktionisten auch noch den Grabstein von Franz von Papen, der als Reichskanzler wesentlich dazu beigetragen hatte, die Nationalsozialisten an die Macht zu bringen. Jüdische Verbände reagierten entsetzt und bestürzt: Sie sehen die Totenruhe verletzt. Der Grünen-Politiker Volker Beck will Anzeige erstatten. Barbara Knopf hat mit dem in München lebenden Aktionskünstler Wolfram Kastner über die umstrittene Intervention des "Zentrums für politische Schönheit" gesprochen.

Barbara Knopf: Herr Kastner, Sie engagieren sich selbst stark gegen das historische Vergessen. Im Gegensatz zum "Zentrum für politische Schönheit" legen Sie den Finger zwar in die Wunde, sie stoßen ihn aber nicht hinein. Wie empfinden und beurteilen Sie denn diese Gedenkstätte mit der Asche?

Wolfram Kastner: Man muss sich das genau anschauen, das ist einerseits sicher notwendig, in diesem Land, in dieser Zeit, etwas zu tun, um aufkommenden rechten Tendenzen etwas entgegen zu halten, der braune Dreck kriecht ja aus allen möglichen Ritzen heraus – und da passiert zu wenig. Das erinnert fatal an die Situation vor 1933, als auch verharmlost wurde. Und das hat sich bitter gerächt in der deutschen Geschichte. Ich denke, da wird zu wenig getan, und da muss man etwas tun! Eine solche Aktion ist eine Provokation im Sinne des "provocare", also es ruft etwas hervor. Aber man muss sich natürlich genau überlegen, wie man das macht.

Viele finden das makaber – wobei diese Diskussion: Ist das nun echte Asche oder nicht? Wie wichtig ist dieser Aspekt denn oder lenkt die Diskussion nicht eher ab von dem, was eigentlich die Aussage sein soll?

Naja, ob es echte Asche ist oder nicht, das muss man dahingestellt sein lassen. Das weiß ich ja nicht genau zu beurteilen. Aber sicher ist, dass die Asche und die Überreste der Menschen, die von den Nazis ermordet worden sind, nicht würdig bestattet wurden, sondern sie wurden verscharrt. Und sie wurden verscharrt an Orten, die bis heute entweder unbekannt sind. Oder die Orte sind als Wege oder sonst etwas vorhanden, über die getrampelt wird. Und ich denke, wir sollten uns sehr genau überlegen – und dazu ist dies ein Anlass – wie wir damit umgehen.

Insofern wird ja deren Totenruhe auch überhaupt nicht geachtet, sondern buchstäblich mit Füßen getreten.

So ist es, ja. Das ist eine sehr unwürdige Situation und durchaus nicht im Sinne einer jüdischen Bestattungskultur. Und ich denke, es wäre sehr notwendig und sehr sinnvoll, dass man sich in diesem Lande darüber unterhält, wie man mit diesen Resten der Menschen umgeht, die auf brutale Art und Weise von den Nazis ermordet wurden?

© picture alliance / Matthias Balk / dpa

Lieber provozieren, als die Vergangenheit totschweigen – findet der in München lebende Aktionskünstler Wolfram Kastner

Warum kommt aber dann reflexartig von den jüdischen Verbänden und Institutionen so eine Abwehr, dass sie sagen "Hier wird Totenschändung betrieben! Das wollen wir nicht!"? Denn es ist ja eigentlich in deren Sinn, dass vor dem aufkommenden Faschismus gewarnt wird und vor dem Antisemitismus. Und das macht das Zentrum für politische Schönheit doch?

Das machen sie, und das ist auch notwendig. Und auch ich verstehe diese heftige Gegenreaktion nicht ganz, weil wir uns überlegen müssten – und da sind alle gefragt – wie wir mit den "Restbeständen" dieser Menschen, dieser Personen umgehen, wie wir würdig an sie erinnern und sie würdig bestatten könnten.

Zugleich macht das Zentrum für politische Schönheit einen ziemlich weiten Assoziations-Raum auf: Die Entwendung des Grabsteins von Franz von Papen, das referiert ja, finde ich, auch auf die Schändungen jüdischer Grabmäler und Friedhöfe, die tagtäglich stattfinden. Oder dieses feierliche Gelöbnis, das die Unionspolitiker nun ablegen sollen, um jeden Versuch der Diktatur im Keim zu ersticken - vielleicht eine Reaktion auf die jetzt öffentlichen Bundeswehr-Gelöbnisse. Also im Grunde genommen stecken da sehr viele Dinge drin, auf die das Zentrum für politische Schönheit hinweisen möchte.

Na ja, es ist sicher auch notwendig, darauf hinzuweisen, wie aus der Mitte der Gesellschaft oder aus den konservativen Parteien, insbesondere 1932/33, die Machtübergabe an die Nazis vorbereitet wurde. Und da haben wir noch ganz viele unbearbeitete Beispiele davon. Wir haben zum Beispiel deutschlandweit, zwischen Sylt und Berchtesgaden und Landsberg, noch immer Hindenburg-Straßen. Und Hindenburg war ja einer der Steigbügelhalter für die Nazis, und der wird geehrt! Ich habe zum Beispiel in Dietramszell ein solches Schild abgeschraubt. Und das hatte heftige Wirkungen, weil man dann doch diesen Hindenburg immer verharmlost, so wie man damals die Nazis verharmlost hat und heute auch wieder verharmlost.

Wir gehen mit der Geschichte auf eine lässige bis nachlässige Art und Weise um. Und ich denke, wir sollten uns etwas überlegen, wie wir das verändern, wie wir das ins Bewusstsein heben, dass die Verharmlosung der Nazis in diesem Lande Tradition hat. Wie wird dem frühzeitig etwas entgegenhalten, sodass im Bewusstsein der Menschen wirklich etwas entsteht, was wir als die Grundlage von Demokratie und Achtung von Menschen und Menschenwürde und Menschenrechten bezeichnen könnten – da passiert einfach zu wenig! Da wird in der Polizei, in der Staatsanwaltschaft, in den Gerichten, in der Politik, in den Parlamenten weiter verharmlost. In den Medien auf eine fatale Art und Weise, und das finde ich beängstigend. Deshalb denke ich, dass man auch in solchen Kunstaktionen, die ja etwas sichtbar machen, was man sonst nicht sieht, wie Paul Klee sagte, natürlich auch eine gewisse Schmerzgrenze und Grenzüberschreitungen machen kann, ja sogar machen muss.

© picture alliance / Frank Mächler dpa/lby

Es soll kein Gras darüber wachsen: Aktionskünstler Kastner erinnert im Mai 2007 am Münchner Königsplatz an die Bücherverbrennung der Nazis 1933

Nun auch Sie machen das, aber sie machen es in einer eigentlich sehr konkreten und nachvollziehbaren Art und Weise. Also zum Beispiel gibt es dieses Denkmal, für den Kriegsverbrecher Jodl auf der Frauen Insel am Chiemsee. Dessen Grab haben Sie mit roter Farbe bemalt und ein Schild angebracht: "Keine Ehre dem Kriegsverbrecher!". Das ist ja sehr konkret. Allerdings stoßen Sie da auch schon auf sehr viel Widerstand. Sie haben bereits etliche Prozesse geführt und Sie erhalten sogar Morddrohungen!

Nun mache ich es ein bisschen anders, weil ich erst einmal den Dialog versuche, der dann leider in der Regel abgelehnt wird. Dann tut man so, als ob das ja alles längst Geschichte ist. Nein, nein, es ist Gegenwart! Geschichte ist ein Teil der Gegenwart, des gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Bewusstseins. Es hat sich nichts automatisch erledigt, sondern wir müssen heute etwas tun, damit wir eine bessere Zukunft als die Vergangenheit haben.

Insofern ist das Zentrum für politische Schönheit schon am richtigen Ort. Auch der Ansatz, sich den Boden anzuschauen. Auch Sie haben ja zum Beispiel am Königsplatz das Gras abgebrannt, um auf die Nazi-Aufmärsche hinzuweisen, die dort einmal stattgefunden haben.

Und das wurde vom damaligen SPD-Oberbürgermeister verboten, mit der Begründung, der Rasen von 1933 sei nicht mehr vorhanden. Der ist natürlich nicht mehr vorhanden, das wusste jeder. Aber der Geist von damals ist noch vorhanden und auch die Wirkungen von damals, indem ein großer Teil der Bücher, die damals verbrannt wurden, bis heute nicht in den Schulbüchern, im Bewusstsein und in den Bibliotheken vorhanden sind. Da muss man etwas tun, und da gibt es verschiedene Formen. Ich würde auch nicht sagen, dass die Erde, die jetzt in Berlin auf dem Ort der Gedenkstätte ist, dort bleiben soll. Weil es aber temporär gedacht ist, sollte man sich überlegen: Was macht man denn dann damit? Wo und wie bewahrt man Sie – mit einem würdigen Angedenken?

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