Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Wie viel Freiheit verträgt unsere Streitkultur? | BR24

© Bayern 2

Für Sibylle Lewitscharoff behindern Sprachregeln wie das Gendersternchen freies Denken, für Rainer Merkel geht es dabei schlicht um Respekt. Beide sind bei den Augsburger Gesprächen zu Literatur und Engagement zu Gast. Ein kulturWelt-Gespräch.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Wie viel Freiheit verträgt unsere Streitkultur?

Für Sibylle Lewitscharoff behindern Sprachregeln wie das Gendersternchen freies Denken, für Rainer Merkel geht es dabei schlicht um Respekt. Beide sind bei den Augsburger Gesprächen zu Literatur und Engagement zu Gast. Ein kulturWelt-Gespräch.

Per Mail sharen
Teilen

Heute sind gleich zwei renommierte Schriftsteller bei den Augsburger Gesprächen über Literatur und Engagement zu Gast: die Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff – in wenigen Wochen erscheint ihr neuer Roman "Von oben" – und der literarische Reporter und Romancier Rainer Merkel. Er hat unter anderem mit dem Buch "Das Unglück der anderen" für Aufsehen gesorgt. Darin schildert er seine Eindrücke aus den Krisengebieten in Liberia, Afghanistan sowie dem Kosovo. Knut Cordsen hat mit Rainer Merkel und Sibylle Lewitscharoff vor ihrem Augsburger Auftritt gesprochen.

Knut Cordsen: Frau Lewitscharoff, die einst von Jean-Paul Sartre geprägte Formel von der "littérature engagée" ist ja schon etwas älteren Datums, sie datiert von 1945. Hat dieser Topos von der engagierten Literatur für Sie je eine Relevanz besessen?

Sibylle Lewitscharoff: Das kommt auf die Zeiten an. Ich würde sagen, bis vor vielleicht vier, fünf Jahren hat das für mich wenig Relevanz besessen. Es kommt auf die friedfertige Umgebung an. Ich finde, wenn man in einem Land lebt, in dem sich politische Tumulte nun nicht gerade zuspitzen, ist es wenig relevant, als Schriftsteller seine Stimme zu erheben. Aber wenn sich das ändert, dann würde ich sagen, sollte man vielleicht doch bestrebt sein, etwas zu tun.

In Ihrer Jugend waren Sie politisch engagiert, Sie waren Trotzkistin, also Mitglied der kommunistischen Kirche. Hat das keine Spuren in Ihrem Schreiben hinterlassen?

Sibylle Lewitscharoff: Na ja, das war zwischen 12 und 15. Es änderte sich aber schnell, weil die Trotzkisten auch viele literarische Werke nicht gerne gesehen haben, die ich einfach gerne gelesen habe. Da war die Beziehung dann doch ein bisschen erkaltet.

Herr Merkel, wenn man auf Ihre Bücher sieht, Berichte aus Krisengebieten wie Liberia – "Go Ebola Go" ist so ein Buch –, dann hat man schon den Eindruck, dass Sie gerade mit den darin geschilderten Eindrücken Ihre Leser wachrütteln und auf das dortige Leid aufmerksam machen wollen. Sehen Sie sich als engagierter Literat?

Rainer Merkel: Ich glaube, dass sich jeder Autor als engagierter Autor sehen sollte. Ich meine, dass es nicht reicht, gesellschaftliches Engagement vor sich her zu tragen, sondern dass man das auch in seine Arbeit irgendwie integrieren muss – und das ist die Literatur. Der Druck auf die Literatur ist größer geworden, was Vorstellungen von Authentizität angeht. Heutzutage reicht es nicht mehr aus, sich politisch zu engagieren und etwas anderes zu schreiben. Es hängt vor allen Dingen davon ab, in welchen gesellschaftlichen Feldern man sich bewegt. Ich habe lange in Berlin gelebt und erst vor zehn, fünfzehn Jahren ein bisschen das Fenster aufgemacht und mich in die Welt hinausbewegt. Da habe ich natürlich einen anderen Zugriff auf Dinge, die mir vorher fremd waren.

Sie haben in Liberias Hauptstadt Monrovia in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet für die Hilfsorganisation Cap Anamur, die dort gesammelten Erfahrungen sind dann später auch in Romane wie etwa "Bo" eingeflossen. Ihr jüngster Roman "Stadt ohne Gott" spielt vor dem Hintergrund des syrischen Bürgerkriegs im Libanon, in Beirut. Darin gibt es ja auch die Figur eines Kriegsreporters, eines Rechercheurs, wie Sie einer sind – was zieht Sie selbst immer wieder in solche lebensgefährliche Regionen?

Rainer Merkel: Nein, ich würde mich nicht als so jemanden bezeichnen, auf gar keinen Fall. Mein Interesse am Libanon hat sich ergeben aus der Zeit in Liberia, als ich in einem psychiatrischen Krankenhaus tätig war und da viel mit libanesischen Geschäftsleuten zu tun hatte. Ich finde, dass es keinen Sinn hat, wenn man sich so Schauplätze sucht, die irgendwie im Gespräch oder im Diskurs sind. Es ist vielmehr notwendig, dass man eigene Erfahrungen sammelt. Deshalb bin ich zum Beispiel auch noch mal nach Liberia gefahren im Rahmen der Ebola-Krise: nicht, weil das jetzt ein guter Text werden sollte. Sondern auch, weil ich da Leute kannte, einen persönlichen Bezug zu Land und Leuten hatte – und weil ich das Gefühl hatte, die Berichterstattung in Deutschland und Europa deckt sich nicht mit dem, was vor Ort passiert.

© Gaby Gerster

Schriftsteller Rainer Merkel

Frau Lewitscharoff, Sie selbst haben Ihre eigenen Erfahrungen gemacht mit öffentlichem engagiertem Reden: Ihre umstrittene Dresdner Rede zur künstlichen Befruchtung hat 2014 hohe Wellen geschlagen, weil Sie damals von "Halbwesen" gesprochen haben. Denken Sie nach dieser Erfahrung anders über das Thema Freiheit, Meinungsfreiheit, um das es ja in Augsburg zentral gehen wird?

Sibylle Lewitscharoff: Ja, zwangsläufig ein bisschen schon. Zunächst einmal: Ich habe mich sofort entschuldigt für die drei, vier, fünf, sechs sehr dummen und aggressiven Sätze, von denen ich auch wirklich hinterher dachte: Wie kann man so dumm sein, das so zu schreiben? Die Entschuldigung war wirklich ehrlich gemeint, weil ich dachte: So kann man es nicht formulieren in Bezug auf Kinder, die nun mal so auf die Welt gekommen sind. Aber neu für mich war dann sehr wohl, dass ich mit einer Ladung von Morddrohungen konfrontiert wurde und all dem anderen, was drum herum passierte. Das fand ich schon sehr heftig. Das hat mir zwar keinen Angst-Schock in dem Sinn eingejagt, weil ich immer schon zu schärferen Positionen neigte, seit meiner Schulzeit, und deshalb erwarte ich auch, dass es manchmal ein bisschen schärfer wieder zurückkommt. Das ist verständlich. Ich bin auch nicht das, was man im Schwäbischen eine "Bähmull" nennt, also eine Person, die nichts verträgt. Das bin ich nun wirklich nicht. Aber dass man als Reaktion auf eine Rede in hoher Zahl Morddrohungen bekommt, das finde ich doch eine sehr neue Erfahrung.

In jüngster Zeit haben Sie einen Aufruf unterschrieben gegen "sprachpolizeiliche Eingriffe" wie das Gendersternchen: Sie sind Mitunterzeichnerin des Aufrufs "Schluss mit dem Gender-Unfug". Ist die politische Korrektheit etwas, gegen das Sie noch am ehesten aufbegehren?

Sibylle Lewitscharoff: Ja, es kommt darauf an, wie man sie sieht. Es gibt natürlich fatale Arten von hoch aggressiven Reden, die Menschen beschädigen, da bin ich vollkommen dagegen. Nur was sich im Rahmen dieses Genderismus abspielt, auch an der Universität, wo freies Denken wirklich herrschen muss, was sich da an bürokratischen Sprachregelungen ergeben hat, da kann ich nur sagen: Ich bin froh, dass ich nicht mehr studieren muss. Das ist ja furchtbar, einfach nicht zu begreifen, dass in der Grammatik beide Geschlechter vereint sind. Das ist für mich eine so tödliche und so langweilige Form des Miesmachens eines freien Gesprächs. Aber meine Toleranz hört sofort auf, wenn es um Menschenverachtung geht und um rechtsradikale Parolen, weil es da wirklich zur Sache geht. Das ist etwas anderes. Da bin ich auch sehr schnell rhetorisch kampfbereit. Aber nicht diese Genderitis, das finde ich eine furchtbare Sprachregelung.

Sie sind Religionswissenschaftlerin, und das Thema Religion zieht sich durch viele Ihrer Bücher, Sie haben zuletzt mit Najem Wali zusammen den Dialogband "Abraham trifft Ibrahim" herausgebracht. In Augsburg wird gefragt, inwiefern Freiheit "nicht letztlich auch kultur- und religionsabhängig" ist. Wie lautet Ihre Antwort darauf?

Sibylle Lewitscharoff: Ja, sie ist es. Sie ist tatsächlich davon abhängig, aber die Religionen haben ja verschiedene Stadien durchlaufen. Das heißt, Sie müssen immer aufs Jahrhundert gucken. Der Islam war ja in vielen Zeiten ungleich toleranter als das Christentum, heute hat sich das umgekehrt. Das heißt, man muss auf die historische Zeit blicken, wo wann wer weniger aggressiv war und weniger zu Totschlägerei bereit. Das ist im Verlauf der Geschichte durchaus sehr unterschiedlich zwischen den Religionen.

Herr Merkel, wie kultur- und religionsabhängig ist Freiheit letztlich?

Rainer Merkel: Ich möchte auf das eingehen, was Frau Lewitscharoff gesagt hat. Ich finde es gar nicht so unwichtig, dass wir eine sehr hohe Sensibilität anlegen, wenn es um Sprache und Macht geht. Ich finde das, was an amerikanischen Universitäten passiert, sehr wohl super interessant und auch zum Teil notwendig. Da geht es für mich eigentlich nicht darum, dass Freiheit begrenzt wird, sondern darum, wie wir einander mit Respekt begegnen und miteinander umgehen. Das bedeutet natürlich immer, dass man seine eigenen Freiheitsräume reflektieren muss. Wir müssen ja auch unsere Freiheitsräume in Europa im Hinblick auf den Rest der Welt ein bisschen sehen. Wir leben in einer Gesellschaft, wo wir eine nicht-demokratische Peripherie haben. Wir ergehen uns hier in Europa in unserer Freiheit und schotten uns nach außen ab. Unsere Freiheit ist oft die Unfreiheit in den Ländern des Südens. Und da geht es dann auch um die Frage der Religion. Da machen wir uns das oft zu leicht, wenn religiöse Auseinandersetzungen von uns nur als solche wahrgenommen werden. Es sind in Wirklichkeit aber auch machtpolitische Auseinandersetzungen, die oft durch den Westen initiiert worden sind. In dem Zusammenhang würde ich das sehen wollen.

In Augsburg wird auch gefragt: "Wie viel Freiheit verträgt eine Demokratie in Zeiten von Terror und Rechtspopulismus?" "Wie gestaltet sich Freiheit in Zeiten von Flucht und Migration?" Ich will die Frage an Sie beide richten: Drohen wir heute nicht hart erkämpfte Freiheiten allzu leichtfertig preiszugeben? Gerade in einer Streitkultur, in der es auch mal hart auf hart geht und nicht immer sensibel miteinander umgegangen wird?

Sibylle Lewitscharoff: Man muss nicht immer super sensibel miteinander umgehen. Nur: Wenn im rechtsradikalen Jargon Wörter und Benennungen und Feindbilder auftauchen, die wir sehr gut aus dem Nationalsozialismus kennen, hört bei mir dann doch jegliche Toleranz auf. Das ist immer auch Anstachelung zum Mord. Das ist keine Frage. Es gibt eine Rhetorik, die möchte im Grunde den Menschen auch mit der Sprache töten. Und da ist ein ganz neuer Zug auch in die deutsche Politik eingetreten, der mir Sorgen bereitet.

Rainer Merkel: Das ist gar keine Frage, da kann ich mich nur anschließen. Aber ich würde sagen, dass man das Phänomen der neuen Rechten noch in einem anderen Zusammenhang sehen muss. Ich glaube, dass es da auch um einen Verteilungskampf geht. Man könnte zum Beispiel sagen, dass die Rechten sich auch gegen die Freiheit der globalisierten Eliten wenden und die zu begrenzen versuchen. Deswegen haben sie so großen Erfolg, weil wir schon eine gespaltene Gesellschaft haben. Das erleben wir zumindest bisher noch nicht so direkt in Konflikten, das kann sich aber noch ändern. Da stünde es einem Autor gut zu Gesicht, wenn er die Möglichkeiten nutzt, die man hat als Schriftsteller, nämlich sich in diese Wirklichkeit noch stärker hineinzuversetzen. Das Schreiben, so hat es F. Scott Fitzgerald mal definiert, ist eigentlich ein Tauchen unter der Wasseroberfläche und Die-Luft-Anhalten. So ein Hineintauchen in andere Wirklichkeiten ist für mich als Autor fast noch wichtiger, als sich politisch so stark zu positionieren.

Rainer Merkel und Sibylle Lewitscharoff sind heute in Augsburg zu Gast bei Lesungen und Gesprächen über Literatur und Engagement, heuer unter dem Hashtag Freiheit.

© Suhrkamp

Sibylle Lewitscharoff, "Von oben"

Sibylle Lewitscharoffs Roman "Von oben" erscheint am 9. September im Suhrkamp Verlag. "Stadt ohne Gott" von Rainer Merkel ist bei S. Fischer Verlag erschienen.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!