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Warum Schleim nichts Schlimmes ist | BR24

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Wie heißt es so schön? Staub zu Staub. Dabei müsste es doch heißen: Schleim zu Schleim. Denn der Mensch ist Schleim und wird zu Schleim. Klingt eklig? Dann empfehlen wir unser Interview mit Susanne Wedlich, Autorin des "Das Buchs vom Schleim".

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Warum Schleim nichts Schlimmes ist

Wie heißt es so schön? Staub zu Staub. Dabei müsste es doch heißen: Schleim zu Schleim. Denn der Mensch ist Schleim und wird zu Schleim. Klingt eklig? Dann empfehlen wir unser Interview mit Susanne Wedlich, Autorin von "Das Buch vom Schleim".

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Schleim, das ist der Stoff, aus dem Kinomonster gemacht sind, aus dem unsere Ängste kriechen und der doch zu uns Menschen gehört, mit unseren Schleimhäuten und Körpersekreten. Weswegen Gerhard Polt einmal unnachahmlich meinte, der Auswurf sei die Auster des kleinen Mannes. Ein Satz, der beweist: Vom Ekel zur Kulinarik ist es oft nur ein kleiner Schritt. Mindestens so umfassend mit dem Schleim in seiner vielfältigen Erscheinungsform der evolutionsgeschichtlichen Entwicklung und den kulturellen Ausprägungen hat sich die Wissenschaftsjournalisten und Biologin Susanne Wedlich auseinandergesetzt in ihrem Buch "Vom Schleim", das in der Naturkunden-Reihe von Matthes Seitz erscheint.

Barbara Knopf: Sie schreiben unter anderem: Schleim drängt selten in den Vordergrund, hält aber dennoch unsere Welt zusammen. Wie meinen Sie das?

Susanne Wedlich: Wir müssen uns nur unseren eigenen Körper anschauen. Der Organismus besteht zu einem Gutteil aus Schleim. Die Schleimhäute, die ja alle unsere inneren Oberflächen auskleiden, die Atemwege, den ganzen Verdauungstrakt. Aber das läuft versteckt ab. Wir merken es nur, wenn die Nase läuft, wenn man erkältet ist. Aber sonst drängt sich der Schleim nicht nach vorne. Und genauso ist in der Natur auch. Viele Schleime bilden sich über Mikroben, vor allem an Grenzflächen.

Die Meere sind alle bedeckt von einer hauchzarten Schleimschicht, die man nicht sieht – zum Glück, sonst würden wir alle nicht baden. Selbst in Wüsten, auf der Wüstenoberfläche, gibt‘s Schleime: die sogenannte biologische Bodengruppe. Die sieht man nicht und hört man nicht, es ist aber doch ein Schleim drin, der wahnsinnig wichtig ist, denn er wirkt gegen die Erosion. Das heißt, man muss lange suchen, lange recherchieren, um die ganzen Schleime ausfindig zu machen.

© Privat

Schleim-Autorin Susanne Wedlich

Der Schleim löst ja erst einmal gleich Assoziationsketten aus. Meistens ist er eher mit Ekel besetzt oder mit Angst. "Der Schneckenforscher" bei Patricia Highsmith wird ja letztendlich auch von den Tieren verschlungen. Ist der Schleim deswegen auch von der Kunst, der Literatur und insbesondere dem Film so schnell adaptiert worden?

Er ist eigentlich nicht so schnell adaptiert worden. Meine These ist, dass die Menschheit lange Zeit mit Schleimen gelebt hat. Bevor die Straßen befestigt waren, war alles schlammig und schleimig, der Nachttopf wurde ausgeleert, Abfälle sind verrottet. Ich glaube, da konnte man nicht so pingelig sein und sich vor Schleim ekeln. Und dann hat man das irgendwann zurückgedrängt. Das heißt, wir können es uns jetzt leisten, den Schleim so wohldosiert bei jedem Alien, bei jedem Monster im Kino eine Hauptrolle zu geben und uns zu ekeln. Das macht Spaß, und dann kann man rausgehen und kann ihn wieder vergessen. Der erste große Schleim-Film war "Der Blob" in den 50er-Jahren – dieser rote Alien-Schleim, der alle verschlungen hat und Steve McQueen nachjagt ist. Da war es eben der rote Schleim. Das stand dann wahrscheinlich – auch wenn die Autoren das nicht so ganz hundertprozentig gesagt haben – für den Kommunismus: Man solle aufpassen, sich nicht zu infizieren, sich nicht auffressen lassen. Danach kam in den 80ern diese gigantische Schleimwelle mit den "Ghostbusters" und diesen ganzen Filmen, in denen der Schleim neonfarben leuchtend, schauerlich pink war. Da gibt es auch diese These, dass das ein bisschen für die Atom-Ängste der Leute stand.

Das heißt, man hat den Schleim auch immer mit einer übergeordneten Bedeutung überlagert?

Na ja, er ist so flexibel, dass man jede Paranoia, die man gerade hat, dem Schleim zuschreiben kann. Das ist eigentlich das Gute daran.

Das Thema Schleim berührt sowieso unser Bewusstes und Unbewusstes, oder?

Das hat sicher damit zu tun, dass wir auf unseren eigenen Schleim stoßen. Beim Sex ist Schleim nicht ganz unwesentlich. Und klar: verrottende Materie, das hat alles mit Schleim zu tun. Das heißt, wir können nicht ohne Schleim. Aber wir denken nicht so gern darüber nach.

Weil sie auch den Sex genannt haben: Da kommt man gleich zum Bild der Frau. Sie sagen, dass diese biologistische Sicht auf die Frau bis heute wirkt. Ich muss da immer an Trump denken, der einer Journalistin vorgeworfen hat, dass sie ihre Menstruation hat. Tatsächlich gibt es das immer noch.

Ja, das kommt erstaunlich stark wieder. Das hat natürlich eine lange Tradition. Der Mensch als Schleimwesen, das geht zurück in die Antike. Da gab es diese Lehre von den Körpersäften, aus denen wir bestehen. Schleim war da sehr wichtig, nach dem Motto: Wenn man krank wird, sind die nicht mehr im Gleichgewicht. Und dann gab es die Kirche, die natürlich ihre jungen Pfarrer und Mönche von den Frauen fernhalten wollte. Dann hieß es, man solle sich doch die Frauen mal anschauen: von außen seien sie vielleicht schön, aber eigentlich sind es widerliche Schleimbeutel. Ich habe vor kurzem ein Interview mit einer Regisseurin gelesen, die einen Film über "Mary Queen of Scots" gemacht hat und meinte, sie wollte so gerne in einer Szene vorsichtig Menstruation thematisieren. Was bei Königinnen auch wichtig war: Sprich, man ist nicht schwanger. Und das hätte sie fast nicht durchgebracht, für diese Szene musste sie kämpfen. Und auf der anderen Seite hat man natürlich diese Schlachtfelder in jedem zweiten Film, gerade dem historischen Film, aber Männerblut ist ja auch heroisch!

© picture alliance/Everett Collection

Heroisch, nicht eklig: Männerblut im Film

Das fand ich auch interessant, dass Sie geschrieben haben, dass es für die Soldaten, die durch den Schlamm gekrochen sind, den Ausdruck "Slime Skapes" gab, also Landschaften voller Schleim. Dass es also eine gegensätzliche Konnotation gibt und der Schleim demnach für Leben und für Tod steht.

Ein britischer Historiker hat diesen Ausdruck geprägt, weil dieses Wort Schleim, aber auch Schlamm – das haben die Soldaten ein bisschen austauschbar verwendet – das stand für diesen unsäglichen Untergrund. Da waren ja auch menschliche Ausscheidungen drin, Metallsplitter, Menschenreste. Das muss so eine spezielle Konsistenz gehabt haben, dass die nicht mehr weiter konnten, dass sie gerettet werden mussten. Es ist schon sehr breit, wie weit diese Schleimassoziationen einen führen können.

Als Autorin haben Sie den Schleim fest im Griff, muss ich sagen, Sie schreiben über all diese Dinge, Sie schreiben auch über Darmbesiedelung, was es möglicherweise heißt, wenn diese Hydrogele im Körper nicht so funktionieren, vielleicht auch für Demenz oder Herzinfarkte. Sie schreiben bis zu Andersens Meerjungfrau, die ja auch mit dem zerfallenden Meeresschaum zu tun hat. Im Grunde genommen ist es eigentlich auch ein Plädoyer für einen Imagewechsel. Sie sagen ja auch, dass dem Schleim im Klimawandel noch eine große Rolle zukommen wird. Inwiefern?

Ich glaube es, denn gerade das Meer steht ja aktuell so im Fokus. Was passiert, wenn sich die Ozeane erwärmen, wenn sie versauern, wenn sich der pH-Wert ändert? Ich habe vorhin ja schon erwähnt, dass es zum Beispiel diese dünne Schleimschicht an der Oberfläche der Ozeane gibt. Das ist die Grenzfläche zwischen der Atmosphäre und dem Meer. Jedes Molekül CO2, das aufgenommen wird vom Meer, muss da durch. Vielleicht wird diese Schicht ein bisschen dicker, weil da Mikroben aktiv sind – die freuen sich, wenn es wärmer wird.

Das heißt, der Austausch ist dann möglicherweise gestört?

Ja, in welche Richtung auch immer. Der wird schon irgendwie weiter verlaufen, vielleicht langsamer, vielleicht schneller. Noch wichtiger ist der Schleim, der im Ozean selbst vorkommt, das ist ja eine richtige Schleimsuppe, weil eigentlich alle Organismen Schleim machen. Mikroben machen Schleim, Korallen gleich literweise. Viel Schleim sinkt langsam als Meeresschnee – der heißt so, weil er an Flocken erinnert – in die Tiefe und bleibt da unten zumindest über Jahrtausende, wenn nicht noch länger. Und das ist es auch, was das Meer zum Kohlenstoffspeicher macht, den wir jetzt brauchen, um den Klimawandel nicht weiter zu beschleunigen. Aber da wird sehr wenig gemacht. Es gibt ein paar Studien dazu, die alle nichts Gutes verheißen. Es könnte nämlich sein, dass dieser Schleim, der die Meeresflocken verkleben muss, weniger klebt, wenn der pH-Wert sich verändert. Und dann wandert dieses Material nicht mehr in die Tiefe, weil dann hat man nur ganz kleine Partikel, die sind nicht schwer genug, die sinken nicht, werden zerlegt und unter Umständen geht das dann als CO2 wieder in die Atmosphäre raus.

Susanne Wedlich – "Das Buch vom Schleim" ist erschienen in der Reihe Naturkunden bei Matthes & Seitz

© Matthes & Seitz

Cover zu Susanne Wedlichs "Das Buch vom Schleim"

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