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Kultur? Nicht nur etwas, wofür man Eintrittskarten kaufen muss! | BR24

© picture alliance / All Canada Photos Audio: BR

Was ist wichtiger: Spitzengehälter für Kulturmanager oder die Förderung kleinerer Projekte? Diese Frage muss die Gesellschaft beantworten.

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Kultur? Nicht nur etwas, wofür man Eintrittskarten kaufen muss!

In der Krise wird neu über die Verteilung knapper Mittel für Kultur diskutiert. Mechthild Eickhoff vom Fonds Soziokultur vertritt einen offenen Kulturbegriff. Und erzählt im Interview, wie Basisprojekte den Blick auf die Gesellschaft weiten können.

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Wenn die Gelder weniger werden, beginnt der Verteilungskampf. Und die Zeit der provokanten Überlegungen: Soll man noch teure Bühnenbilder bezahlen, wenn nur wenige Leute mit Abstand ins Theater reinkommen? Soll man Spitzengehälter für Kulturintendanten ausgeben oder lieber für Bio-Essen in den Schulkantinen? Dieser Streit scheint in Frankreich besonders heftig geführt zu werden, wo in einigen Städten grüne Bürgermeister*innen angeblich gegen die Hochkultur anregieren. Damit aber werden komplexe Dilemmata wieder auf populäre Gegensätze zusammengezurrt. Die heikle Frage bleibt angesichts der Corona-Sparmaßnahmen: Wie viel Hochkultur können oder sollen wir uns leisten? Barbara Knopf hat mit der Kulturwissenschaftlerin und Kulturpädagogin Mechthild Eickhoff gesprochen, Geschäftsführerin des Fonds Soziokultur in Bonn.

Barbara Knopf: Ist Hochkultur ein Luxus, von dem wir uns durch Corona sowieso irgendwie verabschieden müssen?

Mechthild Eickhoff: Nein, auf gar keinen Fall, Hochkultur ist kein Luxus. Und da fängt es schon an, sehr schwierig zu werden. Ich arbeite für den Fonds Soziokultur. Da bekommen die einen, die zuhören, jetzt vielleicht eine Gänsehaut, und die anderen denken, um Gottes willen, noch mehr von diesem halbgaren und nicht professionellen Kunstzeug in irgendwelchen Stadtquartieren. Das gegeneinander auszuspielen, passiert immer in Krisenzeiten. Die grundlegende Frage liegt aber auch immer klar da: Was machen wir eigentlich für wen im Bereich der Kunst und Kultur? Und da glaube ich schon, dass man sich hier und da fragen kann, wie offen sind denn arrivierte Einrichtungen dafür, noch etwas Neues auszuprobieren und sich auch immer wieder kritisch zu fragen, wer kommt, wer nutzt, wer erzählt eigentlich unsere Geschichten mit?

Welche Projekte initiieren Sie zum Beispiel, um mehr Menschen zu erreichen, als die Hochkultur dies tut? Oder andere Menschen?

Ja, andere. Wir haben die Erfahrung gemacht, wenn man auf die Straßen geht und Leute nach ihrer konkreten Geschichte mit einem Erlebnis befragt – nehmen wir ruhig mal Corona –, dann kann jeder etwas erzählen. Da vermischt sich die Kunst etwa mit Subkultur-Richtungen, da können zum Beispiel Skater und Skaterinnen eine Geschichte über eine Stadt erzählen, wie ich sie als Fahrradfahrerin nie erleben würde. Ich glaube, man kann besser in eine Kommunikation darüber eintreten, wie wir uns Gesellschaft vorstellen. Im Grunde glaube ich, dass man mit Kunst und Kultur immer Realität verarbeitet. Man verhandelt sie symbolisch, und das ist ja auch eine Riesenchance.

Als Geschäftsführerin des Fonds Soziokultur haben Sie Geld bekommen aus einem Programm der Bundesregierung für Kultur und Medien, 10 Millionen Euro für partizipative Kulturprojekte in diesem und dem nächsten Jahr, aufgeteilt wohl auf 333 Projekte mit maximal 30.000 Euro. Da muss man aber auch sagen: Das ist ja nicht viel Geld. Was macht man damit konkret?

Dazu muss man sagen, die Grundförderung, die wir durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien erhalten, liegt bei 2 Millionen Euro jährlich. Damit können wir zweimal im Jahr ungefähr 120 oder 130 Projekte fördern. Wir erhalten aber 800 Projektanträge, nur um das Verhältnis kurz darzulegen. Das heißt, wir rufen in zeitlich getakteten Open Calls auf zu Ausschreibungen. Die erste wird sehr offen sein. Dann kommen Themenausschreibungen, von denen wir denken, das könnte auch über diese Pandemie und Krisensituation hinaus ein ganz gutes Experimentierfeld seien. Also zum Beispiel Netzwerkarbeit mit ungewöhnlichen Partnern und Partnerinnen. Wie geht zum Beispiel ein freier Verein mit einer Einrichtung der Hochkultur um? Können die zusammen Open Air machen, in dem Maße, wie es möglich und erlaubt ist? Wir werden das Thema Kinder und Jugendliche aufrufen. Über die wird viel geredet – wie geht Schule, geht es jetzt besser oder schlechter? Aber wo kommen die selber zu Wort? Und wir werden in Richtung Diversität fragen: Was gibt es da für Lücken? Können wir jetzt Modelle entwerfen, wie wir mit diesem Brennglas der Krise noch mal anders umgehen? Dazu sind wir durch die Pandemie aufgefordert.

Was sehen Sie denn in diesem "Brennglas der Krise"? Ein schöner Begriff finde ich, weil Corona alles so offenlegt….

Das merken wir ja alle. Ob das privat ist oder beruflich: Es geht um Beziehungen – die laufen nicht. Ob das eine geschäftliche, private, künstlerische oder kulturelle Beziehung ist, da sind wir alle wie vor eine Wand gefahren. Wir haben danach gefragt, was macht ihr, wenn ein starker Eckpunkt wegfällt, nämlich eine Beziehung? Der Ideenreichtum war dann sehr beeindruckend.

© EMUfoto / Mena Urbitsch

Wenn sich Kunst und Subkultur vermischen, entstehen spannende Projekte, sagt Mechthild Eickhoff vom Bonner Fonds Soziokultur

Sind das Projekte, die digital umgesetzt werden, in Filmen oder Bildern? Oder wie muss man sich das vorstellen?

Ja, aber es gab auch die Idee, wir gehen raus! Wir packen Materialpakete. Wir werfen die in Stadtteilen ab oder sogar auf dem Land. In dem Fall waren das Requisiten für ein Zirkusprojekt. Wir erreichen die Kinder in den Dörfern dann online über Tutorials. Und die können einander auch selber zeigen, wie sie sich bestimmte Übungen gegenseitig beibringen. Sie konnten selber kleine Clips drehen. Das heißt, die Kompetenz verteilt sich, die Hierarchie ist eine andere. Und am Ende können wir uns auch in kleinen Gruppen treffen und präsentieren aneinander Dinge auf der Straße.

Das heißt, Sie gehen auch in die Lücke der Isolation, die ja zum Teil entstanden ist, das darf man nicht unterschätzen, was da gesellschaftlich passiert. Nun wird es auch viele Immobilien geben, Kulturhäuser, die schließen müssen – Sie sagen: Wir gehen zwar einerseits raus, aber wir könnten vielleicht auch in diese Häuser hinein!?

Diese Häuser zu teilen und zu definieren, was genau darin stattfinden kann – vielleicht muss man darüber nachdenken. Das heißt eben überhaupt nicht, dass man diese wunderbar ausgestatteten Häuser dann ramponiert zurücklässt und sagt: Na super, 15 Scheinwerfer haben wir erst mal abgeschraubt und dann zertrümmert, war halt wichtig für unser Metal-Konzert – nein! Es ist ja gar nicht gesagt, dass die bisherigen Hausbewohner*innen da nicht mitreden. Bühne ist immer sehr beliebt, oder ein Museum, das heißt, wir haben erstmal unheimlich viel Platz. Wir haben ein technisches Equipment und ein unheimliches Know-how. Und darüber könnten wir ins Gespräch und auch ins Tun zu kommen, mit den anderen! Warum nicht mit den Wasserwerken, warum nicht mit alleinstehenden Menschen, mit Leuten, die sagen, ich brauche mal dringend wieder Kontakt? Das ist doch unglaublich spannend. Und dann kommt es sofort zu einem Social Impact, zu einer Wirkung in die Gesellschaft, wo man sagt: Ach, Kultur ist nicht nur etwas, wofür ich eine Eintrittskarte kaufen muss, sondern wirklich etwas, wo Beziehungen hergestellt werden.

Aber man muss sagen, auch Soziokultur funktioniert momentan ja nur mit Abstand?

Genau. Wir haben auch Projekte erlebt, die haben umgeswitcht. Eigentlich wollten sie eine Führung mit den Senioren durch ihr Seniorenheim machen. Das ging nicht. Also hieß es, wir machen eine Zoom-Konferenz. Da dachte ich, oh Gott, oh Gott, wird das denn klappen, die Pflege hat doch anderes zu tun, als sich jetzt um die technische Einrichtung zu kümmern. Ich war dann dabei. Es war wirklich datiert wie eine Theateraufführung. Man musste sich dann einloggen, um 18 Uhr geht's los, um 19 Uhr ist es vorbei, danach noch Diskussionen. Und ich habe diesen Seniorinnen, diesen Damen, diesen Performerinnen zwischen 80 und 90 Jahren so viel näher gestanden – als wäre ich hinter ihnen her gelaufen oder gefahren in ihrer Residenz. Das war ein beeindruckendes Erlebnis.

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