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Warum Kritiker Simon Strauß nach anderen Theaterstücken ruft | BR24

© Musacchio Ianniello Pasqualini

Der Spielplan unsere Theater muss diverser werden - fordert der Kritiker und FAZ-Redakteur Simon Strauß

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Warum Kritiker Simon Strauß nach anderen Theaterstücken ruft

Corona wirbelt die Theaterpläne durcheinander, die Pandemie bringt fast alles zum Erliegen. Welche Änderungen angebracht wären, wenn der Betrieb wieder losgeht, sagt Simon Strauß im Interview. Und präsentiert in seinem Buch konkrete Vorschläge.

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Spielplanänderungen kommen im Theater immer wieder mal vor. Meistens ist die Krankheit eines Ensemblemitglieds der Grund dafür, dass ein anderes Stück gegeben werden muss als für den Abend vorgesehen. Die Corona-Pandemie macht uns alle zu potenziellen Patienten, Publikum wie Theaterleute und hat daher für eine besonders radikale Spielplanänderung gesorgt. Angesetzt werden können – und das auch nur als Vorstellungen im Netz – lediglich Inszenierungen, die vor der Krise mal aufgezeichnet wurden. "Spielplanänderung!" heißt nun auch ein neues Buch, das der Theaterkritiker Simon Strauß vorgelegt hat, mit Corona hat es aber nichts zu tun. Die Änderung, die er vorschlägt, ist zwischen den genannten Extremen anzusiedeln. Wie er Christoph Leibold im Interview erklärt hat, geht es zwar um mehr als nur gelegentliche Minimalveränderungen, aber nicht um eine Spielplanänderung im Sinne der gegenwärtigen fast Nulldiät.

Christoph Leibold: Lassen wir Corona außen vor, zumal der Grundstein zu diesem Buch ja schon lange vorher gelegt wurde. In der FAZ, für die Sie als Redakteur arbeiten, haben Sie eine Serie gestartet, in der Sie schlaue Zeitgenossen gebeten haben, vergessene Stücke der Weltliteratur vorzustellen, die dringend mal gespielt werden sollten. Welchem Impuls war das geschuldet? Ist es der Frust des Berufszuschauers, der immerfort dieselben Schillers und Shakespeares sehen muss?

Simon Strauß: Ja, vielleicht gar nicht so sehr der Frust als die Neugier darauf, was es eigentlich sonst noch so gibt und was man vielleicht aus dem Blick geraten hat lassen. Und wenn man das Theater besucht, professionell oder privat, dann fällt einem ja schnell auf, dass es auf der einen Seite, Sie deuten es an, immer dieselben Namen sind wie Shakespeare, Schiller und die, sagen wir, nach dem Schulkanon geläufigen Namen. Auf der anderen Seite dann eben Adaptionen und ganz neue Stimmen und Positionen. Aber das, was man bei der Oper zum Beispiel schon lange findet, die Sehnsucht danach, zu jeder Spielzeit unterschiedliche Stimmen wiederbeleben zu wollen und neue Entdeckungen zu machen – diese Entdeckerlust, habe ich das Gefühl, die ist im deutschsprachigen Bereich, im Theater jedenfalls, noch nicht so richtig geweckt. Und darauf sollte das eigentlich abzielen: die Entdeckerlust zu steigern.

Woran liegt denn Ihrer Meinung nach die Fixierung der Theater auf diesen relativ kompakten Kanon von klassischen Texten?

Tja, das ist sicherlich erst einmal eine theaterpolitische Entscheidung, wenn man so will. Intendanten, mit denen man hinter verschlossenen Türen auch über so etwas wie unbekannte Stücke spricht, die sagen einem natürlich als erstes: " Ja, das kann man aber nicht machen, da kriegt man das Haus nicht voll!" Da spielen sicher erst mal ganz banale, ökonomische Gesichtspunkte eine Rolle. Und dann liegt es, glaube ich, auch noch an einem zweiten Punkt: Das hängt mit der Dramaturgie zusammen. Ich glaube, dass dieses Berufsbild des Dramaturgen, überhaupt diese so wichtige Ebene im Theater, in den letzten Jahren vielleicht schon Jahrzehnten kontinuierlich abgebaut worden ist und entmachtet wurde – um es mal so auszudrücken. Die Regisseure selber spielen eine viel, viel größere Rolle als früher. Und die Dramaturgen, die sind heute zu Organisationseinheiten degradiert, die gar keine Zeit und auch keinen Einfluss mehr haben.

Es ist ja aber nicht so, dass die Theater sich nicht hin und wieder doch um solche Ausgrabungen, wie Sie sie fordern, bemühen. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, dass das auch gar nicht immer gut geht. Also manchmal muss man auch feststellen, dass ein Stück zu Recht in Vergessenheit geraten ist. Umgekehrt könnte das bedeuten, dass Faust, Hamlet, Woyzeck und wie sie alle heißen, ja auch deshalb weitergespielt werden, weil die Texte schlicht was taugen?

Absolut. Sie haben völlig recht, dass sehr viele Stücke vielleicht zu Recht vergessen worden sind. Aber das müsste man ja auch erst mal beweisen. Ich finde, man kann es sich nicht so einfach machen und es gar nicht erst zur Kenntnis nehmen, was es da alles so gibt. Ich würde mal sagen 80 Prozent dessen, was an theatralischen Texten je geschrieben wurde, ist uns heute überhaupt gar nicht bewusst.

© Tropen Verlag

30 Stücke, die das Theater heute braucht – Buchcover von Simon Strauß' "Spielplanänderung!"

Sie haben ja vermutlich auch deshalb andere Menschen um Stücke-Plädoyers gebeten, um sich selbst überraschen zu lassen. Was war denn so die verwegenste Empfehlung, wo Sie sagen: Da wäre ich selber nie im Leben draufgekommen?

Also genau das ist der Grund. Ich wollte das eigentlich als eine wirkliche Schwarmintelligenz anlegen. Und so ist es ja auch dann geworden. Und ich muss sagen, dass einer der mich beeindruckendsten oder verstörendsten Texte der von Fabian Hinrichs, dem Schauspieler, ist, der über Lord Byrons "Sardanapal" von 1821 geschrieben hat. Da steckt anscheinend – so kann man es ja nur sagen, Sie haben völlig recht, man müsste das jetzt mal testen – aber es steckt anscheinend so unglaublich viel Gefühlschaos und Vor-Modernes, Post-Dramatischen drin. Da war ich doch schon sehr erstaunt und habe mich in der Tat völlig mitreißen lassen von dem Enthusiasmus, den er da hat. Und man kann eben nur hoffen, dass ein Theaterintendant, der jetzt gerade irgendwo zu Hause sitzt, oder eben auch ein Chefdramaturg, das liest und sagt: "Gut, dann geben wir dem Hinrichs jetzt einmal die Chance, dass er das machen kann bei uns."

Ich nehme an, Sie haben keinen Beitrag zensiert. Aber haben Sie alle vorgeschlagenen Stücke gelesen, um sich selber ein Bild zu machen, ob Sie auch diese Stücke für spielbar halten?

In der Tat habe ich alle Stücke gelesen. Und natürlich ist es so, dass man befremdet ist, wenn nicht gar abgestoßen, ja von bestimmter Diktion, von bestimmten historischem Kolorit, was in Stücken drin ist. Wenn Sie zum Beispiel Kotzebue nehmen, also: August von Kotzebues "Ueble Laune" ist ein Stück, das würde man sich heute nicht sofort auf einer Bühne vorstellen können. Es gibt keinerlei Aktualitätsmöglichkeit. Die Sprache kommt uns auch sehr abwegig vor, sehr verstellt. Aber – und das finde ich eben das Entscheidende – es geht ja auch nicht nur darum zu sagen: Was ist passend? Was passt in unsere Zeit? Sondern gerade auch das Verquere, das Fremdartige: das zeigt uns ja irgendwie auch etwas, nämlich, was wir nicht mehr sind und was eben auch Theater nicht mehr ist. Und auch das ist ja eine Erkenntnis, die interessant und aufregend sein kann. Auch bei dem Stück von Max Hermann-Neiße – davon hatte ich auch vorher noch nie gehört – "Joseph, der Sieger", von 1919, ein wahrscheinlich völlig vergessener Autor. Und da merkt man, da ist so viel vom Zeitkolorit drin, was aber auch wiederum interessant ist, weil man da völlig eintauchen kann und vergisst eigentlich, in welcher anderen Zeit man gerade lebt.

Spielplan-Gestaltung ist eine wichtige Aufgabe im Theater, die Besetzung eine andere. Bei Ihnen kommen Schauspielerinnen und Schauspieler wie Johanna Wokalek oder Dörte Lyssewski und Burghart Klaußner zu Wort. Autorinnen und Autoren wie Nino Haratischwili, Hans Magnus Enzensberger und Daniel Kehlmann, um nur einige zu nennen. Wie kam es zu dieser Besetzung?

Das habe ich mehr oder weniger aus spontanen Zuschriften auch zu dieser Serie herausgebildet, dieses Team. Ich hatte ja einen Ausgangstext geschrieben in der FAZ, wo ich das angekündigt habe, und daraufhin haben sich unterschiedliche Leute gemeldet. Aber es war mir dann doch eine große Freude und eine Überraschung, wie viele unterschiedliche Stimmen aus ganz unterschiedlichen Lagern, wenn man so will, auch hier teilgenommen haben. Also eine Nino Haratischwili, die für den Pathosbegriff plädiert, ganz stark hier in dem Band, einen Text über Hans Henny Jahnns "Medea" schreibt und gleichzeitig eine – wie soll man sagen – verspielt lustige Komödie "Frankie und Johnny", die vorgestellt wird. Da gibt es doch ganz unterschiedliche Zugänge zu dem Ausgangsthema, und das finde ich eigentlich dieses Funkeln, dieses Diverse – wenn man mal den Begriff doch wirklich ernst nehmen will, der im politischen Bereich so eine große Rolle spielt. Auch im kulturellen Gedächtnis könnte der Begriff der Diversität ja eine funkelnde Rolle spielen – und das versucht das Buch anzudeuten.

"Spielplanänderung!" von Simon Strauß ist erschienen im Tropen Verlag.

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