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Wie macht man aus der Wiesn ein Serien-Event, Christian Limmer? | BR24

© Bild: BR/ARD Degeto; Audio: BR

Ein Franke, der alle Regeln bricht: Der Nürnberger Gastronom Curt Prank (Mišel Matičević) will aus der gemütlichen Wiesn ein Mega-Event machen und geht für seine Pläne über Leichen.

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Wie macht man aus der Wiesn ein Serien-Event, Christian Limmer?

"Oktoberfest 1900": Die neue sechsteilige ARD-Serie mag viele trösten, die den Wiesn-Rummel im Corona-Jahr vermissen. Head-Writer Christian Limmer erzählt, wie aus historischen Figuren, Anekdoten und Fiktion ein spannendes Melodram entstanden ist.

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Für alle, die nicht wissen, wie sie die Zeit verbringen sollen, die sie normalerweise auf der Wiesn im Bierzelt sitzen, gibt es nun Ablenkung: Die neue ARD-Serie "Oktoberfest 1900" erzählt die Geschichte eines fränkischen Gastronomen und Bierbrauers, der zur Jahrhundertwende aus dem gemütlichen Volksfest der Münchner ein Mega-Event mit Bierburg statt -bude macht – um jeden Preis. Moderatorin Judith Heitkamp hat sich auf der Münchner Theresienwiese mit dem Drehbuchautor Christian Limmer getroffen, wo in anderen Jahren derzeit rege Betriebsamkeit herrschen würde ...

Judith Heitkamp: Wir sind jetzt da, wo unter anderen Umständen letzte Hand an Buden und Fahrgeschäfte gelegt würde für das größte Volksfest der Welt. Nicht so im Jahr 2020, jetzt ist hier auf der Münchner Theresienwiese ein Corona-Testzentrum, ganz am anderen Ende glänzt es in der Sonne. Ein bisschen von der Bavaria ist zu sehen, ansonsten ist nichts los – eine riesige, 42 Hektar große, leere Fläche. Bei jemand, der Head-Autor von "Oktoberfest 1900" ist, entsteht wahrscheinlich vor dem inneren Auge jetzt die Wiesen 1900?

Christian Limmer: Nee, im ersten Moment nicht … wenn ich die Wiesn sehe, wie sie leer und karg ist, hinten das Heizkraftwerk, dann denke ich schon an die moderne Wiesn, ich weiß ungefähr, wo die Bierzelte stehen und das Riesenrad … aber insgesamt bin ich kein Wiesn-Gänger …

Auf der leeren Wiens kann man sich die Größenverhältnisse ganz gut vorstellen, um die es in "Oktoberfest 1900" geht – da wird zum ersten Mal ein riesiges Festzelt aufgebaut, bis dahin gab es eigentlich nur kleinere Bierbuden.

Das Oktoberfest von 1900 würde ungefähr ein Fünftel der ganzen Fläche einnehmen, mit ungefähr 30 Bierbuden, die im Kreis angeordnet waren. Dazwischen ein paar Belustigungsgeschäfte. Und der Prank – in Wahrheit hieß er ja Lang, und er kam aus Nürnberg – hatte fünf Budenplätze ersteigert, um dort seine Riesenburg aufzubauen. Wenn ich mich konzentriere, sehe ich die alles überragende Bierburg vom Prank mit seinem Konterfei darauf und in dessen Schatten würden halt die anderen dann dahin vegetieren…

Und da damals keine Heizkraftwerktürme zu sehen waren, wäre das die dominierende Kulisse.

Absolut, absolut.

Was hat das wirtschaftlich bedeutet, dass da einer kommt und so einen riesigen Ausschank macht?

Er hat es ja ergaunert – wobei es keine wirklichen Aufzeichnungen gibt, wie er es genau gemacht hat. Wir gehen davon aus, dass er Beziehungen hatte oder dass der Münchner Filz gewirkt hat. Von daher würde ich sagen, die Steuereinnahmen für die Stadt waren beträchtlicher als wenn die nur auf die Buden gegangen wären. Ich weiß nicht, ob Lang damals schon ahnte, was für ein Riesengeschäft das mal werden würde. Aber für ihn war es bestimmt profitabel. Und als Franke nach Oberbayern zu kommen, um München zu erobern – ich glaube, das war für ihn noch ein zusätzlicher Anreiz. Es ging um mehr als nur um den wirtschaftlichen Erfolg.

© Christian Limmer

"Bier und Blut" soll die Serie auf Netflix heißen. "Alles fiktional!" beruhigt Autor Christian Limmer, Wiesnwirte müssten sich nicht sorgen.

Wie übersetzt man das in einen Serien-Plot?

Da kommt ein Franke, der drei Regeln bricht: erstmal musst du Münchner Bier ausschenken, dann musst du eine Lizenz haben, und du musst jemand sein, der in München als Gastronom tätig ist – gegen alle drei Regeln hat er verstoßen. Er war ein Visionär, der sich über die Regeln hinweggesetzt hat – was schon mal gut ist für eine Hauptfigur. Wenn man so jemanden hat, gibt's natürlich immer antagonistische Kräfte. Und sobald ein Konflikt da ist, kann man auch ein Plot bauen.

Bei Netflix, die sich die internationalen Rechte gesichert haben, heißt das "Bier und Blut". Die Wiesnwirte haben sich schon gesorgt, dass das ein schlechtes Bild abgeben könnte.

Sagen wir so: Wir nehmen Figuren, die in der Historie verankert sind. Aber wir machen einfach unsere fiktionale Geschichte daraus. Wir waren nicht dabei. Von daher können wir auch erfinden, was wir wollen – weil wir nicht dabei waren. Und wir haben es im Sinne der Geschichte wirklich aufs Äußerste getrieben. Ich bin mir ganz sicher, dass damals kein Wirt seinen Kopf verloren hat wegen der Wiesn. Da können die Leute auch wirklich beruhigt sein. Es ist alles fiktional, nichts davon ist geschehen, soweit wir wissen.: "Bier und Blut" war übrigens auch unser Arbeitstitel. Mit dem wir die im Writersroom gearbeitet haben und der uns so inspiriert hat, etwas Gewalttätiges zu erschaffen …(lacht)

…sollte man gar nicht meinen, wenn man auf diese stille, leere Fläche hier guckt. Sind Sie manchmal hierhergekommen zur Inspiration?

Nein, gar nicht. Wir haben Gespräche mit Historikern geführt, um ein Gefühl dafür zu kriegen, was damals alles los war. Es waren ja wahnsinnig viele Künstler da. München war damals, glaube ich, weiter vorne als Berlin. In der Filmsprache wollten wir modern sein, auch in dem, wie die Leute reden, wie sie ausgestattet sind, wie die Musik ist. Wir haben versucht, viele Sachen zusammen zu mixen, die eigentlich nicht zusammengehen. Und gehofft, dass das Thema alles zusammenhält.

Guter Punkt – wie die Leute reden. Zum Beispiel die Figur Prank/Lang: das historische Vorbild war Franke. Der hat natürlich Fränkisch gesprochen.

Wir sagen ja: Er kommt aus Berlin. Sein Vater hat sich, als er Kind war, in Nürnberg niedergelassen. Deshalb kann er astrein Berlinerisch sprechen, wenn er will.

Ich wette mal, dass eine Brauerei-Besitzerin Hoflinger 1900 auch niemals den Angela-Merkel-haften Satz gesagt hätte: "Mit Gottes Hilfe schaffen wir das!" Muss man ein bisschen skrupellos sein?

Ich glaube, man darf sich einfach keine Gedanken machen, was andere denken, ob jemand sagt: "Na, die spricht aber irgendwie nicht wirklich Bayerisch!" Sie spricht ja so ein gepflegtes Bayerisch, das jeder versteht, denn die Serie läuft in der ARD, wir sind überregional präsent. Als ich zum ersten Mal über die Geschichte nachgedacht habe und angefangen habe, mir Musik dazu auszusuchen, war es von Anfang an moderne Musik. Ich habe mit Rammstein angefangen. Rammstein war für mich wie ein Titelsong – diese Power, die dahintersteckt, dieses Opulente. Die Frage – können wir das machen? ist es nicht irgendwie zu modern? kann man das mischen? - war nie ein Thema für uns.

© BR/ARD Degeto/MDR/WDR/Zeitsprung Pictures GmbH/Dusan Martincek

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Was war das Schwierigste beim Schreiben?

Das Schwierigste beim Schreiben ist zum einen, sich von Vorbildern zu lösen. Wir hatten immer den Anspruch, international mitzuhalten. Da schaut man natürlich auf Serien, die international funktionieren wie "Peaky Blinders", "Boardwalk Empire" - diese ganzen Ausstattungsserien, die wie Kinofilme wirken. Aber bei uns geht es über sechs Folgen. Das heißt, man muss genug Geschichte, genug Figuren, Personal haben, um sechs Folgen so zu erzählen, dass du nicht zwischendurch einschläft oder dich langweilst oder als Zuschauer schon mehr weißt als die Figuren, was immer tödlich ist.

Das Oktoberfest ist ein internationales Thema - muss man da im Zweifelsfall was erklären für Leute, die noch nie da waren?

Man erklärt gar nichts mehr. Inzwischen sitzt wahrscheinlich jeder mit Smartphone oder iPad vom Fernseher … wer interessiert ist, kann sich informieren. Und das Oktoberfest ist ja eine weltweite Marke. Was die Leute im Kopf haben, wenn sie Oktoberfest hören, das ist schon da. Und wir zerstören es, weil wir wirklich sehr gegen das moderne Oktoberfest erzählen.

Nix mit bayerischer Gemütlichkeit.

Das ist eigentlich unser Hauptanliegen: dass wir nicht so eine typisch bayerische Serie sind, wo jeder gleich denkt, ah, weißblauer Himmel, und es ist alles schee gmiatlich, und am Schluss geht’s immer super aus, und lustig is‘ auch noch zwischendurch – leider nicht!

Das Erste zeigt die Event-Serie an drei Abenden am Dienstag, 15. September, Mittwoch, 16. September und Mittwoch, 23. September 2020, jeweils um 20:15 Uhr. Außerdem gibt es am 15. September um 21:45 die Dokumentation "München 1900".

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