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Das sagt Buchpreis-Gewinnerin Anne Weber über ihr Heldinnenepos | BR24

© dpa/pa Arne Dedert Audio: BR

Daumen Drücken hat geholfen: Anne Weber bekommt den Deutschen Buchpreis 2020 für "Annette, ein Heldinnenepos" – ein Roman in Versen über das Leben der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir.

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Das sagt Buchpreis-Gewinnerin Anne Weber über ihr Heldinnenepos

Für "Annette, ein Heldinnenepos" hat Anne Weber gestern den Deutschen Buchpreis bekommen. Im Interview erzählt sie, wie sie die Heldin des Buchs, die französische Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir, kennen gelernt hat – und was diese zum Buch sagt.

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Das Heldinnen-Epos, das gestern mit dem Deutschen Buchpreis 2020 ausgezeichnet wurde, beginnt mit den Versen: "Anne Beaumanoir ist einer ihrer Namen./ Es gibt sie, ja, es gibt sie auch woanders als auf/ diesen Seiten, und zwar in Dieulefit, auf Deutsch/ Gott-hats-gemacht, im Süden Frankreichs./ Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie./ Falls es ihn gibt, so hat er sie gemacht ..." Verfasserin dieser Zeilen ist die in Paris lebende Schriftstellerin Anne Weber. Der Preis wurde ihr bei einer der wenigen Präsenz-Veranstaltungen im Rahmen der Frankfurter Buchmesse zugesprochen. Judith Heitkamp hat mit Anne Weber gesprochen und sie dafür in Bergen-Enkheim erreicht, wo sie zur Zeit Stadtschreiberin ist.

Judith Heitkamp: Herzlichen Glückwunsch!

Anne Weber: Vielen Dank!

Sie haben gestern so schön gesagt, sie hätten abergläubisch nur eine kleine Trostrede für sich selbst vorbereitet und keine Dankesrede – dann haben Sie aber doch vor allem einer Person gedankt. Wem?

Natürlich – Anne Beaumanoir, Annette genannt. Weil ich mir der Tatsache sehr bewusst bin, dass dieses Buch, das jetzt unter meinen anderen Büchern so ausgezeichnet wird und diesen Erfolg hat, nicht nur meiner Erfindungsgabe und meiner Gestaltungsgabe zu verdanken ist, sondern auch dieser Frau und ihrer Geschichte. Es gibt sie wirklich, und ich bin ihr zufällig begegnet vor ein paar Jahren, habe mich ihr angenähert und sogar ein bisschen mit ihr angefreundet. Und dann ist allmählich in mir der Entschluss gereift, ihr ein Buch zu widmen.

Anne Beaumanoir war eine Resistance-Kämpferin, die bei uns in Deutschland bisher nicht sehr bekannt ist. Sie lebt noch, ist 96 Jahre alt. Was sagt sie denn dazu, dass Sie nun Heldin in einem Epos ist?

Also, es hat ihr sehr gefallen, als ich ihr das Manuskript zu lesen gab, aber sie hat auch gesagt - aber das bin nicht ich, das ist deine Annette. Und das hat mich ein bisschen verunsichert, weil ich gedacht habe, dann ist mir das Porträt, was das Buch ja auch ist, misslungen. Aber dann habe ich mir überlegt, dass es gar nicht anders sein kann. Dies ist mein Blick auf ihr Leben – nicht ihrer. Sie selbst sieht sich nicht als Heldin. Verständlich und auch schön, dass es so ist. Aber mein Buch ist mein Blick auf diese Geschichte.

© pa/dpa

Wann werden heute noch Epen verfasst? Ein Roman, fast wie ein "Chanson" urteilten Kritiker über Anne Webers ungewöhnliche Erzählung in Versen.

Es gibt also mindestens zwei Blicke jetzt, denn Anne Beaumanoir hat auch eine Autobiografie verfasst. Wenn es, wie bei Ihnen, um eine historische Heldenfigur geht, dann hört man bei anderen oft, es gehe darum, diese Figur nahbar zu machen, sich anzunähern. Bei Ihnen steht schon im Titel das Wort "Epos". Für so etwas wie respektvolle Distanz?

Nein, das denke ich nicht. Das Wort Epos steht mehr für einen eigenen Rhythmus, den die ganze Erzählung bekommt und der den Leser tragen soll. Ich hoffe, dass er das tut, mich jedenfalls hat er beim Schreiben getragen. Es ist durchaus eine Erzählung, aber eine rhythmisierte.

Geschrieben in freien Versen, ein Versepos – wie kam es, dass Sie sich dafür entschieden haben?

Ich habe mich gefragt: Wie schreibt man über einen wirklichen Menschen? Über jemanden, den es gibt, der lebt, den man nicht erfindet? Mir war gleich klar, dass ich nicht den klassischen Roman würde schreiben können, in dem man Dinge und Dialoge hinzuerfindet, ein bisschen ausmalt, um Atmosphäre zu schaffen. Ich hätte ihr dafür Worte in den Mund legen müssen, die sie nie gesagt hat, und das widerstrebte mir. Es war ein bisschen eine Gewissensfrage. Was darf man tun? Ich bin aber auch keine Sachbuchautorin, ich wollte und konnte keine Biografie schreiben. Das auch nicht. Dann habe ich mich erinnert an eine uralte literarische Form, in der wagemutige Großtaten erzählt werden, von jeher – das Helden-Epos. Daraus habe ich dann ein Heldinnen-Epos gemacht.

Was war die wagemutige Großtat der Anne Beaumanoir?

Sie hat nicht nur einmal in ihrem Leben wagemutige Großtaten begangen, sondern oft und über längere Zeit. Sie hat ihr Leben riskiert und ihre Familie riskiert und verloren. Während der Résistance im besetzten Paris hat sie zwei jüdischen Jugendlichen das Leben gerettet, und zwar eben nicht im Rahmen der Aktivitäten der Résistance. Dort war es absolut verboten, Eigeninitiativen zu ergreifen und plötzlich irgendwen zu retten. Denn damit hätte man das Netzwerk in Gefahr gebracht, wenn man verhaftet und gefoltert wurde, konnte man andere verraten. Sie hat es trotzdem getan und es ist ihr gelungen, diese zwei Menschen zu retten. Und sie hat dazu beigetragen, dass noch ein Baby gerettet wurde am nächsten Tag. Das sind schon sehr mutige Taten.

© Matthes & Seitz Berlin

Der Siegertitel beim Buchpreis 2020: "Annette. Ein Heldinnenepos" von Anne Weber (Matthes & Seitz Berlin)

Wir diskutieren heute ja manchmal darüber, dass wir in einer Art postheroischem Zeitalter leben. Brauchen wir Heldinnen und Helden?

Ich weiß nicht. Vielleicht bräuchten wir Zeiten, in denen es keiner Helden bedürfte. Aber solange wir die nicht haben, können wir doch froh sein, wenn es Leute gibt, die ihr Leben für andere riskieren, wie Annette es getan hat. Und wir können uns fragen, ob wir es selbst getan hätten an ihrer Stelle oder was wir täten in einer ähnlichen Situation.

Sie selbst leben seit vielen Jahren in Paris, wobei Sie zur Zeit Stadtschreiberin in Bergen-Enkheim sind, Sie arbeiten in beiden Sprachen und beiden Kulturen, übersetzen, schreiben, Sie sind Teil der europäischen Verbindung zwischen Deutschland und Frankreich. Sie haben sogar einen Teil ihrer Romane auf Französisch verfasst. Diesen auch?

Ich schreibe immer zwei Fassungen meiner Bücher, eine deutsche und eine französische. Anfangs sogar zuerst eine französische und dann eine deutsche. Jetzt mache ich es umgekehrt. Es entstehen jedenfalls zwei Fassungen, und auch dieses Buch ist von mir ins Französische übertragen worden. Es ist im Frühjahr gleichzeitig in Deutschland und in Frankreich erschienen.

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