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Der Fall Tönnies zeigt, warum wir über Scham sprechen sollten | BR24

© Marcel Kusch dpa-Bildfunk

Fleischverwertung, Fleischkonsum: Sind solche Schlachthof-Bilder beschämend? Wer ist Schuld an den Arbeitsbedingungen bei Tönnies?

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Der Fall Tönnies zeigt, warum wir über Scham sprechen sollten

Die Corona-Krise hat vieles sichtbar gemacht: die Zustände in Fleischfabriken, die erbärmlichen Bedingungen von Leiharbeitern. Nur: Warum fühlt sich eigentlich keiner für die Missstände verantwortlich? Ein Gespräch über Scham und Status.

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Es war wieder mal einer dieser erhellenden Corona-Momente: als das geflissentlich Übersehene offensichtlich wurde. Mit den über 1.300 Corona-Infizierten beim Fleischkonzern Tönnies rückten die prekären und erbärmlichen Arbeitsbedingungen der osteuropäischen Billiglohnarbeiter ins Scheinwerferlicht. Da stellte sich ein Mann vor die Mikrofone der Medien und verkündete entschlossen, die Zustände in der Fleischbranche müssten ein Ende haben. Der Mann war kein couragierter Politiker, sondern Miteigentümer und Chef bei Tönnies, dem größten Schweineschlachtbetrieb Deutschlands und einem der größten Fleischkonzerne Europas. Tönnies klagte also die Arbeitsbedingungen im eigenen Laden an – und zwar in einem Stil, als ob er dafür nicht verantwortlich zu machen sei. Das war der Moment, als man dachte: wie schamlos.

Der Soziologe Sighard Neckel ist Professor für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel an der Uni Hamburg und hat vor Jahren ein wegweisendes Buch geschrieben "Status und Scham". Barbara Knopf hat mit Sighard Neckel für die Kulturwelt gesprochen.

Barbara Knopf: Herr Neckel, man ist ein bisschen baff, wie Clemens Tönnies das Verschulder-Prinzip in ein anderes Konzept verwandelt hat, das des Retters oder Kümmerers, ohne die eigene Verantwortung ins Spiel zu bringen. Wie kann das sein? Ist das ein Paradebeispiel für Schamlosigkeit?

Sighard Neckel: Das ist natürlich der Versuch, sich aus einer öffentlich stigmatisierten Rolle als Täter, der diese Zustände erst hervorgebracht hat, herauszuwinden, sich als Retter aufzuspielen oder möglicherweise auch als Opfer der Entscheidungen anderer. Das zeigt nur, wie groß der Druck auf ihn im Augenblick gewachsen ist, und dass er versucht, noch den schwersten Sanktionen zu entgehen.

Aber ist es eine Schamlosigkeit? Empfindet er etwas wie Scham, oder fehlt ihm die Scham?

Für mich ist dieser ganze Vorgang nicht nur eine Frage der Schamlosigkeit einzelner Unternehmer, sondern hier ist auch eine öffentliche Konstruktion der Scham-Vermeidung zusammengebrochen. Ich erkläre das mal am besten mit einem Gedanken von Jean-Paul Sartre. Jean-Paul Sartre hat in seinem Buch "Das Sein und das Nichts" in dem Kapitel "Der Blick" über Scham geschrieben. Sartre entwickelt darin die Theorie, dass Scham immer unter dem Blick anderer entsteht, die etwas von mir sehen, was ich gerne verbergen möchte. Und die sich dann ein möglicherweise schlechtes Bild von mir machen. Scham setzt voraus, dass irgendjemand tatsächlich hinschaut auf das, was wir machen. Oder dass wir zumindest eine Vorstellung davon haben, dass andere darauf schauen. Wenn aber alle wegsehen, weil man das gar nicht so genau wissen will, was da eigentlich los ist, dann kann das Gefühl der Scham gar nicht aufkommen. Es handelt sich gewissermaßen um eine Scham-Vermeidung. Und dieses Konstrukt der Scham-Vermeidung ist jetzt am Beispiel der Tönnies-Fabrik zusammengebrochen, denn letztendlich haben wir es alle gewusst, wie es in diesen Fleischs Fabriken aussieht: Die unhaltbaren Zustände, die dort herrschen, was die Tiere betrifft, was die Arbeitsbedingungen betrifft. Wir wollten es nur nicht so genau wissen. Jetzt aber eignet sich Herr Tönnies als der verantwortungslose Unternehmer besonders gut dafür, dass wir uns von dieser Scham, die wir vielleicht auch selbst empfinden sollten, befreien können.

© picture alliance / Bildagentur-online / Ohde

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Das heißt, wir müssten uns als Verbraucher eigentlich schämen - und wehren das aber ab?

Mir geht es zumindest so, wenn ich mir nicht nur die Zustände der Fleischfabriken vorstelle, die jetzt alle geschlossen sind, sondern auch Zehntausende von fetten Schweinen, die nicht geschlachtet werden können, die möglicherweise einfach so getötet werden müssen. Das ist etwas, was ich – und wahrscheinlich viele Menschen – tatsächlich als ein Abbild der Sünde empfinde. So was darf man eigentlich nicht machen. Und so etwas darf eigentlich nicht zugelassen werden. Aber wir lassen es alle gemeinsam zu. Deshalb berührt uns auch diese Geschichte, weil wir fühlen, dass da etwas im Widerspruch ist zu unserem eigenen Selbstverständnis. Wenn wir moralische und anständige Personen sein wollen, können wir solche Zustände eigentlich nicht hinnehmen: diese Massenschlachterei von Nutztieren, diese Arbeits- und Wohnverhältnisse. Wenn ich jetzt sehe, wie die rumänischen und bulgarischen Werkvertragsarbeiter eingezäunt in ihren Wohnblöcken bewacht werden in der Quarantäne, treibt es mir die Schamesröte ins Gesicht: Inwiefern bin ich denn auch selber daran beteiligt, dass es zu diesen Zuständen kommen kann! Dieses Gefühl, dass das in einem grundsätzlichen Sinne nicht in Ordnung ist, wird durch das Schamgefühl in uns geweckt, und wir sollten es verwenden, um uns auch als Bürger dafür einzusetzen, dass diese Verhältnisse geändert werden - sowohl was die Menschen als auch die Tiere betrifft.

Ist Schamlosigkeit eigentlich ein Distinktionsmerkmal, also ein Zeichen, jetzt hat man es geschafft, man ist ganz oben, und man kann sich alles erlauben?

Das stimmt. Wer auf nichts Rücksicht zu nehmen braucht, wer gewissermaßen nichts zu verlieren hat in den Augen der anderen, der steht entweder ganz oben – oder ganz unten. Diejenigen, die für solche Fleischfabriken Verantwortung tragen oder die Politik, die diese Fleischfabrik ermöglicht hat, gehören sicherlich zu denjenigen, die zumindest selber meinen, von den Haltungen anderer auch unabhängig zu sein. Weil sie über Stärke, Macht und Autonomie verfügen. Das ist aber häufig auch ein Irrtum, wie eben auch jetzt jemand wie Herr Tönnies erleben muss. Es stimmt aber an den ganzen Prinzipien der industriellen Fleischverarbeitung etwas nicht. Ich will jetzt gar nicht davon sprechen, dass wir kein Fleisch essen dürfen – da gibt es unterschiedliche Meinungen dazu. Aber es ist auf jeden Fall notwendig, dass diese zentralisierte industrielle Massenverarbeitung von Fleisch tatsächlich eingestellt wird und wieder stärker auf die regionale Erzeugung und Verarbeitung von Fleisch gesetzt wird. Das hat eine höhere Qualität zur Konsequenz, von der wir alle profitieren würden. Aber das setzt eben auch voraus, dass wir als Konsumentinnen und Konsumenten tatsächlich keine Produkte kaufen, die aus dieser hochindustrialisierten Fleischverarbeitung entstanden sind.

© Sighard Neckel

"Wenn die Zustände bei Tönnies Schamgefühle in uns wecken, sollten wir uns für andere Verhältnisse einsetzen", sagt der Soziologe Sighard Neckel

Ich würde nochmal gerne bei dem hierarchischen Modell der Scham bleiben und einen kleinen Schlenker machen zu einem anderen Fall: Der große Finanzskandal um Wirecard. Sie haben auch über die Berufsmoral im Bankwesen geforscht. Wirecard ist zwar ein Internet-Konzern, aber es geht ja doch auch um Bankgeschäfte. Ist das ein typischer Fall?

Die Ursachen für einen solchen Finanzskandal, wie wir es jetzt mit Wirecard erleben, liegen natürlich auch nicht nur in den individuellen Verfehlungen der Top-Manager, sondern einfach in bestimmten Geschäftsmodellen und Aufsichtsmodellen. Die wir ja haben, die aber offensichtlich nicht zureichend sind. Wir haben eine Finanzkontrolle, die BaFin, der das offensichtlich vollkommen entgangen ist! Jetzt kommen wir wieder auf das Thema der Scham: In einem ersten Kommentar zu diesen Vorgängen zu sagen "it´s a shame" –das ist doch peinlich für die Finanzaufsicht, dass ihnen Geschäftsstrategien wie die von Wirecard offensichtlich völlig entgangen sind! Möglicherweise hat hier wieder etwas funktioniert, was wir auch beim Fleischskandal gesehen haben: Möglicherweise wollte man auch hier nicht so genau hingucken, weil man es mit einem neuen Superstar von Hightech-Unternehmen in Deutschland zu tun hatte und man sich daran erfreuen wollte - und auch mitverdienen wollte.

Wer aber hinguckt, ist vielleicht eine junge Generation, zum Beispiel die Fridays For Future oder eine Greta Thunberg – sind die schon weiter, verantwortlicher? Die haben Begriffe wie Flugscham oder Fleischscham sozusagen globalisiert.

Ich bin etwas skeptisch, ob man mit der Beschämung einzelner Lebensstile weiterkommt. Allerdings agieren Fridays for Future mit etwas, was mit der Schamkonstruktion zusammenhängt: Sie appellieren nämlich an die politisch Verantwortlichen, sich an die Normen, Verträge und Zusagen zu halten, die sie selbst einmal gegeben und abgeschlossen haben. Und insofern bereiten sie vielleicht eine politisch erfolgreichere Form der Beschämung vor, indem sie die politisch Mächtigen mit dem konfrontieren, was sie verlautbaren lassen, was sie in ihrem praktischen Handeln aber auf dramatische Weise tatsächlich vermissen lassen.

Vom Soziologen Sighard Neckel ist im Campus Verlag das Buch „Status und Scham“ erschienen, neuere Publikationen bei Suhrkamp.

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