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Christian Stückl übers Theatermachen mit und ohne "Maultäschle" | BR24

© Audio: BR / Bild: pa/dpa

Es war nicht einfach, unter diesen Bedingungen ein Theaterstück auf die Beine zu stellen: Christian Stückl hat es geschafft und bringt das erste "Corona-taugliche" Spiel seit den Corona-Lockerungen auf die Bühne des Münchner Volkstheaters.

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Christian Stückl übers Theatermachen mit und ohne "Maultäschle"

Erst Probenverbot, dann 1,5 Meter Abstand und Maskenpflicht: Wie kann man unter diesen Bedingungen Theater machen? Christian Stückl erzählt im Interview, wie viele Nerven ihn das erste Corona-taugliche Stück im Münchner Volkstheater gekostet hat.

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Mit Ende des Schuljahres enden in Bayern in der Regel auch die Spielzeiten an den Theatern, Aber durch Corona ist in diesem Jahr alles anders. Als die Theater im Frühjahr dicht waren, fasste Volkstheater-Intendant Christian Stückl einen Plan: Weil gerade eh nichts ging, schickte er die Belegschaft in die vorgezogene Sommerpause. Mitte Juni dann gingen die Proben wieder los für einen neuen Corona-tauglichen Spielplan. Fünf entsprechende Produktionen wurden erarbeitet. Die erste ist ab heute zu sehen, inszeniert von Christian Stückl selbst. Christoph Leibold hat mit Stückl vor der Premiere von George Taboris "Die Goldberg-Variationen" gesprochen.

Christoph Leibold: Corona-taugliche Inszenierungen, das bedeutet nicht nur Sicherheitsabstände im Publikum, sondern auch unter den Darsteller*innen auf der Bühne. Sie haben das quasi zum Experiment mit offenem Ausgang erklärt und gesagt: "Vielleicht wird es total fad, aber wir müssen es einfach probieren." Wie sind jetzt die Erfahrungen? Ist es fad oder führt die Situation womöglich zu spannenden Ideen, auf die man sonst gar nicht gekommen wäre?

Christian Stückl: (lacht) Ich werde ja meine eigene Premiere heute Abend nicht als fad betiteln. Ich hoffe, dass sie nicht fad geworden ist. Aber es ist natürlich trotzdem eine ziemliche Herausforderung. Ich habe alle Dramaturgen angewiesen, uns auf die Corona-Abstände hinzuweisen. Zum Schluss hat mein Dramaturg gesagt: "Ich komme überhaupt nicht mehr dazu, inhaltlich was zu sagen, sondern weise nur noch auf die Abstände hin." Ich bin jemand, der ständig auf die Bühne springt und auf der Bühne irgendwas vormacht, wie eine Szene funktionieren könnte. Da kam dann ständig: "Christian, runter von der Bühne! Du bist jedem Schauspieler zu nah!" Dann habe ich zwischendrin versucht, es mit dem "Maultäschle" zu probieren. Aber das geht natürlich auch ziemlich auf die Nerven, dass man immer mit Mundschutz arbeitet. Und natürlich sitzt man dann manchmal da und denkt sich: "Wie mache ich das jetzt?" Da gibt‘s eine Schlägerei im Stück, da küsst Goldberg Mr. Jay… Du bist ständig damit beschäftigt, irgendwelche Ideen zu entwickeln, wie es ohne Küsse und ohne Schlägereien geht.

Sie sind ja in Sachen Corona doppelt Leidtragender – als Intendant des Münchner Volkstheaters und als Spielleiter der Passion in Oberammergau, die Sie heuer wieder inszenieren hätten sollen. Die musste verschoben werden auf 2022. Als Sie dann ihren Corona-Spielplan veröffentlicht haben, musste ich schmunzeln: Sie starten heute mit Taboris "Die Goldberg-Variationen", also mit einem Stück, in dem es darum geht, dass ein Regisseur, der erwähnte Mr. Jay, die Bibel inszeniert. Sein Assistent ist Goldberg. Ist das Ausdruck von Selbstironie? Oder ist es Ersatzstoff, um ihren persönlichen Bibel-Entzug durch den Passionsausfall zu kompensieren?

Dieses Stück lag schon länger bei mir herum. Jetzt ist es mir fast ins Auge gesprungen, und ich habe mir gedacht, dass das eigentlich genau meine Geschichte ist. Da versucht einer, die ganze Bibel auf die Bühne zu bringen, scheitert kläglich daran. Und so komme ich auch in diesem Jahr sogar noch zu einer Kreuzigung auf der Bühne. Jesus wird die Lanze ins Herz gestochen. Der Schwamm wird ihm gereicht. Man hört die letzten Worte am Kreuz auf der Bühne, und so konnte ich vielleicht ein bisschen den Schmerz über die Oberammergauer Passionsabsage vergessen.

Und darüber hinaus? Sie nehmen sich immer wieder solche Stoffe vor, die mit Religion und Glauben zu tun haben. Was reizt sie daran?

George Tabori hat das 1991 geschrieben. Ich habe ihn ein paar Jahre vorher kennengelernt, da war ich bei Tabori Assistent an den Münchner Kammerspielen. Ich mochte die Stücke total. Aber als ich sie damals gelesen habe, habe ich anfangs viele nicht verstanden. Heute verstehe die Sachen total, denn da sind so viele Sachen drin. Man hat die MeToo-Debatte in diesem Stück drin. Man hat den plötzlich aufflammenden Antisemitismus in dem Stück drin, ganz viele Sachen, die uns jetzt auch beschäftigten. Für mich ist das eigentlich fast das Stück der Stunde.

Es ist auch ein Stück über Theater, weil es eben darum geht, wie ein Regisseur ein Stück inszeniert. Aber es geht auch um das Theater als Bretter, die die Welt bedeuten…

Natürlich! Es geht um Probleme, die man als Theaterinsider oder als Kritiker kennt. Sachen, die das Theater bewegen. Man diskutiert über Kostüme, man diskutiert über Texte, man diskutiert auf der Bühne über die ganzen Schwierigkeiten: Schauspieler, die sich verweigern. Schauspieler, die zu spät zur Probe kommen. Schauspieler finden die Texte Scheiße, die der Regisseur schreibt und so weiter. Aber plötzlich taucht in diesem Stück auch Frauenfeindlichkeit auf. Der Regisseur übertritt jegliche Grenzen der Schauspielerin gegenüber. Goldberg, der Regieassistent, ist Jude. Und plötzlich lässt der Regisseur seine Wut am Juden aus, nicht an seinem Regieassistenten. So kommt der Antisemitismus vor. Letztlich sind das viele Geschichten, die da im Stück behandelt werden, aus unserem Leben, das uns umgibt.

Sie bekommen am Sonntag nach der zweiten Vorstellung von "Die Goldberg-Variationen" den Abraham-Geiger-Preis verliehen, vor allem deshalb, weil Sie sich um eine ausgewogene Darstellung innerjüdischer Konflikte im Passionsspiel in Oberammergau bemühen. Der Preis ist nach einem liberalen Rabbiner benannt. Frühere Preisträger sind Angela Merkel oder Amos Oz. Was bedeutet Ihnen so ein hoher Preis?

Ich bin ja mit dem Thema Antisemitismus sehr früh zusammengestoßen. Ich habe schon in den 70er-Jahren, da war ich gerade einmal 14 oder 15 Jahre alt, mitbekommen, dass die Oberammergauer Passionsspiele kritisiert wurden aufgrund der Antisemitismen, die darin steckten. Ich habe damals meinen Großvater gefragt, was bedeutet das innerhalb des Passionsspiels, und habe gemerkt, er will nicht antworten darauf. Das war ein Thema, das unsere Großväter einfach nicht mehr bereden wollten.

Mit 24 bin ich zum Passionsspielleiter gewählt worden. Und mein erster und wichtigster Punkt war, dass ich gesagt habe: "Wir erzählen die Geschichte von Jesus, da hat Antisemitismus gar nichts drin zu suchen. Ich habe dann auch ganz schnell entdeckt, dass es ja kein Konflikt von Juden gegen Christen ist, der im Stück behandelt wird, sondern dass das eigentlich ein zutiefst innerjüdischer Konflikt ist. Jesus war Jude, vom ersten Tag seines Lebens bis zum Letzten. Der hat nichts von einer heiligen Kommunion, nichts von einer Beichte oder ähnliche Dinge gewusst. Er war beileibe nicht katholisch, sondern jüdisch. Und das war für mich ein ganz wichtiger Punkt, den Antisemitismus aus dem Spiel heraus zu bringen.

Und dann entsteht natürlich durch viele Gespräche, die man führt, mit Rabbinern, mit jüdischen Theologen eine stete Auseinandersetzung. Plötzlich lernt man die Leute kennen, lernt sie schätzen und hat gute Gespräche, und fragt sich: Wo kommt eigentlich dieser ganze Antisemitismus her, der immer wieder in unserer Gesellschaft aufkocht? Gegen den habe ich mich eigentlich immer total verwehrt.

Und normalerweise braucht man für so etwas keinen Preis. Ich habe schon mal einen Preis bekommen vor ein paar Jahren, die sogenannte "Bayerische Sprachwurzel". Wofür habe ich den bekommen? Dafür, dass ich nur Bairisch spreche, hieß es. Ich kann ja aber gar nicht anders. Ich kann kein Hochdeutsch. Und genauso kann ich nicht verstehen, wie man Menschen aufgrund ihrer Religion oder irgendetwas anderem ausgrenzt. Und trotzdem freut mich der Preis total. Man spürt dadurch, dass die eigenen Bemühungen geschätzt werden. Aber eigentlich braucht man dafür keinen Preis, eigentlich sollte das eine Selbstverständlichkeit sein.

Sie beweisen seit 18 Jahren als Volkstheater-Intendant, dass Volkstheater – auch mit diesem schwierigen Wort "Volk" im Namen – nichts Populistisches sein muss. Aber populär darf's vielleicht sein? Heute ist der 100. Todestag von Ludwig Ganghofer. Der war zu Lebzeiten sehr populär, ein Bestseller-Autor. Und er hat auch ein Theaterstück geschrieben: "Der Herrgottschnitzer von Ammergau". Das müsste doch eigentlich ein Fall für den gelernten Holzbildhauer und gebürtigen Oberammergauer Christian Stückl und das Volkstheaters sein?

(lacht) Jaaaa…. also, die Ganghofer-Verfilmungen der 50er-Jahre, die hat man sich schon ein bisschen abgewöhnt. Aber ich kann ihn ja mal wieder lesen. Ich habe ihn schon lange nicht mehr gelesen. Ich habe mal angefangen, Ganghofer zu lesen, aber schnell festgestellt: Das ist so eine heile, heile Welt, die ich gar nicht brauche.

"Die Goldberg-Variationen" unter der Regie von Christian Stückl sind ab 24. Juli im Münchner Volkstheater zu sehen.

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