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Vernetflixt & zugenäht: Zum Besucherschwund an Opern und Museen | BR24

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Viele Menschen meiden Opernhäuser, Museen und Theater wie der Teufel das Weihwasser. Aber warum? Der Soziologe Martin Tröndle hat eine Studie zur Nicht-Besucherforschung veröffentlicht. Ein Gespräch über Nie- und Selten-Besucher und was ihnen fehlt.

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Vernetflixt & zugenäht: Zum Besucherschwund an Opern und Museen

Viele Menschen meiden Opernhäuser, Museen und Theater wie der Teufel das Weihwasser. Aber warum? Der Soziologe Martin Tröndle hat eine Studie zur Nicht-Besucherforschung veröffentlicht. Ein Gespräch über Nie- und Selten-Besucher und was ihnen fehlt.

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Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. Wusste schon Karl Valentin. Manche lassen den ganzen Aufwand dann lieber gleich – und gehen gar nicht ins Theater, Museum oder die Oper. Aber warum nicht? Während die Motivation der Kunstinteressierten relativ leicht erforscht werden kann, ist an den Nicht-Besucher gar nicht so leicht heranzukommen. Er geht ja nicht an den Ort des Forschungsinteresses. Wie ihn aufspüren? Martin Tröndle, Professor für Kultursoziologie an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, hat gerade eine Studie zur Nicht-Besucherforschung herausgebracht. Barbara Knopf hat mit ihm über die Ergebnisse gesprochen.

Barbara Knopf: Herr Tröndle, warum haben Sie sich denn auf die Nicht-Besucherforschung gestürzt?

Martin Tröndle: Es gibt wirklich ein Konvolut an Materialien zur Besucherforschung. Nachdem wir dieses Material durchgesehen hatten, haben wir überlegt, wie kommen wir an die Nicht-Besucher und haben beschlossen, junge Akademikerinnen und Akademiker zu befragen. Die meisten Studien sagen, dass diese Personen, also Akademikerinnen und die Akademiker, später tatsächlich in weiten Teilen die Besucher von Kulturinstitutionen stellen werden. Deshalb haben wir uns entschieden an den Universitäten von Potsdam und Berlin diese Forschung durchzuführen. Wir haben 1.264 Personen befragt. Und diejenigen, die dann angaben, dezidierte Nicht-Besucher zu sein, haben wir eingeladen und sind entweder in die Schaubühne, in die Deutsche Oper oder in die Neuköllner Oper gegangen, um experimentell deren Besuchserfahrung abzufragen. Wir haben einstündige Eingangs-Interviews und einstündige Ausgangs-Interviews geführt.

© dpa/ picture alliance

Der Soziologe Martin Tröndle widmet sich der Frage, warum viele Menschen Theater, Oper und Museen meiden

Was kam da raus? Welche Erwartungen oder Ängste gab es, welche Ablehnung spielte mit hinein?

Normalerweise heißt es, kein Geld, keine Zeit oder die Kulturinstitution an sich sei zu elitär. Man kann sagen, dass das eigentlich eher vorgeschobene Gründe sind. Dabei hat aber beispielsweise der Musikgeschmack einen signifikanten Einfluss auf den Besuch, auch die Freizeitpräferenzen haben einen ganz großen Einfluss darauf, wie man eigentlich seine Freizeit verbringen will.

Also, wenn ich jetzt mal beim Klischee bleibe, dann geht der Gamer nicht so gern in die Oper?

Ja, wir haben auch tatsächlich mittels der Daten gesucht, wer ist eigentlich ein Nie-Besucher? Und haben gefragt: Warst Du in den letzten zwölf Monaten in Theater, Oper oder Konzert? Und dann haben wir auch noch gefragt: Wenn wir Dir eine Freikarte geben, kommst Du dann mit? Und wenn die beide Male verneint haben, dann fallen die bei uns in die Kategorie der Nie-Besucher. Und es ist tatsächlich so, Nie-Besucher sind statistisch gesehen zu einer hohen Wahrscheinlichkeit Wirtschaftswissenschaftler, die Hip-Hop oder Schlager hören und als Freizeitbeschäftigung gerne Gaming, Video- und Computerspiele und Partymachen angeben, sowie Streaming.

Die hören sich aber ziemlich verloren an für die Kulturinstitutionen, so wie Sie es geschildert haben. Gab es denn welche, die ganz aufgeschlossen waren, nachdem sie in die Kulturinstitutionen reingegangen sind, in die Schaubühne oder Neuköllner Oper zum Beispiel?

Sie waren durchgehend neugierig und sie waren ein bisschen nervös vor dem Ganzen. In dem Ausgangsinterview, das wir mit ihnen geführt haben, waren dann sehr viele positiv überrascht von dem, was passiert ist: Die Dinge live sehen zu können, mit dabei zu sein. Positiv aufgenommen wurde auch, dass das Publikum sehr oft durchmischt war und es nicht nur ältere Menschen in Frack und Abendgarderobe waren. Positiv gesehen wurde auch, wenn man in der Pause ein Teil dieser Gemeinschaft sein konnte.

Das heißt aber, dass es bei den Kulturbesuchen gar nicht ausschließlich um die kulturellen Inhalte geht, sondern wie das ganze Ambiente ist?

Richtig. Die Selten- oder Nicht-Besucher wollen eher einen ganzen Abend erleben. Das fängt schon an mit der Art und Weise wie man empfangen wird, was es für eine Atmosphäre ist, ob man in diesem Sozialgefüge angenommen wird. Aber auch, wie das Erzähltempo ist, ob man die Möglichkeit hat, tatsächlich was zu erleben, also einzutauchen, Immersion zu erleben. Das heißt, bei denen steht eher ein ganzheitliches Erleben im Vordergrund.

Sie haben vorhin auch erwähnt, dass die sehr aufgeschlossen und neugierig waren, warum haben die aber bisher nicht den Weg in die Kulturinstitution gefunden?

Letzten Endes kann man diese ganzen Daten, die wir quantitativ und qualitativ ausgewertet haben, auf einen Begriff bringen, nämlich auf den Begriff der Nähe. Man kann sagen, je näher die Menschen dieser Kunst sind, desto eher gehen sie in diese Institution.

Nun haben Sie diese Studie ja sicherlich auch gemacht, damit Museen oder Theater Erkenntnisse haben, wie man mehr Besucher gewinnen kann. Wenn Sie nun von Nähe sprechen – wie kann man als Institution Nähe schaffen, aber ohne Anbiederung? Denn man möchte ja vielleicht nicht nur Blockbuster-Kultur zeigen?

Ja, auch die Selten- und Nicht-Besucher haben eigentlich einen recht differenzierten Blick auf das, was künstlerisch passiert. Die haben beispielsweise in der Oper hinterfragt: Warum stirbt die Frau zehn Minuten lang? Bei Netflix geht das viel schneller! Warum durchlebt die sozusagen so viele Tode? Das sind ja alles junge Akademiker, aus deren Perspektive ist das sozusagen irgendwie nicht stimmig. Was sich aber gezeigt hat: Für sie ist es wichtig, dass es eine Dramaturgie ist, die sie überrascht, die sie mitnimmt und emotional anspricht. Dass es aber auch eine Innengestaltung der Räumlichkeiten gibt, eine Architektur, in der sie sich irgendwie wohlfühlen. Alle haben zwar Kronleuchter erwartet, alle wollten irgendwas Außergewöhnliches erleben, fanden dann aber so ein minimalistisches Design, wie es die Deutsche Oper repräsentiert oder eben auch die Schaubühne, total spannend: Also in einem anderen Kontext zu sein, als sie eigentlich erwartet hatten. Ob das jetzt eine historische Inszenierung ist oder ob sie radikal neu ist und auf der Bühne mit Tetra Paks rumgeschmissen wird, das ist total egal, solange es sie tatsächlich anspricht.

Aber da stelle ich mir jetzt die Auswertung schwierig vor. Was machen diese Institutionen mit Ihren Erkenntnissen?

Ich glaube gar nicht, dass das so schwierig ist. Ich glaube, man kann tatsächlich diese ganze Untersuchung auf einen einzigen Satz kondensieren: Wie können wir Nähe zu unserem potenziellen Publikum herstellen? Es geht los beim Kartenverkauf, beim Internetauftritt, beim Storytelling auf Facebook, bei der Erzählgeschwindigkeit, eigentlich in allen Punkten. Aber auch, wie die Leute empfangen werden. Letzten Endes kann man immer fragen: 'Diente es dazu, Nähe zu schaffen oder schafft es Distanz?' Wenn man diesen einfachen Satz einfügt, könnte man – zumindest gemäß unseren Probanden – 75 Prozent mehr Besucher gewinnen.

Ich hoffe trotzdem, dass die Oper nicht vernetflixt.

Das werden wir sehen. Es gab einen anderen Aspekt, manche Probanden sagten, sie könnten kaum zwei Stunden sitzen und den Hals nach oben recken, wenn sie im Parkett sind, weil ihnen dann alles weh tun würde. Also trägt die Art und Weise, wie man sitzt und schaut dazu bei, dass die Personen tatsächlich Immersion erleben können oder trägt sie eher zu einer Distanz bei? Sie können das alles durchdeklinieren und ich glaube, dass es ziemlich einfach ist am Ende.

"Nicht-Besucherforschung – Audience Development für Kultureinrichtungen", herausgegeben von Martin Tröndle ist bei Springer Fachmedien erschienen.

© Springer Verlag/ Montage BR

Martin Tröndle: Nicht-Besucher-Forschung, Cover

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