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Wie unsere post-pandemische Konsumkultur aussehen könnte | BR24

© picture alliance / Bildagentur-online/Ohde Audio: BR

Wie auch immer Corona unser Konsumverhalten verändern wird – die Maske gehört als Begleiter erstmal dazu...

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Wie unsere post-pandemische Konsumkultur aussehen könnte

Corona hat die Wirtschaft in eine Krise gestürzt. Das wiederum hat Auswirkungen auf unser Konsumverhalten. Langfristig könnten sich auch die Einkaufsarchitektur und unser Sozialverhalten verändern, sagt Konsumforscher Dirk Hohnsträter.

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Die Sehnsucht nach einem Leben wie vorher ist groß: auch wenn die Hoffnung nach Normalität in der Corona-Pandemie trügerisch ist wie der Lockdown nach den Masseninfektionen in der Tönnies-Fleischfabrik im Kreis Gütersloh zeigt. Die Ausnahme bisher, ansonsten gehen die Lockerungen weiter. Aber von Normalität dennoch keine Spur: Allmählich wird der ökonomische Kahlschlag sichtbar. Zwar haben zum Beispiel alle Geschäfte wieder geöffnet – aber Ketten wie Karstadt Kaufhof schließen reihenweise ihre Häuser. Gleichzeitig wird der Kunde in seiner Bürgerpflicht ermahnt: er möge doch wieder konsumieren, Geld ausgeben, die Wirtschaft ankurbeln.

Dirk Hohnsträter leitet die Forschungsstelle Konsumkultur an der Universität Hildesheim und betreibt den "Inventur-Blog". Barbara Knopf hat mit ihm über die veränderte Konsumkultur durch Corona gesprochen.

Barbara Knopf: Müssen Sie jetzt Ihre gesamte Konsumforschung umwerfen, hat Corona alles auf den Kopf gestellt?

Dirk Hohnsträter: Das habe ich mich während der Krise auch mal gefragt, und mittlerweile denke ich, dass das nicht der Fall ist. Meines Erachtens muss man bei den Auswirkungen der Krise drei Aspekte unterscheiden. Als erstes gibt es konjunkturelle Schwankungen, die wir bei kurzfristigen Lieferengpässen sehen konnten, als zwischendurch Hygieneartikel knapp waren oder die Leute mehr Streamingdienste abgerufen haben. Das kann sich wieder ändern. Zweitens werden schon vorhandene Trends noch einmal verstärkt. Das sind große Trends wie Digitalisierung, Lokalisierung. Menschen kaufen jetzt mehr im Internet oder bevorzugen regionale Ware. Das gab es vorher auch, aber jetzt wird es durch die Krise nochmal verstärkt. Das dritte, für mich das besonders Spannende, ist, ob diese Krise so eine Art neues Sozialverhalten hervorruft. Wenn wir mehr Abstand halten, mehr Hände waschen und bestimmte Hygiene Vorschriften beachten – da bin ich gespannt, ob sich dauerhaft Veränderungen einstellen, die dann auch Auswirkungen auf den Konsum haben.

Inwiefern könnte sich das dauerhaft auf den Konsum auswirken?

Vielleicht hat das Auswirkungen auf die Einkaufsarchitektur, dass Läden so eingerichtet werden, dass man nicht so aufeinander hockt. Oder man vorher Zeitfenster bucht, so wie bei Museen. Dass die Läden vielleicht eher eine Art Showroom sind, wo man Ausstellungen macht, die Produkte inszeniert, aber nicht unbedingt der Kauf stattfindet, der dann vielleicht einfach übers Internet abgewickelt wird.

© picture alliance / Wolfram Steinberg

Schöne neue Konsumwelt...

Man muss ja auch dazusagen, dass sich das eh schon ändert. Möglicherweise könnte das Stadtbild demnächst anders ausschauen, wenn einige Kaufhausketten tatsächlich ihre Häuser schließen. Das waren die Warentempel des 19. Jahrhunderts -möglicherweise ist jetzt ihr Ende gekommen.

Man hat natürlich das Ende bestimmter Erscheinungsformen des Konsums schon oft vorhergesagt. Als die Warenhäuser aufkamen, hieß es, der Einzelhandel stirbt - und er ist immer noch da, wenn auch vielleicht in veränderter Form. Aber wirklich weg ist er nicht. In der Kulturgeschichte ist es in der Regel so, dass sich zwar Tendenzen abzeichnen, es aber auch immer auch Gleichzeitigkeiten gibt, die parallel verlaufen. Kultur wandelt sich permanent. Es entstehen auch interessante neue Sachen. Insofern würde ich das jetzt nicht von vornherein betrauern. Aber natürlich ist es für die betroffenen Menschen, die ihre Arbeit verlieren, erst einmal nicht schön.

In Ihrem Blog findet sich der Satz „Konsum ist Kulturpraxis“. Man könnte ja auch momentan, wo Corona alles auf den Kopf stellt, sagen: Wir haben zwar den globalen Warenverkehr, aber könnten wir nicht auch was anderes konsumieren, zum Beispiel Dienstleistungen, also Reparatur?

Ja natürlich. Güter können einfach wiederverwendet oder umgenutzt werden. Uns Konsumforscher interessiert, wie die Dinge von den Menschen angeeignet und anverwandelt werden. Das kann natürlich durchaus passieren.

Würden Sie sagen, der Hedonismus ist vorbei? Das hat ja den Konsum der letzten Jahre, wenn nicht sogar des letzten Jahrzehnts, sehr stark geprägt.

Es kommt darauf an, was man unter Hedonismus versteht…

…hemmungsloses Influencer-Shoppen!

Ja, das mag vielleicht leicht zurückgehen. Auf der anderen Seite wissen wir, dass zum Beispiel der Weinhandel einen Aufschwung in der Krise hatte. Und das nicht nur, weil die Menschen sich besinnungslos betrinken wollten, sondern weil einfach diese Form des Genusses, den man eben auch zu Hause zelebrieren kann, den Nachbarn auf dem Balkon gegenüber zuprosten -das ist ja auch Hedonismus. Das ist dann plötzlich wichtiger gewesen, als die neueste Klamotten auf der Einkaufsstraße zu präsentieren. Die Frage ist, welche Art von Hedonismus, wie werden die Bedürfnisse befriedigt?

Das Interessante am Konsum ist meines Erachtens diese unglaubliche Elastizität. Die Konsumkultur reagiert immer auf die Impulse ihrer Umgebung. Alle möglichen Einflüsse werden da in Produkte verwandelt. Selbst der Protest gegen den Konsum wird wieder in neues Konsumgut transformiert. Denken Sie zum Beispiel an die Kritik an ökologischen Auswirkungen. Dann entstanden Bioprodukte. Denken Sie an Kritik an unfairen Handelsbeziehungen. Dann entstanden Fair Trade-Produkte. Und so weiter. Was immer in der gesellschaftlichen Umwelt des Konsumierens passiert, findet früher oder später seinen Niederschlag im Konsum und den Konsumpraktiken. Und weil die Welt nun einmal sehr vielseitig ist, denke ich, werden auch weiterhin sehr viele verschiedene Formen des Konsumierens koexistieren.

© Alain Roux

Dirk Hohnsträter leitet die Forschungsstelle Konsumkultur an der Universität Hildesheim

Ich persönlich finde die Maxime "weniger, aber besser" sehr einleuchtend, weil sie beidem gerecht wird: Dem Wunsch zu konsumieren, aber auch der Rücksicht auf die natürliche Umwelt, auf andere Menschen und letztlich auch auf das, was man selbst verkraften kann. Man kann ja einfach mal das Gedankenexperiment machen: Was kostet beispielsweise ein gut gemachter Schuh, der zehn oder 15 Jahre hält im Vergleich zu dem Kauf von, sagen wir, zwei, drei Paar Schuhen in jedem Jahr? Dann ist das unter Umständen am Ende gar nicht teurer, wenn man langlebige, dauerhafte Sachen konsumiert.

Das würde aber bedeuten, dass sich die Haltung verändert, die Gier nach immer Neuem anderes befriedigt wird?

Ja, ich denke, dieser Aspekt des Neuen, dass es immer wieder was Anderes sein muss und nicht was Besseres - das ist tatsächlich ein Knackpunkt. Aber wenn die Akzentuierung mehr auf qualitativen Aspekten liegt, dann, denke ich, können sich Spielräume öffnen.

Der Konsumforscher Dirk Hohnsträter ist auch Herausgeber des Bandes "Konsumästhetik zwischen Kunstkritik und Kennerschaft", Verbraucherzentrale NRW 2020.

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