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"Das Wahlrecht kam sehr oft von oben" | BR24

© Bild: pa / dpa / Zoonar Audio: BR

Demokratie und Gleichheit haben auch eine körperliche Komponente: Menschen, die nicht in Würde leben dürfen, können gar nicht gedacht werden als Gleich und Bürger, die sich selbst regieren können, ist die Historikerin Hedwig Richter überzeugt.

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"Das Wahlrecht kam sehr oft von oben"

Demokratie wird nicht immer auf Barrikaden erkämpft. Die Idee der Gleichheit war oft eine Idee der Eliten, stellt die Historikerin Hedwig Richter in ihrem Buch "Demokratie. Eine deutsche Affäre" fest, das für den Bayerischen Buchpreis nominiert ist.

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Das Wort "Affäre" verbindet man am ehesten mit komplizierten Liebesbeziehungen – und nicht mit Demokratie. Bei der Historikerin Hedwig Richter, Professorin an der Bundeswehrhochschule in München, ist das anders. In ihrem für den Bayrischen Buchpreis nominierten Band "Demokratie. Eine deutsche Affäre" beleuchtet sie die Demokratisierung des Landes seit dem 18. Jahrhundert und entdeckt dabei auch eine komplizierte Beziehungskonstellation. Judith Heitkamp hat mir ihr gesprochen.

Judith Heitkamp: Warum Affäre?

Hedwig Richter: Es geht es ja um eine komplexe Beziehung und durchaus auch um eine Liebesbeziehung. Affären können sich ja stark verändern, sie sind problematisch, aber sie können auch in einer stabilen Beziehung enden, wie wir das, denke ich, in Deutschland erlebt haben...

Kann man überhaupt von der Verankerung der demokratischen Idee sprechen? Sie legen ja dar, dass Begriffe wie Gleichheit oder Freiheit in den letzten 250 Jahren nicht immer für alle dasselbe bedeutet haben.

Ich denke, dass im Zentrum der Idee von Demokratie tatsächlich die Gleichheit steht. Das war auch das umwerfend Neue, das am Ende des 18. Jahrhunderts aufgekommen ist – Gleichheit sollte universal sein. Nicht wie in der Antike oder in den europäischen Stadtrepubliken: Gleichheit für einige Bürger. Gleichheit sollte nun für "alle" gelten. Wobei damit zunächst trotzdem nur weiße Männer gemeint waren. Wir können diesen unwahrscheinlich interessanten Prozess beobachten, wie aus dem selbstverständlichen Ausschluss von Frauen oder zum Beispiel von People of Colour allmählich der Einschluss wird, wie diese Forderung aufkommt, und dann der Kampf darum, Gleichheit immer wieder neu zu definieren und immer weiter zu fassen.

Wenn sich die Begriffe, die in der Demokratie stecken, so verändert haben – was ist dann "Demokratie"?

Nach Christoph Möllers' schlichter Definition die Herrschaft der Gleichen und Freien. Es dreht sich immer um die Trias von Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit, und darum, zu versuchen, diese drei Utopien in die Realität umzusetzen. Das Spannende daran ist die Gleichheit mit dem Anspruch der Universalität.

Muss man sie erkämpfen?

Das ist ganz unterschiedlich. Für die allermeisten Menschen gab es eigentlich nichts im Alltag, was abwegiger war. Eine Magd konnte froh sein, wenn sie genug zu essen hatte, sie konnte geschlagen werden, was sollte da diese Idee der Gleichheit? Es waren oft die Gebildeten, in Preußen zum Beispiel die Reformer, die die Idee der Gleichheit verstanden. Es waren gebildete Regierungseliten, die erkannten, wie sinnvoll es war, ein Wahlrecht einzuführen: Um einen modernen Staat zu bauen, muss man die Menschen an den Staat binden! "Gemeinsinn wecken" wurde das genannt. Deswegen kam das Wahlrecht sehr oft von oben – meistens gar nicht zur Freude derer, die das Wahlrecht erhalten sollten.

Würden Sie sagen, dass Demokratie letztlich von oben installiert wird? Obwohl man doch erstmal an die Barrikaden der Französischen Revolution denkt?

Unterschiedlich, gerade zu Beginn der Demokratiegeschichte ist das sehr stark ein Elitenprojekt. Die Wahlbeteiligung während der Französischen Revolution und in diesen aufregenden Jahren danach ist gar nicht so hoch gewesen. Wir sehen ein mürrisches Wahlvolk. In Frankreich ist es einmal so weit, dass die Beamten schreiben, das Wahlrecht ließe sich eigentlich streichen, das würde keinen Bürger stören. Aber das ändert sich. Die Menschen fühlen sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend an ihren Staat gebunden. Da spielt die Nation eine ganz interessante Rolle. Vor allem am Ende des 19. Jahrhunderts drängen immer mehr Menschen auf den politischen Markt und fordern von unten ihre Rechte ein. Ganz wichtig ist hier die Frauenbewegung; und natürlich, zentral in der deutschen Demokratiegeschichte, unwahrscheinlich interessant und großartig, die Geschichte der Sozialdemokratie.

© Hamburger Institut für Sozialforschung

Im Zentrum der Idee von Demokratie steht die Gleichheit. Nur hat sich unsere Vorstellung davon oft verändert, sagt Historikerin Richter.

In dem Zusammenhang führen Sie eine Kategorie ein, die man nicht unbedingt erwartet, nämlich die des Körpers. Menschen, die bisher keine Zeit, keine Kraft und Möglichkeit hatten, sich um Politik oder Wahlen zu kümmern, kommen langsam in den Zustand, das zu tun. Der leibliche Körper und die Demokratie sind verbunden durch eine Art Wechselbeziehung – wie das?

Ja, der Verbindungspunkt ist die Würde des Menschen. Wenn der Körper darbt, wenn er auch noch gefoltert wird – was im 18. Jahrhundert stark problematisiert und dann tatsächlich abgeschafft wird – was soll dann "gleich" bedeuten? Was sollen denn Partizipationsrechte bedeuten? Und hier kommt die Sozialgeschichte hinein, auch die Geschichte der Arbeiterbewegung. Wir sehen, dass Demokratisierungsprozesse stark einhergehen mit Wohlstandsanstieg, dass Menschen eben nicht mehr Hunger leiden, dass Menschen sich besser kleiden können, bessere Nahrung haben. Nicht zufälligerweise, denke ich, fällt die Massenpolitisierung zusammen mit einem Wohlstandsanstieg um 1900, der auch den Ärmsten zugutekommt. Menschen, die nicht ihren Körper beherrschen, die geschlagen werden dürfen, die nicht in Würde leben können, können gar nicht gedacht werden als Gleiche und als Bürger, die sich selbst regieren können.

Führt das am Ende zu einer pessimistischen Sicht auf Demokratie - wenn immer Wohlergehen und Wohlstand da sein müssen?

Das würde ich nicht sagen. In den stabilen Demokratien herrscht ja ein sehr großer Wohlstand, übrigens auch eine sehr große Zufriedenheit. Aber umgekehrt ist es schwer für einen Staat, Demokratie zu sein und stabil zu sein, wenn Armut herrscht. Das war eines der Probleme am Ende der Weimarer Republik: ein großer Teil der Bürgerinnen und Bürger lebte in Armut, hatte Hunger, litt Obdachlosigkeit, die Arbeitslosigkeit war entsetzlich hoch und so weiter.

Wie schauen Sie denn dann auf heutige Demokratiemüdigkeit oder Politikverdrossenheit, auf die Krise der Parteien, auf den Zulauf für die Extremisten und die Populisten?

Das ist ganz bestimmt ein Problem, man sollte es nicht verharmlosen. Aber wenn wir den historischen Blickwinkel haben, relativiert sich doch vieles. Wann waren die goldenen Zeiten der Demokratie? Wenn wir jetzt von ihrem Untergang reden, dann muss es irgendeine entsetzliche Niedergangsgeschichte geben und ich sehe nicht, wann die gewesen sein soll. Manche beschwören die 1950er Jahre, weil da die materielle Ungleichheit sehr gering gewesen sei, aber ich denke, für Frauen und auch für Menschen mit Migrationshintergrund waren das in den meisten westlichen Ländern hoch problematische Zeiten. Der Kalte Krieg war auch keine Hochzeit für die Demokratie. Und was Rechtsextremismus betrifft, das ist ganz bestimmt ein Problem. Ich finde es besonders schrecklich, dass der Antisemitismus wächst. Aber wir sollten auch sehen, dass Rechtsextremismus und rechter Terror leider zur Geschichte der Bundesrepublik gehören. Was uns noch mehr anspornen sollte, ihn zu bekämpfen – aber was eben nicht die Erzählung erlaubt, dass jetzt Umstände herrschten, die es zuvor nie gegeben hat und die auf den Untergang unserer Demokratie hinweisen. Ich würde eher sagen: Unsere Demokratie ist eigentlich die Herrschaftsform, die in der Lage sein müsste, damit umgehen.

© C.H. Beck

Nominiert für den Bayerischen Buchpreis: "Demokratie. Eine deutsche Affäre" von der Historikerin Hedwig Richter, erschienen bei C.H.Beck

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