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Kann man mit Design die Welt retten, Friedrich von Borries? | BR24

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Gutes Design kann die Demokratie verbessern, ist der Kurator und Designtheoretiker Friedrich von Borries überzeugt. Wie das gelingen kann, will er in den nächsten Tagen in mehreren Workshops in der Neuen Sammlung erarbeiten.

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Kann man mit Design die Welt retten, Friedrich von Borries?

Der Designtheoretiker Friedrich von Borries ist überzeugt: Gutes Design kann die Demokratie verbessern. Wie genau, will er in Workshops in München erarbeiten. Doch er warnt: Was aus Designer-Perspektive gelungen ist, kann politisch schlecht sein.

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Der Designtheoretiker Friedrich von Borries zeigt in der Ausstellung "Politics of Design, Design of Politics“ in der Pinakothek der Moderne in München, dass Design nicht nur nach ästhetischen und funktionalen Gesichtspunkten betrachtet werden kann, sondern auch politisch gesehen werden muss. In den nächsten zehn Tagen finden in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung begleitende Workshops statt. Barbara Knopf hat mit ihm gesprochen.

Barbara Knopf: Herr von Borries, die Fragestellung dieser Workshops heißt "Kann Design die Demokratie verbessern?" Welche Aspekte werden denn da aufgeworfen?

Friedrich von Borries: Das Spannende an Workshops, die man ausschreibt, ist ja auch immer, den eigenen Horizont oder die eigene Herangehensweise kritisch zu hinterfragen. Und deshalb haben wir diese Fragestellungen in die Design-Community hinausgeschickt. Wir haben auch nicht selber die Workshops, die jetzt stattfinden, ausgewählt, sondern sie unter allen Teilnehmern selbst ausbilden lassen. Die Ideale von Demokratie wurden also auf sich selbst angewandt. Eine Hälfte hat dann zum Beispiel gesagt, es geht eigentlich nicht darum, zu fragen, wie man die Demokratie besser gestaltet, sondern es geht darum, Utopien zu entwerfen. Die beschäftigen sich in ihrem Workshop mit einem Text von 1983 von einem anonymen Kollektiv, das bolo bolo heißt, und wo jemand imaginiert hat, wie die Welt aussähe, wenn sie organisiert wäre in sogenannten bolos-Gruppen von 500 Menschen. Also wo fast jeder jeden kennen könnte. Sie übertragen das in die Gegenwart und wollen in einem zweitägigen Workshop den Text gemeinsam lesen und dann Utopien für Heute entwerfen: Wie sähe es aus, wenn unsere Organisationseinheit nicht 80 Millionen hätte wie die Bundesrepublik Deutschland oder anderthalb Millionen wie die Stadt München, sondern 500? Das ist, finde ich, ein ganz schönes Beispiel dafür, wie ein kreativer Blick auf Demokratie, auf die Art wie wir zusammenleben, auch nochmal andere Fragen aufwerfen kann.

Dahinter steckt ja dann eigentlich auch das Bewusstsein, dass unsere Demokratie, so wie wir sie jetzt haben, eigentlich auch gar nicht hierarchielos ist.

Genau, das ist einer der Ansätze, die Hierarchien in Frage zu stellen und sich zu überlegen, was nicht-hierarchisches Zusammenleben bedeuten würde. Das ist natürlich ein sehr abstrakter und groß angelegter Zugang. Vielleicht als Gegenbeispiel dazu ein zweiter Workshop: "Blocking the Sound" mit Banu Cicek Tülü, einer Desingerin und Soundforscherin, die sagt, diese unsichtbaren Klanglandschaften, Klanglärm, der die Stadt beherrscht, ist auch etwas, was gestaltet wird und gestaltet werden muss. Die Art wie wir miteinander umgehen, hängt ja auch von der Klanglandschaft ab. Ob wir uns überhaupt verstehen, im übertragenen und im ganz unmittelbaren Sinne. Sie macht erst Klang-Spaziergänge und entwirft und baut dann später Klangobjekte, Kopfhörer und ähnliches mit den Teilnehmern. Die Bandbreite von einem ganz konkreten, materiellen, auch händischen Zugang hin zu einem abstrakten, theoretischen, spekulativen.

Heißt das ganz konkret auch, dass die Welt eigentlich immer lauter wird und man sich immer mehr anschreien muss, weil alle so vor sich hinreden?

Ja, ich finde das ist eine wunderbare Metapher für die Art, wie heute Politik betrieben wird. Ein sehr lärmendes Geschäft. Und jeder, der vermeintlich am einfachsten verständlich, provokativ oder lautesten ist mit These, Behauptung, Forderung versucht die politische Arena zu beherrschen. Eine politische Arena, die nicht ein Raum des Verstehens, des vorsichtigen Austausches, des Herantastens ist, sondern eine Arena des Anschreiens bis hin zum Anpöbeln. Da finde ich das auch eine poetische und symbolisch metaphorische Herangehensweise für eine andere politische Kultur.

Das, was Sie da schildern, ist wie die Idee eines Zusammenlebens. Können Sie mir sagen, was das eigentlich konkret mit Design zu tun hat?

Wenn wir an eine Stadt denken, die ein von Menschen gestaltetes Raumgebilde ist, dann geht es eben nicht nur darum, wie genau die Häuser aussehen und wo die Parkplätze sind und wo die Bäume stehen. Sondern es geht auch darum, wie können Menschen da eigentlich überhaupt miteinander interagieren? Und wenn man darüber nachdenkt, dann passiert im nächsten Schritt, dass man vielleicht sagt: Vielleicht müssen die Straßen, die Räume anders aussehen, dass sie lebendiger sind, dass Menschen besser miteinander in Kontakt kommen, damit Fremde sich in einer anderen Weise begegnen und kennenlernen können als das in der heutigen Stadt möglich ist. Und plötzlich sehen dann vielleicht Straßen ganz anders aus: Es gibt weniger Parkplätze und mehr Aufenthaltsräume im Freien, Wohnungen und Häuser bekommen eine andere Offenheit, eine andere Durchlässigkeit, sind einladender, et cetera. Also: Das Materielle, das viele als die Kernaufgabe von Gestaltung, von Design, von Architektur verstehen, und das Immaterielle, die Vorstellungen, wie wir überhaupt zusammenleben wollen, kommen dann in einer besonderen Weise zusammen, die mir sehr wichtig ist.

© dpa picture alliance / Sven Simon

"Gutes Design kann die Welt befreien" - sagt der Designtheoretiker Friedrich von Borries

Ein Satz von Ihnen lautet: „Gutes Design befreit die Welt.“ Kann man bestimmen, was gutes Design ist? Und was dann im Gegensatz dazu böses Design ist?

Ich habe in meinem Buch "Weltentwerfen" versucht, ein neues Kriterium einzuführen, nämlich die Frage: Was macht das Design eigentlich auf einer politischen Ebene? Also nicht, ist es schön oder hässlich oder ist es funktional oder nicht-funktional, sondern auf der Ebene: Was für eine Form von Zusammenleben ermöglicht es eigentlich? Ich würde dann immer sagen, ein gutes Design ist eins, das uns befreit, das uns mehr Handlungsmöglichkeiten, mehr Spielräume gibt – währenddessen ein schlechtes, ein böses Design eines ist, das uns unterwirft, das unsere Handlungsmöglichkeiten einengt, das uns weniger Freiheit zuweist als wir vorher hatten. Aber das ist natürlich eine Vorstellung von Gut und Schlecht, die sehr stark von einem Freiheitsbegriff der westlichen Moderne geprägt ist und nicht von autoritären Staatsmodellen. Vielleicht ist in China die Vorstellung von Gut und Schlecht genau andersherum.

Bedeutet aber, dass das Design der Nazis zum Beispiel kein freiheitliches war, sondern eines, das unterworfen hat!

Aus einer politischen Perspektive würde man sagen, dass das Design der Nazis schlecht, böse, unterwerfend und freiheitsberaubend ist, weil es halt dazu diente, einen totalitären Staat zu verherrlichen und durchzusetzen. Nach funktionalen Kriterien ist da manches sozusagen sehr zielführend und hat – in Anführungszeichen – "hervorragend" funktioniert. Genau deshalb brauchen wir ja einen politischen Designbegriff, um solche Phänomene zu fassen. Das gleiche gilt übrigens auch für Donald Trump, der ja auch sehr viel Erfahrung in Design und Gestaltung hat, und seine durch und durch designte Politik – und man sieht, dass wir das mit den klassischen Kriterien von Design gar nicht mehr zu fassen und zu bewerten bekommen.

Sagen wir mal ein Beispiel für die durchdesignte Politik von Donald Trump?

Ja, der Einsatz von Fakes zum Beispiel, die fortwährenden Behauptungen von Unwahrheiten; Twitter als Instrument der Massenkommunikation zu nutzen, ist erst mal sehr innovativ und nutzt sozusagen die Möglichkeiten des Kommunikationsdesigns der Gegenwart in mustergültiger Weise und sehr erfolgreich. Aber es ist deshalb ja noch lange nicht gut.

"Kann Design die Demokratie verbessern?“ Bis zum 19. September finden noch Workshops des Kurators Design und Design Theoretikers Friedrich von Borries statt, begleitend zu seiner Ausstellung "Politics of Design, Design of Politics" (bis Ende September in der Pinakothek der Moderne in München). Anmeldung auf der Webseite der Neuen Sammlung; man kann auch einfach vorbeikommen.

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