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Warum Instagram den Maler Caspar David Friedrich kopiert | BR24

© picture alliance/Heritage-Images

Auf Instagram erlebt ein Bildformat aus der deutschen Romantik eine erstaunliche Renaissance: die einsame Rückenfigur vor kolossaler Natur. Stereotyper Kitsch? Vielleicht auch. Aber vor allem Ausdruck unserer Sehnsüchte in Zeiten der Klimakrise.

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Warum Instagram den Maler Caspar David Friedrich kopiert

Auf Instagram erlebt ein Bildformat aus der deutschen Romantik eine erstaunliche Renaissance: die einsame Rückenfigur vor kolossaler Natur. Stereotyper Kitsch? Vielleicht auch. Aber vor allem Ausdruck unserer Sehnsüchte in Zeiten der Klimakrise.

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Klimawandel, Artensterben, endliche Ressourcen und über die Weltmeere strudelnder Abfall: Mensch und Natur sind schon lange im Krisenmodus ineinander verstrickt. Es geht um Ausbeutung, Geld, Politik und um globales Überleben. Aber war da nicht mal was? Etwas ganz anderes? Die Natur als das Unberührte, Übergroße, das dem vergänglichen Menschen vorausgeht und ihn überdauern wird. Als Gegenwelt zum Gesellschaftlichen – eine Welt, die keine Fragen stellt, sondern einfach ist.

Seelenlandschaft mit Betrachter

Ihr nähert sich der Mensch in heroischem Grenzgang als Abenteurer. Oder er nimmt die Größenverhältnisse demütig hin – nicht um sich mickrig zu fühlen, sondern sich vom Erhabenen erheben zu lassen. Und diese Empfindung vielleicht festzuhalten und mitzuteilen. Es gibt ein Bildformat aus dem frühen 19. Jahrhundert, das derzeit eine erstaunliche digitale Renaissance erlebt. Seine wichtigsten Zutaten: ein Naturpanorama von entrückter, überwältigender Schönheit – Meer, Wald, Gebirge – und eine einsame Gestalt, die mit dem Rücken zum Betrachter auf dieses Panorama blickt. Ein Instagram-Trend, den viele Zehntausend Bilder bedienen. Und bei 29.600 davon steht ausdrücklich dabei: #caspardavidfriedrich.

Denn erfunden hat dieses Bildformat ein Dresdner Maler kurz nach 1800: "Der Mönch am Meer" oder "Wanderer über dem Nebelmeer" heißen Caspar David Friedrichs ikonische Gemälde mit den rätselhaften Rückenfiguren. Sie haben den Effekt, die dargestellte Natur nur indirekt zugänglich zu machen: Wir sehen jemandem dabei zu, wie er ins Schauen versunken ist, wir betrachten das Betrachten. Das ist sehr modern an Friedrichs Bildern. Seine Landschaften werden oft als "Seelenlandschaften" bezeichnet: realistische Malerei, die nicht behauptet, ein Stück Welt zu zeigen, wie es ist, sondern wie es sich anfühlt.

Die Ästhetik des Ähnlichen

Die massenhafte digitale Friedrich-Wiederverwertung schreit geradezu nach einem Kulturpessimismus, der die Vereinnahmung der Kunst durch die Kulturindustrie beklagt: Die Bilder zeigen weniger echte als vorgetäuschte Einsamkeit, sie werden an den immer gleichen Orten in immer gleicher Ästhetik inszeniert, sie sind vorhersehbar, der Markt, für den sie gemacht werden, treibt sie wie jeder Markt seine Ware zum Stereotyp. Und es stimmt ja: An Landschaftspunkten, die sich besonders für die Caspar-David-Friedrich-Perspektive eignen wie der neuseeländische Roy's Peak oder der spektakuläre Felsvorsprung "Trolltunga" ("Trollzunge") in Norwegen steht man inzwischen Schlange, um das Einsamkeitsfoto mit Rückenansicht zu schießen.

Das zu entlarven, klingt allerdings ähnlich up to date wie die in der Frühzeit von Facebook vorgetragenen Bedenken, Nutzer könnten bei Hunderten Facebook-Freunden den Begriff davon verlieren, was Freundschaft eigentlich bedeutet. Diese Art Kritik verfehlt das Phänomen. Denn dass es mit Wiederholungen, Ähnlichkeiten und Mustern arbeitet, will Instagram keineswegs verschleiern, sondern legt es in seiner Funktionsweise sogar offen: Hashtags bündeln die Wiederholungen, klickt man sie an, kommt man zu lauter ähnlichen Bildern oder Bildern, die ähnlich gelesen werden wollen: #naturlove, #eveningsky, #imrhythmusdernatur – oder eben #caspardavidfriedrich. Und wie sehr sich das alles bis ins Detail gleicht, belegt spätestens der Account "insta_repeat" in skurril seriellen Fotosammlungen.

Andachtsbilder von stiller Koexistenz

Die Sache ist also verzwickter: Instagram hält den Widerspruch aus, das einzigartige Erlebnis auf repeat zu feiern. Naiv ist das nicht, sondern eher, sagen wir, post-naiv. Das hieße: Die digitale Bildpraxis weiß, wie formelhaft ihr Pathos ist, setzt aber dennoch darauf, dass es wirkt. Und das tut es – was eine durchaus komplexe sozialpsychologische Operation ist.

Interessanter als der Verweis auf Stereotyp und Inszenierung bei Instagram ist die Frage, was das Caspar-David-Friedrich-Format eigentlich so attraktiv macht. "Seelenlandschaften" sind auch die Instagram-Bilder, auch sie projizieren Gefühl auf die Natur. Und auch sie tun das in einer Staffelung der Perspektiven: Zwar zeigt man hier, anders als der Maler, sich selbst bei der Naturerfahrung, aber eben nicht mit Touristenlächeln für die Kamera, sondern als Rückenfigur, die als eine Art Repräsentant der Menschheit dort steht.

Damit hätte das aus dem 19. Jahrhundert ins Zeitalter der globalen Krise transferierte Bildformat eine versöhnliche Botschaft: Der Mensch ist noch einmal ein kleines, passives Wesen, der Natur zugewandt, die Natur hat noch einmal etwas Unantastbares. Und das Irritierende und Unruhige in Friedrichs Gemälden – Kleist schrieb über den "Mönch am Meer", er habe sich vor dem radikal reduzierten Gemälde gefühlt, als seien ihm die Augenlider weggeschnitten worden – wird in der tausendfachen rituellen Wiederholung zum spätmodernen Andachtsbild stiller Koexistenz. Dieses Bild verehrt aber weniger die Natur selbst als die Andächtigkeit der sich winzig machenden Menschengestalt.

Schuldbewusste Sehnsucht nach Unschuld

Ein tief melancholisches Friedensangebot an die Natur also. Das Schauen und Verharren der Rückenfiguren, das ins Zentrum des Bildes rückt, beschwört so etwas wie Schuldbewusstsein und Unschuld gleichermaßen. Auch wieder komplex. Aber ob sie sich nun post-naiv der eigenen Naivität bewusst ist oder nicht: Die Inflation dieser Unschuldsbilder ist selbst ein Krisensymptom. "Auch ihr schlechtes Gewissen hilft der Kulturindustrie nichts", schrieb Adorno, der vermutlich einen passionierten Instagram-Kritiker abgegeben hätte. Damit hat er recht. Es könnte aber sein, dass ein gutes Gewissen in diesem Falle auch nichts nützt. Wir brauchen keine Beruhigung, wir brauchen neue, riskante, verstörende Bilder von uns und der Natur. Die Sehnsucht nach Unschuld hilft gerade in der ökologischen Krise dann doch nicht weiter.

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