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Wie jeder Einzelne auf Hass im Netz antworten kann | BR24

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Aus der kulturWelt: ein Beitrag von Benedikt Mahler

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Wie jeder Einzelne auf Hass im Netz antworten kann

Viele scheinen das Netz als Ort eines halbwegs besonnenen Austauschs schon aufgegeben zu haben. Nicht so die Initiative #ichbinhier. Mit beachtlichem ehrenamtlichen Einsatz kämpft sie gegen unsachliche und aufhetzende Kommentare.

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"Wir setzen uns dafür ein, die Kommentarspalten zu versachlichen." Das sagt Alex Urban, der eigentlich Wirtschaftsingenieur ist, aber die wenige Zeit, die ihm bleibt, in die Facebook-Gruppe #ichbinhier investiert. Die Initiative brauche es, glaubt Urban, damit Mitleser wieder motiviert werden, sich an Diskussionen zu beteiligen. Oftmals sei es so, dass man sofort angegangen werde, wenn man etwas kommentiere. Beleidigungen und Häme verhinderten einen Diskurs: "Sachlicher Diskurs wird im Grunde von den Kommentarspalten vertrieben. Wir wollen die Leute dafür begeistern, wieder zu kommentieren und nicht denen das Feld zu überlassen, die quasi nur aufhetzen wollen."

Eine Idee aus Schweden

Die Idee für die Gruppe stammt eigentlich aus Schweden. Dort taten sich erstmals Facebook-Nutzer zusammen, um gemeinsam gegen Hass und Hetze in den Kommentarspalten anzuschreiben. Als mit der Flüchtlingsaufnahme im Sommer 2015 rassistische und Menschen verachtende Kommentare und Postings auch hierzulande zunahmen, beschloss der Kommunikationsberater Hannes Ley nach schwedischem Vorbild aktiv zu werden. Dafür wurde Ley im vergangenen Jahr mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Denn mittlerweile engagieren sich mehr als 46.000 Mitglieder unter #ichbinhier für Meinungsfreiheit im digitalen Zeitalter. "Wenn es in Richtung Menschenfeindlichkeit geht", erklärt Alex Urban, "dann schreiten wir ein. Auch wenn Desinformationen gestreut werden posten wir den Artikel, um den es geht, innerhalb der Facebook-Gruppe und rufen die Mitglieder auf, dort zu kommentieren und die Diskussion zu versachlichen."

Wer macht im Netz überhaupt Stimmung?

Laut einer Studie, die das Institute for Strategic Dialogue veröffentlicht hat, sind bei Hasskommentaren im Netz nur fünf Prozent der Accounts für fünfzig Prozent der Inhalte und Likes verantwortlich. Damit erhalten diese Accounts ein Meinungsmonopol und verzerren durch Manipulation der Algorithmen den politischen Diskurs. Dagegen wendet sich die Initiative: "Der Name #ichbinhier soll natürlich auch verdeutlichen: Ich bin jetzt da, ich vertrete meinen Standpunkt, unterstützt von meiner Community. Ich lasse mich nicht verjagen, sondern zeige Haltung gegen rassistische und aufhetzende Kommentare."

Konkreter Fall: Nach dem schrecklichen Vorfall in Frankfurt, bei dem ein Mann einen achtjährigen Jungen vor einen ICE gestoßen hat, war die Betroffenheit in der Bevölkerung mindestens so groß wie die Wut – gerade im Netz. Es war absehbar, dass Wut und Hass die Kommentarspalten in den Sozialen Medien mal wieder überfluten würden. Die Community von #ichbinhier war zwar darauf gefasst, doch sei in solchen Ausnahmefällen Besonnenheit wichtiger als blinder Aktionismus, meint Alex Urban: "Im Fall Frankfurt, wo ein psychisch kranker Mann einen kleinen Jungen vor einen Zug geschubst hat, haben wir uns tatsächlich eher herausgehalten. Wir haben die blanke Wut und auch teilweise den Hass auf diesen Mann durchaus nachvollziehen können, wollten aber die Gewaltspirale, die sich in den Kommentarspalten immer weiter aufschaukelt, nicht noch weiter befeuern. Im Grunde ist es so, dass das, was man dort gelesen hat, für sich gesprochen hat. Jeder hat gesehen, was dort passiert ist, wie dieser Fall instrumentalisiert wurde, quasi die Hautfarbe des Täters wichtiger wurde als die Tat an sich."

Für die Zukunft haben sich Alex Urban und die Community vorgenommen, sich weiter zu professionalisieren – deshalb reicht eine Facebook-Gruppe nicht mehr aus. Mittlerweile ist #ichbinhier ein eingetragener Verein.

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