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Warum Humor für Krimiautorin Ingrid Noll Überlebensmittel ist | BR24

© Renate Barth/Diogenes Verlag

"In Liebe Dein Karl": Ingrid Noll legt Geschichten vor, in denen sich auch Autobiografisches findet. Im Interview erzählt sie von ihrer Kindheit in China, dem Schrecken deutscher Turngeräte und warum Tomi Ungerer sie mit Gevatter Tod zeichnete.

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Warum Humor für Krimiautorin Ingrid Noll Überlebensmittel ist

In den Geschichten ihres neuen Erzählbandes "In Liebe Dein Karl" gibt Krimiautorin Ingrid Noll Einblicke in ihr Leben. Im Interview spricht sie über ihre Kindheit in China und warum Tomi Ungerer sie mit Gevatter Tod zeichnete.

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Als Schriftstellerin hat sie erst im "reiferen Alter" debütiert, so schreibt Ingrid Noll es selbst. Mit Romanen wie "Die Apothekerin" und "Kalt ist der Abendhauch" wurde sie zur bekanntesten deutschen Krimiautorin. Nun hat Noll einen Band mit Kurzgeschichten und persönlichen Erinnerungen veröffentlicht: "In Liebe Dein Karl". Knut Cordsen hat mit Ingrid Noll gesprochen.

Knut Cordsen: Sie haben schon als junges Mädchen erste Schreibversuche unternommen, aber Sie waren, bevor Sie sich im Alter von 55 Jahren ganz dem Schreiben widmeten, Hausfrau und Mutter. In Ihrem Buch steht der schöne Satz: "Jeder weiß, dass der Prophet im eigenen Land wenig gilt und der Erzähler am eigenen Esstisch noch weniger." Wie war das bei Ihnen zu Hause am Esstisch, als Ehefrau und Mutter dreier Kinder: Waren Sie da auch schon die große Erzählerin oder mussten erst die Kinder aus dem Haus sein, bis Sie zu der Erzählerin wurden, die Sie heute sind?

Ingrid Noll: Na ja, natürlich war ich das schon früher. Man erwartete, dass ich eine Entertainerin bin, und beim Mittagessen wurde gelacht und gescherzt und geredet. Und ja, da habe ich Erfahrungen gesammelt. Ich kannte das aber schon von meinem Elternhaus. Da war mein Vater der Entertainer bei Tisch.

Sie sind 1935 in Shanghai geboren, in anderen chinesischen Städten, unter anderem in Nanjing aufgewachsen, dann mit 14 Jahren 1949 in das Ihnen bis dato unbekannte Deutschland gekommen – war das ein Kulturschock für Sie?

Das war allerdings ein Schock. Erstens mal hatten wir völlig falsche Vorstellungen. Wir dachten, Deutschland, das wäre ein romantisches Land. Die Eltern sprachen manchmal ein bisschen wehmütig von "Heimat". Wir stellten uns Schwarzwaldtannen mit Schnee vor und Kuckucksuhren und all den Kitsch, den die Amis heutzutage in Deutschland aufsuchen. Und dann kamen wir in ein zerstörtes Land. Das war der erste Schock. Der zweite war, dass wir selber so falsch waren. Wir waren falsch angezogen, kannten die falschen Lieder. Ich hatte noch nie Turngeräte wie Reck oder Barren gesehen. Folterinstrumente! Wir waren in der Schule grottenschlecht und wurden von den anderen angestarrt wie Aliens.

Sie haben dann eine Nonnenschule besucht und sind in jungen Jahren nicht weiter auffällig, geschweige denn straffällig geworden. Ein paar geklaute Kunstpostkarten im Louvre und ein rosa Lippenstift, den Sie aus dem Kaufhaus Lafayette in Paris mitgehen ließen, das bildete schon den Höhepunkt Ihrer "kriminellen Laufbahn". Wie kamen Sie dazu, Krimis zu schreiben, konnte es nur dieses Genre sein?

Ich hatte vorher schon ein bisschen herumexperimentiert mit Kindergeschichten, aber die waren sehr freundlich und nett ausgefallen und überhaupt nicht erfolgreich. Die Kinder waren inzwischen auch schon aus dem Haus. Wichtig war, dass ich dann endlich zum ersten Mal im Leben ein eigenes Zimmer hatte und experimentieren konnte. Und dann dachte ich eben: Für Kinder und so lieb, ich mache jetzt mal das Gegenteil – für Erwachsene und richtig böse. Ich hatte mit Krimis natürlich keine großen Erfahrungen und zu dem Zeitpunkt auch nicht so viele gelesen. Deswegen war mein erstes Buch "Der Hahn ist tot" etwas merkwürdig. Und genau das war vielleicht der Grund des Erfolgs.

In Ihrem Arbeitszimmer in Mannheim hängt eine Zeichnung von Tomi Ungerer, die er Ihnen zum 75. Geburtstag geschenkt hat. Es ist ein ziemlich makabres Bild, denn es zeigt Sie, Ingrid Noll, vor Ihrer Schreibmaschine, neben Ihnen steht eine Knochenvase und hinter Ihnen steht Gevatter Tod, der Ihnen diktiert. Haben Sie beim Schreiben dieses Gefühl, dass Ihnen der Tod im Nacken sitzt?

Naja, das ist doppeldeutig gemeint. Erstens mal spielt der Tod natürlich bei Krimis immer eine große Rolle. Und zweitens wollte mir Tomi, den ich gut kannte – leider lebt er ja nicht mehr – gleichsam durch die Blume, durch die Blume im Knochen – eben sagen: Liebe Ingrid, du hast nicht mehr ewig Zeit, halte dich ran.

© picture alliance/Uwe Anspach/dpa

Ingrid Noll mit ihrem Porträt aus der Hand Tomi Ungerers

Mittlerweile werden Ihre Krimis in Seminararbeiten an der Uni mit denen von Agatha Christie verglichen – hätten Sie sich das je träumen lassen?

Das hätte ich mir nie träumen lassen. Die größte Verwunderung für mich war, dass das erste Buch überhaupt gedruckt wurde. Und auch gleich beim ersten Verlag, wo ich es hingeschickt hatte. Darüber staune ich immer noch.

Als Sie Ihren ersten Roman veröffentlichten, quittierte Ihre Mutter das mit dem Wort "niedlich" – so als wären Sie noch immer ein kleines Mädchen. Hat Sie das gekränkt?

Nein, da war ich ja schon Mitte 50 und alt genug, um darüber zu lächeln. Ich hoffe nur, dass ich solche Fehler bei meinen Kindern nie gemacht habe.

Ihre Mutter ist 106 Jahre alt geworden, und deren Mutter wiederum ist 105 geworden. Auch wenn Sie in Ihrem jüngsten Buch Ihren letzten Tag imaginieren in einer Geschichte: In puncto Lebenserwartung müssen Sie sich eigentlich keine Sorgen machen, Sie sind gerade mal 84 Jahre alt.

Naja, mein Vater ist mit Mitte 50 gestorben. Man hat ja die Gene von beiden Eltern. Deswegen weiß ich zum Glück überhaupt nicht, ob ich die weiblichen Vorfahren jetzt noch übertreffe. Ich will es auch nicht unbedingt.

Das Wort "Lebenserwartung" ist ja ein seltsames Wort, wenn man es genau betrachtet. Ist in Ihrem Leben eingetreten, was Sie sich von ihm erwartet haben?

Nein, es kam alles ein bisschen anders. Also meine Eltern wollten zum Beispiel damals, als sie von Shanghai losfuhren, am liebsten nach Australien auswandern. Da hätte man einen Bürgen gebraucht und wir wären dort gelandet und ich wäre wahrscheinlich mit einem Schafzüchter verheiratet. Oder sie wollten nach Amerika, da hätte mein Vater noch mal ein Staatsexamen müssen machen müssen als Arzt. Was weiß ich, was aus mir geworden wäre? Es ist alles von Zufällen abhängig.

Sie beschäftigen sich in einem Ihrer neuen Texte auch mit dem Altern, dieser Text hat einen schönen Lesefehler zum Titel: "Winterrücks altern" – "winterrücks" statt "hinterrücks". Sie lesen "Knöchelverzeichnis" statt "Köchelverzeichnis", da hört man ja förmlich schon die Gebeine klappern. Sie erzählen von den Gebrechen des Alters mit einem solchen Witz, dass man denkt: Dieser Witz ist vermutlich das beste Überlebensmittel.

Oh ja, ich denke schon. Humor ist wichtig, denn in meinem Alter – ich werde in diesem Jahr 85 – da geht es natürlich los. "Materialermüdung" nennt man das wohl, und das ist immer ärgerlich, wenn man immer sagen muss: Das kann ich nicht mehr. Also rein körperliche Dinge. Die Augen sind nicht mehr so gut, die Ohren, die Knie und so weiter. Wenn man klein ist, kann man ja immer sagen: Das kann ich schon. Ich kann schon Dreirad fahren, und ich kann schon schwimmen. Es geht immer bergauf. Und in meinem Alter geht's natürlich in manchen Dingen bergab. Das kann man nicht ändern.

In Ihren Erzählungen schreiben Sie auch eine moderne Version des Grimmschen Märchens "Von dem Machandelbaum", das ja ein recht grausames Märchen ist. Oder Sie betonen, wie wichtig es gerade für Kinder ist, Goethes "Erlkönig" zu lesen, auch wenn er ein grausames Verbrechen thematisiert. Von Tomi Ungerer gibt es den Satz: "Kinder mögen schreckliche Geschichten, weil sie spüren, dass die Welt nicht heil ist. Man muss Kinder traumatisieren, damit sie lernen, ihre Angst zu überwinden. Das ist wie eine Impfung für die Zukunft." Stimmt das, muss man Kinder traumatisieren?

Das Wort "traumatisieren" finde ich wirklich ein bisschen zu hart. Das finde ich nicht. Ein Trauma soll nicht übrig bleiben. Aber grausen tun sich Kinder ja ganz gerne, denken Sie an solche Spiele wie Verstecken im Dunkeln. Das mögen Kinder. Man fürchtet sich, dass man gefunden wird. Und trotzdem man hat auch wieder Angst, dass man nie gefunden werden könnte. Bei Märchen ist es auch so. Kinder finden es schon völlig in Ordnung, wenn gerecht und gemein oder auch grausam bestraft wird. Aber traumatisieren will ich kein Kind.

Reden wir vielleicht noch über die titelgebende Geschichte Ihres Buches: "In Liebe Dein Karl". Da geht es um eine Frau, die im Nachlass ihrer Tante erstaunliche Entdeckungen macht. Können Sie die Geschichte kurz umreißen?

Ja, also ein bisschen kam ich selber darauf, als meine Großmutter starb und ich dann mitten aus dem Elternsprechtag in der Schule – ich hatte versetzungsgefährdete Kinder – abberufen wurde: Ich sollte sofort zu meiner Großmutter kommen, und da lag die dann und war tot. Dann galt es eben auch, den Nachlass zu sichten. Viele kleine Details in dieser Geschichte, die stammen daher, was man da so findet an Klettenwurzel-Öl und so weiter. Aber die Liebesgeschichte habe ich erfunden. In meiner Geschichte findet man im Nachlass eben auch Liebesbriefe bei einer alten Frau, der man so eine Liaison nie zugetraut hätte – und noch anderes, das niemand erwartet hätte. Ich finde, die Moral dieser Geschichte ist: Man kennt seine Angehörigen nicht, auch wenn man sich das einbildet.

"In Liebe Dein Karl" von Ingrid Noll ist bei Diogenes erschienen.

© Diogenes

"In Liebe Dein Karl" von Ingrid Noll

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