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Ines Geipel über die "Verpittiplatschisierung" des Ostens | BR24

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Ines Geipel hat ein sehr persönliches Buch geschrieben über die Frage, woher die Wut im Osten kommen könnte: "Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass". Antonio Pellegrino hat mit der engagierten Schriftstellerin gesprochen.

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Ines Geipel über die "Verpittiplatschisierung" des Ostens

"Jede Diktatur ist eben auch eine Entlastungsgeschichte im Hinblick auf Verantwortung", sagt Schriftstellerin Ines Geipel im Interview. Die Ex-Leichtathletikerin der DDR hat ein sehr persönliches Buch über die Wurzeln der Wut im Osten geschrieben.

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Deutschland, ein Land, das 70 Jahre nach dem Grundgesetz und fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung immer wieder von der Vergangenheit eingeholt wird. Ein Land, das sich mit neuen Problemen auseinandersetzen muss, mit neuen Herausforderungen, unliebsamen politischen Gruppierungen, sozialen Brennpunkten. Ines Geipel, einst Mitglied der DDR-Nationalmannschaft im Sprint und Opfer der DDR-Dopingpolitik, hat nach ihrer Flucht in den Westen im Sommer 1989 Philosophie und Soziologie studiert. Heute ist sie Professorin für Verskunst an der Berliner Schauspielschule Ernst Busch. Sie hat ein sehr persönliches Buch geschrieben über die Frage, woher die Wut im Osten kommen könnte. Antonio Pellegrino hat mit Ines Geipel gesprochen – ein Auszug des Gesprächs zum Nachlesen. (Das ganze Interview können Sie mit einem Klick auf das Lautsprechersymbol im Bild oben anhören.)

Antonio Pellegrino: "Umkämpfte Zone: Mein Bruder, der Osten und der Hass" lautet der Titel Ihres Buches, in dem Sie sich mit der jüngsten Geschichte Deutschlands, insbesondere der DDR befassen. Sie sind in Dresden geboren, dort aufgewachsen, waren eine erfolgreiche Sportlerin. Darauf legte die Partei immer großen Wert. Dennoch haben Sie schnell gespürt, dass Sie nicht so recht in das sozialistische System passten, mit dem Sie heute und auch früher hart ins Gericht gegangen sind und dessen Mythen Sie auf den Prüfstand setzen.

Ines Geipel: Wir haben mit 1989 einfach ein großes Glückskapital in die Hand gelegt bekommen und wir merken, hier kippt etwas massiv im Osten. Ich komme aus einer kommunistischen Familie. Ich komme sozusagen aus der Wurzel. Es ging zu Hause um viel Gewalt, um viel Schweigen. Und ich finde, dass sich eben jetzt das alles wie neu beatmet, also der Osten rutscht. Wir sehen eine unversöhnliche Wut. Mein Buch versucht, das noch einmal auf die ganz lange Zeitschiene zu legen und zu fragen, wie setzt sich eigentlich dieses Rutschen in den Familien zusammen? Warum wird so viel geschwiegen? Warum kommt es zu so seltsam Renaissancen – auch rechter Positionen? Also mich interessiert der Konnex zwischen Gewalt und Verdrängung.

Sie sind 1989 aus der DDR geflohen.

Ich bin geflohen im Sommer 1989 über Ungarn. Sie können sagen: Ja, das haben viele gemacht. Ich bin vor dem großen Pulk geflohen, und das war im Nachhinein für mich der wichtigste Moment überhaupt im Leben, es gemacht zu haben. Was machen wir heute wirklich? Wer sind wir? Und was tun wir? Das ist eigentlich die Frage.

Warum sind Sie damals geflohen?

Es hat gereicht. Dresden, Tal der Ahnungslosen. Ich sehe mich mit weißem Pionierhemd, mit blauem FDJ-Hemd. Ich komme aus der Indoktrination. Aber ich komme eben auch aus einem sehr speziellen Feld wie dem DDR-Sport. Da geht es nun mal viel um Gewalt. Und mein Weg war, ab einem bestimmten Zeitpunkt auch tatsächlich "Nein" zu sagen, herauszugehen und sich auch dementsprechend zu verhalten.

In Ihrem neuen Buch verschränken Sie die Geschichte der DDR mit Ihrer persönlichen Familiengeschichte, mit den "Phantasmen aus der Familienkrypta". Beginnen wir mit ihren Großeltern.

Das ist eben, finde ich, auch für den Osten noch einmal ein großes Thema. Die Verschränkung von zwei Diktaturen, also Nationalsozialismus und DDR. Und damit ist es auch eine mehr als 50-jährige Diktaturgeschichte. Und nun kann man sagen: Mein Gott, der Großvater. Beide Großväter SS, der Vater Agent, 15 Jahre in den Westen gefahren, alles unter großem Schweigen, alles weggedrückt. Für mich ist es auch eine Generationsgeschichte des Autoritären, die ich hier erzähle. Einerseits gibt es die Familie. Aber die Familiengeschichte wird immer sehr eng mit der Gesellschaftsgeschichte geschlossen, mit der Zeitgeschichte und damit aber auch mit bestimmten Mythen in der ostdeutschen Erinnerungskultur. Buchenwald ist großes Thema. Also diese internalisierte Opferexistenz des Ostens, die ich ein bisschen angehe, weil das wissen wir: Jede Diktatur ist eben auch eine Entlastungsgeschichte im Hinblick auf Verantwortung. Und das haben wir immer noch nicht gut hingekriegt. Nach 1989 geht es im Grunde wieder um neue Umschreibungen. Wir machen ein bisschen so eine Pamper-Politik, eine "Verpittiplatschisierung" des Ostens – also das, was da tatsächlich auch an Härte, an Zumutungen, an Zugriff passiert ist, schieben wir plötzlich in die Zeit nach ´89. Und ich dächte, wir sind gut bestellt, wenn wir uns die Demütigung vor ´89 nochmal ein bisschen genauer anschauen.

© picture alliance/Daniel Reinhardt/dpa

Wir machen ein bisschen so eine Pamper-Politik, eine "Verpittiplatschisierung" des Ostens, sagt Ines Geipel im Interview mit dem BR

Und dann ist noch Ihr Vater da, mit seinen verschiedenen Heteronymen. Das heißt mit erdachten Namen, zu denen eine vollkommen neue Biografie erfunden wurde. Er war bei der Stasi und Ihr Großvater war bei den Nazis.

Beide Großväter waren bei der SS; der Vater fast 15 Jahre Agent im Westen mit acht verschiedenen Identitäten, wo man sich natürlich als Tochter auch immer mal ein bisschen überlegt: Wer war das eigentlich? Oder wie soll man sich das alles vorstellen? Unter einem großen Schweigen tauchte er dann ab in den Westen für drei, vier Wochen. Wenn die Kinder gefragt haben, wo er abgeblieben ist, dann war er auf Lehrgang und er kam natürlich immer in einem bestimmten Zustand zurück. Man kann sich vorstellen, dass jemand, der das über so lange Zeit lebt, eben auch mit vielen Ängsten zu tun hatte. Also, wir sehen einen Vater, der sich ziemlich abhanden gekommen ist.

Jedes neue Regime – ob nationalsozialistisch oder kommunistisch – will immer den sogenannten "Neuen Menschen" schaffen, die Geschlechterrollen neu definieren. Für die Frau in der DDR, schreiben Sie, "waren Beruf, Kinder und Familie vorgeschrieben" und trotz der Bilder der berufstätigen zupackenden Frau war sie dann doch ein "Dauerzaungast der Macht".

Wir erzählen uns diesen Mythos "Ostfrau". Je länger die DDR zurückliegt, umso toller währen diese Frauen. Die haben eine große Leistung vollbracht, mit ihrer Dauerwerktätigkeit. Aber für mich stellt sich schon die Frage: Ist das alles? Sind das wirklich alle Fragen, die wir an dieses Modell haben? Was ist denn mit diesen Frauen, die sich diese Diktatur auch weggeschwiegen haben? Die ihre autoritären Knacker neben sich geduldet haben, die viel Gewalt in den Familien hingenommen haben, weil sie dadurch von sich ablenken konnten? Also, dieser Mythos "Ostfrau" ist für mich hoch ambivalent.

Die Frauen wie die Männer haben sich mit dem Regime abgefunden und arrangiert. Es winkten auch viele Vorteile. Also schwieg man. Man wurde zum Mitläufer, zum Komplizen, und Ihre Großmutter hat, glaube ich, bis zum Schluss Hitler verehrt.

Ja, das war die ganz große Figur. Wenn es um Honecker und Ulbricht ging, hat sie abgewunken. Hitler war der, der für sie Glanz hatte. Das war natürlich nicht ganz en vogue zu Zeiten der DDR. Aber sie hat das mit dem Mutterkreuz weggeschleppt. Sie hatte elf Kinder geboren. Wir können nicht so tun, als würden wir, wenn wir wirklich hineinschauen in die Binnenphysis des Ostens, immer diesen Hitler da hinten um die Ecke weghalten können. Mein Text fragt auch nach dem inneren Hitler, nach den Modellen und Mustern der "Generation Mauer", die meine Generation ist. Also im Grunde geht dieses Buch auch noch mal den Weg der Generationsabfolgen: Kriegskinder, Kriegsenkel. Jetzt sind wir bei den Urenkeln. Und da hoffen wir, dass sie es ein bisschen besser hinkriegen als wir in den Generationen davor – mit den Belastungen und mit dem, was wir das Autoritäre nennen.

Sie haben es bereits angesprochen: Buchenwald und dann wäre auch noch "Nackt unter Wölfen" – der Bestseller von Bruno Apitz. Damit beschäftigen Sie sich noch einmal und beschreiben, was alles in beiden Fällen verschwiegen wurde.

Wenn Sie sich den Osten hineindenken und -fühlen und mit den Ostdeutschen im Gespräch sind, merken Sie, dass dieser Buchenwald-Mythos letzten Endes nichts anderes heißt, als "Wir sind das bessere Deutschland. Wir sind die besseren Deutschen. Wir machen es richtig". Also dieses Prinzip Antifaschismus ist nach wie vor eine ziemlich dicke Lebenshaut – bei allen Fragilitäten, denen wir ausgesetzt sind. Diese Haut bleibt die Haut und an dieser Lebenshaut prallt im Grunde alles ab.

Was halten Sie von dem Diktum der "Gnade der späten Geburt"?

Das klingt erst einmal schön, fast poetisch. Aber auch bei dieser Kohl-Generation hat man so seine Fragen. Und wir sehen ja, dass gerade im Hinblick auf das extreme letzte Jahrhundert von Gnaden nicht viel dabei ist. Auch nicht bei der Generation derer, die in den 70er-Jahren im Osten geboren sind, wo man denkt, die waren Kinder, als die Mauer fiel. Aber die haben heute schwer zu kämpfen und sind eine beschädigte Generation. Ich weiß nicht, ob die heutige Generation oder die nach ´89 mehr Gnade hat. Sie hat auch einiges zu klären. Also, wir kriegen hier eine bestimmte Spur nicht los, das sehen wir gerade im Osten ziemlich deutlich.

Das wäre auch Ihre Diagnose für den Zustand des Ostens.

Ja. Wir sehen, dass Angstprojektionen eine politische Realität werden. Wir sind im Superwahljahr des Ostens. Die Stimmung ist schwer entzündlich, auch wenn es nicht jeden Tag auf den Straßen die hochkarätigen Auseinandersetzungen gibt. Aber es mulmt. Und ich finde, eine Gesellschaft, die sich so ausschweigt, in der es so mulmt, das ist keine gute Diagnose.

Sie sagen, in der es so mulmt, in der sich auch der Hass aufgestaut hat.

Wenn wir diesen langen Faden der Gewalt und auch der Verdrängung nicht ins offene Gespräch bekommen, bleibt alles in diesem Rundumschweigen in einer ewig verschlossenen Gesellschaft, wie der Osten es war. Es ist immer nur eine Frage der äußeren Aufladungen, wie sich der Hass letztendlich zeigt und entlädt – und in dem Sinne auch strategisch, politisch aufgebaut werden kann. Der Osten ist im Moment einfach ein politisches Experimentierfeld. Wie in der Petrischale haben wir alles ein bisschen kondensierter – auch diesen langen Faden der Diktatur. Und das, glaube ich, können wir uns nicht so richtig wegblinzeln.

Sind Schriftsteller die besseren Historiker?

Zumindest glaube ich, können sie in der Tiefe der Gesellschaft etwas sehen, vielleicht durch ihre Sprache auch möglicherweise zum Thema machen und auflösen. Wir haben viele knallharte Sachbücher, wenn es um das Rechte im Osten geht. Ich glaube, dass es die Möglichkeit der Literatur ist, im binnen-familiären Raum anzurühren, Dinge zum Sprechen zu bringen. Und das ist ein Potenzial. Vielleicht sind sie im Moment die notwendigeren Stimmen.

Ines Geipel, "Umkämpfte Zone: mein Bruder, der Osten und der Hass" ist bei Klett-Cotta erschienen.

© Klett Kotta/ Montage BR

Cover: Ines Geipel, "Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass"

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