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In "Sunset" erweitert László Nemes die Grenzen des Filmischen | BR24

© Laokoon Filmgroup / Ad Vitam

Iris, gespielt von Juli Jakob in "Sunset", dem neuen Film von László Nemes

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In "Sunset" erweitert László Nemes die Grenzen des Filmischen

Oscar-Gewinner László Nemes setzt in seinem neuen Film auf die Imagination des Publikums. Sein experimenteller Kostümfilm "Sunset" spielt im Budapest von 1913, doch eine historische Einordnung gibt es nicht: Der Zuschauer soll sich verloren fühlen.

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Der Hauptdarsteller dieses Films ist die Kamera. Daran muss man sich als Zuschauer erstmal gewöhnen. Der Blick bleibt über 142 Minuten beengt. Eingeschränkt. Er öffnet sich nur selten zu weiter gefassten Bildern. Meist sind die Hintergründe verschwommen, so, als versuche jemand, sich zu erinnern und das Vergangene aus einer melancholischen Unschärfe wieder hervor zu holen.

Ein brutaler Nationalismus breitet sich aus

Wir befinden uns im Budapest der k. und k. Monarchie kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Sommer 1913. Wir sind Zeugen einer dem Untergang geweihten Epoche. "Sunset". Die Farben sind warm und weich, als würden sie im Licht der untergehenden Sonne langsam verblassen und schließlich im Reich des Schattens vergehen. In Teilen Ungarns scheint ein brutaler Nationalismus die Oberhand zu gewinnen, wie heute unter Viktor Orbán. Der Regisseur und ungarische Oscar-Preisträger László Nemes sieht Parallelen zwischen 1913 und unserer Zeit: "Damals wie heute gab es große Hoffnungen, getragen von einer stabilen Zeit des Friedens und mit Erwartungen an eine eigentlich fortschrittliche Zivilisation. Dabei ignorieren wir die Möglichkeit von Zusammenbruch und Selbstzerstörung."

© Laokoon Filmgroup

Filmszene aus "Sunset" von László Nemes

Die Kamera umschwebt Iris, die Nachfahrin einer berühmten Hutmacherfamilie. Die junge Frau steht vor dem Haus in Budapest, in dem ihre Eltern einen luxuriösen Laden betrieben. Mutter und Vater sind in dem Gebäude bei einem ominösen Feuer umgekommen. Iris war damals noch ein Kind. Aufgewachsen ist sie dann in Wien, bei Bekannten, jetzt kehrt sie heim. Mit detektivischer Beharrlichkeit begibt sie sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Die Kamera hängt an ihr wie ein Magnet. Sie wirkt verloren und ist allein. Sie bewirbt sich bei dem renommierten Hutmachergeschäft, das wiederaufgebaut wurde, um eine Stelle.

Wie ein Schlafwandler auf Iris' Spuren

Labyrinthisch ist dieser Film – Kameramann Mátyás Erdély operiert wie ein Schlafwandler, der nicht anders kann, als Iris zu folgen. Viele Fragen bleiben offen, auch gibt es keine historische Einordnung. Die Handlung erscheint mitunter verwirrend. Regisseur László Nemes setzt auf die Phantasie des Zuschauers, der die Lücken füllen soll. "Es ist gut, sich auf die Imagination des Publikums im Kino zu verlassen. Es ist ein bisschen wie beim Radio, wo ja in der Phantasie des Hörers auch Bilder entstehen. Es gibt diese Leerstellen, die jeder mit seinen persönlichen Erfahrungen ergänzen kann", sagt Nemes.

© Ad Vitam

Iris in "Sunset" - gespielt von Juli Jakob

Inspiriert von Caspar David Friedrichs Gemälden

László Nemes möchte die Grenzen des Filmischen erweitern. Er hat einen experimentellen Kostümfilm gedreht, inszeniert einen hypnotischen Bewusstseinsstrom mit Iris als Projektionsfigur, vergleichbar den Rückenfiguren in den Gemälden von Caspar David Friedrich. "Ich liebe Friedrich und schaue mir oft seine Bilder an. Ich habe gehört, auch Samuel Beckett war inspiriert von ihm. Er soll sein Theaterstück 'Warten auf Godot' geschrieben haben mit der Idee dieses Bildes der zwei Männer in der Dunkelheit neben einem Baum."

Der Zuschauer soll sich in "Sunset" verloren fühlen wie die mit Iris umherirrende Kamera. So öffnen sich Assoziationsräume. Das ist so außergewöhnlich wie vielschichtig. Darauf muss man sich als Zuschauer einlassen wollen, sonst kann einem dieses auf Zelluloid gedrehte Meisterwerk auch schnell hermetisch und anstrengend erscheinen.

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