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In "Radio Activity" verzaubert eine Moderatorin eine Stadt | BR24

© Bayern 2

Trauerarbeit per Radio? Auf den ersten Blick keine gute Idee, aber bei Nora, der Protagonistin von Karin Kalisas neuem Roman, funktioniert es. Nach dem Tod ihrer Mutter unterhält sie ihre Heimat mit einem ungewöhnlichen Radioprogramm.

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In "Radio Activity" verzaubert eine Moderatorin eine Stadt

Trauerarbeit per Radio? Auf den ersten Blick keine gute Idee, aber bei Nora, der Protagonistin von Karin Kalisas neuem Roman, funktioniert es. Nach dem Tod ihrer Mutter unterhält sie ihre Heimat mit einem ungewöhnlichen Radioprogramm.

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Nora, die Hauptfigur, in Karin Kalisas neuem Roman, ist verzweifelt. Ihre Mutter ist verstorben und die Trauer allgegenwärtig. In dieser Situation entschließt sich die junge Frau, auf eigene Faust einen kleinen Radiosender ins Leben zu rufen. Gemeinsam mit zwei Freunden entwirft Nora ein Programm, das in ihrer Heimatstadt, einem Hafenort in Norddeutschland, auf große Begeisterung stößt. Die Radiomacher begleiten Frühaufsteher am Morgen und versüßen den Schlaflosen die Nacht. Zudem unterhalten sie nicht nur. Sie vermögen es auch, ihren Hörern immer wieder Kraft und Trost zu spenden.

Es geht Karin Kalisa gerade um diese Dimension des Mediums: "Ich glaube das Radio ist etwas, was tatsächlich vielen Menschen über schwierige Phasen hinweg geholfen hat und ich glaube, es hat diese Funktion auch noch nicht gänzlich verloren und das ist etwas, was ich am Radio sehr, sehr mag", sagt Karin Kalisa.

Rache on air

Am Anfang des Romans steht die Geschichte einer Rückkehr: Nora lebt eigentlich in den USA und will dort eine Karriere als Ballerina beginnen. Als ihre Mutter erkrankt, kehrt sie überstürzt nach Deutschland zurück und begleitet die sterbende Frau in ihren letzten Lebenswochen. Erst einmal erfährt man allerdings sehr wenig über diese Zeit: Sehr abrupt springt Karin Kalisas Roman nach vorne, geradewegs in Noras Zeit der Trauer hinein. Und bald erfährt man, dass die Gründung des Senders mit einer bestimmten Intention verbunden ist: Die Mutter wurde in der Kindheit Opfer von sexuellem Missbrauch. Nora wiederum ist entschlossen, den Schuldigen öffentlich an den Pranger zu stellen und die Mutter on air zu rächen.

Der erste Teil von "Radio Activity" wirkt trotz ernster Themen wie eine nette und leicht märchenhafte Geschichte. Nora scheint die geborene Radiomoderatorin zu sein, ihre Stimme versetzt die Stadt fast in eine Art Trance.

Verletzungen, die niemals heilen konnten

Später dann aber gewinnt der Roman an Tiefe. Karin Kalisa beschreibt eindringlich und bewegend die letzten gemeinsamen Wochen von Mutter und Tochter, die vielen Gespräche am Krankenbett, in deren Verlauf der weit zurückliegende sexuelle Missbrauch mehr und mehr zum Thema wird.

© Bina Elisabeth Mohn

Die Schriftstellerin Karin Kalisa

Die Dialoge der beiden Frauen kreisen um Verletzungen, die niemals ganz heilen konnten. Mutter und Tochter versuchen passende Worte für ein Verbrechen zu finden, für das es in unserem Wortschatz letztlich keinen Ausdruck gibt, der es in seinem ganzen Schrecken erfassen und beschreiben könnte. Die Suche nach einer Sprache für das Erlittene ist ein großes Thema in Karin Kalisas Roman. "Es ist ein Thema das uns leider tagtäglich begegnet und tagtäglich wird auch deutlich, dass es wichtig ist, eine Sprache zu finden, die nicht abgegriffen, nicht täterorientiert, nicht rein juristisch ist. Das ist eine unglaublich schwierige Aufgabe, die niemand allein lösen kann, sondern es ist auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, auch eine juristische Aufgabe, die Sprache, die aufgerufen wird, wenn von solchen Dingen berichtet wird, auf den Prüfstand zu stellen", meint Kalisa.

Überraschung beim freien Schreiben

Karin Kalisa hat sich insbesondere im Fall der Missbrauchs-Thematik intensiv mit juristischen Fachausdrücken beschäftigt und stets auch die eigene Wortwahl reflektiert. Von Haus aus Japanologin, weiß die in Berlin lebende Schriftstellerin um die Notwendigkeit von Struktur und Planung beim Schreiben. Im Fall des freien Schreibens, in der Literatur, spricht Karin Kalisa jedoch von einem Prozess, der in seiner gesamten Komposition nie ganz erklärt werden könne. "Für mich war eine der Überraschungen beim Schreiben, dass sich so viel von selbst schreibt. Ich hab ja lange wissenschaftlich geschrieben und ich denke auch, dass es da auch Parallelen gibt zum freien Schreiben. Aber ein Punkt ist wirklich anders und das ist dieses Selbstläufige, sag ich mal, und damit meine ich, dass das Schreiben einen wirklich irgendwo hin treibt und man nicht alles Schritt für Schritt gewissermaßen abarbeitet und durcharbeitet. Das ist zumindest meine Erfahrung, und das liebe ich auch am Schreiben."

Die eigentliche Stärke des Romans liegt in seiner Mitte, wo es um die Beziehung zwischen Mutter und Tochter geht, wo die beiden versuchen, Verletzungen aufzuarbeiten, die schon zu lange zurückliegen und nun wie angegraute Gespenster an die Oberfläche geholt werden, um mit am Krankenbett zu sitzen. An dieser Stelle wird ein Prozess in Gang gesetzt, der seichte Gewässer verlässt und sich Themen stellt, die nicht nur schwer sagbar, sondern auch nie ganz lösbar sind. Karin Kalisas Prosa erzeugt hier einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Eine Tonart wird entwickelt, die mitreißender ist als Noras Radiostimme. Sie hallt lange nach. Und sie bewegt.

Karin Kalisas "Radio Activity" ist im C.H. Beck Verlag erschienen.

© C.H.Beck/ Montage BR

Cover: Karin Kalisa "Radio Activity"

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