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In "Miroloi" stimmt die Heldin ihre eigene Totenklage an | BR24

© Bayern 2

Irgendwo auf einer abgelegenen Insel im Mittelmeer begehrt eine junge Frau gegen die herrschenden, streng patriarchalen Strukturen auf. "Miroloi" ist die Totenklage dieser Frau: distanzlos, stark und pointiert. Das Romandebüt von Karen Köhler.

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In "Miroloi" stimmt die Heldin ihre eigene Totenklage an

Auf einer abgelegenen Insel irgendwo im Mittelmeer begehrt eine junge Frau gegen die herrschenden, streng patriarchalen Strukturen auf. "Miroloi" ist die Totenklage dieser Frau: distanzlos, stark und pointiert. Das Romandebüt von Karen Köhler.

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"Eselshure. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle. Ich war schon von Anfang an so hässlich, dass meine eigene Mutter mich lieber hier abgelegt hat, statt mich zu behalten. So eine wie ich, sagen sie, so eine kann nicht von hier sein, so hässlich ist hier niemand, solche Mütter gibt’s hier nicht", heißt es Miroloi. Hier – das ist eine Insel, abgeschottet vom Rest der Welt. Hier, das ist eine Dorfgemeinschaft, die nach eigenen Regeln lebt: archaisch, mit einer eigenen Religion, mit einer strikten Trennung zwischen Männern und Frauen. Die Männer dürfen nicht singen, die Frauen nicht lesen und schreiben. Geschlechtsverkehr vor der Ehe ist tabu, sexuelle Übergriffe scheinen die Regel zu sein. Vom Leben auf dieser Insel erzählt eine Außenseiterin, ein Findelkind, aufgewachsen beim religiösen Oberhaupt des Dorfes. Anfangs hat sie keinen Namen, später wird sie sich heimlich Alina nennen, wird lesen und schreiben lernen, wird sich verlieben. Der Text dieses Romans ist dabei ein Paradox – nämlich so etwas wie die eigene Totenklage, gesungen allerdings noch zu Lebzeiten. "Miroloi", der Romantitel, ist der griechische Begriff für "Totenklage".

Die Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben

"Es gibt ja diese Form, das eigene Leben nochmal so zu besingen, und das war, glaube ich, ein bisschen der Antrieb, den ich hatte, um mit diesem Text zu beginnen und das ganze Buch ist im Grunde eine direkte Rede, ein großer Gesang, obwohl er in Prosa geschrieben ist. Diese junge Frau, die beginnt an etwas zu zweifeln und es kommt gleich in der ersten Strophe vor. Sie sagt: "Mein Miroloi muss ich mir selber singen, damit kann ich nicht warten, bis ich gestorben bin." Und das ist für sie der Motor, weil sie genau weiß, wenn sie mal tot ist, dann singt ihr niemand ein Miroloi", sagt Karen Köhler. Köhler hat sich bei der Arbeit an ihrem Roman viel mit Sekten und abgeschotteten Dorfgemeinschaften beschäftigt, vermeidet aber aktuelle Bezüge. Trotz des griechischen Titels, sagt sie, könne ihr Roman auf jeder Mittelmeerinsel spielen - ob in der Gegenwart oder noch im letzten Jahrhundert, bleibt unklar.

Dieser überzeitliche Ansatz gibt den Blick frei auf eine archaisch-patriarchale, zunehmend repressiver werdende Gemeinschaft und auf das Aufbegehren der Hauptfigur. Der Roman wird ausschließlich aus der Ich-Perspektive – mit einer ganz eigenen Sprache. "Natürlich versucht man sich so reinzuversetzen in einen Menschen, der abgeschottet von allen zivilisatorischen Fortschritten aufgewachsen ist und eine ganz eigene Weltsicht entwickelt hat. Sie erfindet halt Worte und packt Dinge zusammen im Kopf, die so vielleicht gar nicht zusammengehören. "Drübensicher" zum Beispiel, also vor dem, was von drüben kommt, sicher sein. Sie sagt über das Dorf: Hier sind wir drübensicher. Oder "Tausendaugen" – so nennt sie das Dorf. Ich hab‘ da gar nicht so viel gemacht. Wenn man einmal reingeschlüpft ist in den Kopf einer Figur, dann kommt das einfach so, da kann ich auch gar nicht so viel dazu erklären, ehrlich gesagt", sagt die Autorin im Gespräch.

Eigenwillig und frei: auch im Umgang mit der Sprache

Dieser eigenwillige Umgang mit Sprache hat dem Roman viel Kritik eingebracht. Zu naiv, zu unbedarft, ohne Raffinesse sei der Text, ein als Erwachsenenliteratur getarntes Jugendbuch. Dabei ist gerade die Naivität der Ich-Erzählerin, ihrer Distanzlosigkeit die Stärke des Buches – neben den knappen, lakonischen, sehr pointierten Dialogen: "Der Bethaus-Vater schlürft einen Schluck. 'Ich möchte dir heute beibringen, was ein Konjunktiv ist.' – 'Ein was?' – 'Kon-junk-tiv.' – 'Was ist das?' – 'Eine Distanz in der Sprache, wenn sie nötig ist. Jemand hat gesagt, ich sei eine Missgeburt. Verstehst du? Nicht ich bin. Das rückt das Gesagte von dir weg. Und zu den anderen hin. Du bist keine Missgeburt. Sie sagen:' – 'Ich sei' – 'Ganz genau. Bilde einen Satz damit.' – 'Die Kinder rufen mir hinterher, ich sei eine Eselshure.' – 'Bravo!'

"Ich liebe Dialoge, also – ich komme ja vom Theater, ich habe Schauspiel studiert und zwölf Jahre in dem Beruf gearbeitet. Dialoge sind so toll, weil sie so schnell sind und einen reinkatapultieren in eine Situation, eine Handlung und ich mag das. Ich mag Dialoge schreiben und von dieser Liebe zum Dialog ist sicher einiges in diesen Roman geflossen.

In den Dialogen läuft Karin Köhler tatsächlich zu großer Form auf. Auch als Coming of Age-Roman, der ganz in der Perspektive seiner Hauptperson verharrt, kann "Miroloi" überzeugen und in der Lektüre faszinieren. Die feministische Dystopie, die die Autorin gleichzeitig entwirft, ist allerdings etwas grob geschnitzt – gerade weil sie aktuelle politische Bezüge völlig ausblendet.

Karen Köhlers Romandebüt "Miroloi" ist bei Hanser erschienen.

© Hanser Verlag/ Montage BR

Cover "Miroloi" von Karen Köhler

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