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In goldenen Shorts: "Meistersinger von Nürnberg" beim Workout | BR24

© Lutz Edelhoff/Theater Erfurt

Hans Sachs rauft sich Haare

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In goldenen Shorts: "Meistersinger von Nürnberg" beim Workout

Noch nie haben die benachbarten Theater in Erfurt und Weimar eine gemeinsame Opern-Produktion gestemmt: Die Zusammenarbeit ist kulturpolitisch hoch umstritten und als "Sparmodell" verschrien. Vorbild oder Alptraum? Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Mit Erfurt und Weimar ist das so ähnlich wie mit Nürnberg und Fürth, Augsburg und München oder Straubing und Deggendorf - alles Nachbarstädte, die sich nicht besonders mögen, aber vieles gemeinsam haben. Und wenn die Entfernungen schon so kurz sind, sagten sich einige thüringische Kulturpolitiker, dann könnten die Theater in Erfurt und Weimar doch viel mehr zusammenarbeiten. Der eine macht Schauspiel, der andere Oper, und beides wird miteinander ausgetauscht. Das spart Kosten, so die Hoffnung.

Sparmodell oder Selbstverständlichkeit?

Natürlich war der Aufschrei bei den Orchestern und Solisten groß, übrigens bundesweit, weil es hier um ein mögliches Einsparmodell geht, dass viele Häuser treffen könnte. Ungeachtet dieser Debatte stemmten Erfurt und Weimar jetzt zum ersten Mal eine gemeinsame Produktion, Wagners monumentale "Meistersinger von Nürnberg". Gestern war Premiere in Erfurt, im Herbst kommt das Musikdrama nach Weimar. Für den dortigen Intendanten Hasko Weber ist das trotz der ärgerlichen Kostendebatte und der kurzen Distanz von gerade mal gut 20 Kilometern eine pure Selbstverständlichkeit:

Gerade im Musiktheater ist es durchaus üblich, dass Große Häuser, ob bei Festivals oder im gegenseitigen Austausch miteinander kooperieren. Da haben wir eher das Handicap, dass wir so nahe beieinander liegen, und man dann schon entscheiden muss, wo ist das placiert, wie macht man das, weil ja viele Besucher aus Weimar auch nach Erfurt kommen und umgekehrt, und wir beide könnten uns auch vorstellen, dass es mehr sind, denn die Städte liegen dicht beieinander, es sind beide kulturelle Zentren. Sie haben verschiedene Traditionen, wie die Häuser auch, das würde ich auch nicht antasten. Aber Kooperation ist zeitgemäß und findet überall statt.

Koproduktion auf 20 Kilometer Entfernung

Das stimmt schon, alle Opernhäuser setzen auf Koproduktionen, um ihrem Publikum eine größere Vielfalt bieten zu können, aber eine Zusammenarbeit von benachbarten Theatern ist einmalig und durchaus fragwürdig, zumal gestern viele Weimarer Wagner-Freunde in der Premiere waren und beteuerten, sich die "Meistersinger" in Herbst gewiss nicht noch mal anzusehen. Für Erfurts Intendant Guy Montavon trotzdem eine sinnvolle Sache:

Alles, was im Voraus tot gesagt wurde, hat sich nicht realisiert. Und wenn wir mit intelligenten Köpfen zu tun haben, dann können wir schon mal was auf die Beine stellen. Deshalb bin ich sehr stolz. Wir arbeiten, damit unser Publikum in den Genuss von besseren, größeren, ungewöhnlichen Stücken kommt. Dazu braucht man ein gewisses Potential von Mitarbeitern, und das, was wir zur Verfügung haben, tun wir zusammen, damit das Publikum an erster Stelle steht, und nicht für das, was man über eine Zusammenarbeit schreiben könnte.

Großartige musikalische Leistung

Rein künstlerisch waren die "Meistersinger von Nürnberg" zumindest musikalisch ein Erfolg. Die junge Dirigentin Joana Mallwitz und das Philharmonische Orchester Erfurt bekamen für ihre erstaunliche Leistung stehende Ovationen. Tatsächlich war das Klangbild nicht nur perfekt ausgeglichen, sondern auch farbenreich und ungemein sängerfreundlich. Das allein hatte aber noch nichts mit der Koproduktion zu tun: Zusammenarbeiten mussten die beiden Chöre, und sie zeigten sich gut geprobt, gut gelaunt und gut harmoniert. Gast-Bass-Bariton Frank von Hove begeisterte als Hans Sachs mit seinen Kraftreserven, die übrigen Solisten konnten da stimmlich nicht so recht mithalten, abgesehen vom norwegischen Bariton Björn Waag, der einen schrägen, intellektuellen Sixtus Beckmesser gab.

Einmal mehr Plattenbau-Tristesse

An der prominenten Regisseurin Vera Nemirova teilten sich die Geister: Sie bekam für ihre recht unentschlossene, überwiegend biedere Inszenierung Zustimmung, aber auch zahlreiche Protestrufe. Die ehrwürdigen Meistersinger als debile Bodybuilder in goldenen Shorts und schwarzen Unterhemden, das war manchem zu platt. Auch das ostalgische Plattenbau-Bühnenbild von Tom Musch war nicht gerade originell: Grau-braune Fassaden als Sinnbild kleinbürgerlicher Spießer-Tristesse mussten schon für viel zuviele Theaterabende herhalten. Hans Sachs raufte sich am Ende die Haare, was er mit seinen nationalistischen Parolen beim allzeit begeisterungswilligen Volk angerichtet hatte. Künstlerisch also ein zwiespältiges Ergebnis, und ob Erfurt und Weimar sich überhaupt noch einmal zusammentun, das ist nicht ausgemacht. Hasko Weber:

Wenn wir in der Größenordnung etwas anderes finden, dann wird es wahrscheinlich in der nächsten Konstellation umgekehrt sein, es wird zuerst in Weimar Premiere haben und dann nach Erfurt gehen. Aber wann das sein wird und was das sein wird, lässt sich jetzt noch nicht sagen.

Die Spardebatte ist jedenfalls noch nicht ausgestanden, wie auch. Nicht nur in Thüringen ist das Geld knapp - in Bayern spielen Theater auf Jahre hinaus im Zelt oder anderen Ausweichquartieren, weil die Sanierungen nicht vorankommen. Da helfen dann nicht mal Koproduktionen.

© Lutz Edelhoff/Theater Erfurt

Prügel-Fuge: Nürnberg rebelliert

© Lutz Edelhoff/Theater Erfurt

Beckmesser dirigiert stumm

© Lutz Edelhoff/Theater Erfurt

Plattenbau-Tristesse

© Lutz Edelhoff/Theater Erfurt

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