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Das Krokodil ist Deko: "In Evas dunklen Gärten" in Eggenfelden | BR24

© Theater an der Rott

Hass und Betrug dominieren das Haus

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    Das Krokodil ist Deko: "In Evas dunklen Gärten" in Eggenfelden

    Beim Eggenfeldener Stück-Wettbewerb "Auf ein Wort" gewann im vergangenen Jahr die Augsburger Autorin Christina Calvo mit einer Familien-Farce: Zwei Schwestern machen sich und anderen das Leben zur Hölle, nur der Einbrecher kann kein Blut sehen.

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    Nicht nur das weiße Kaninchen „Schnuffi“ muss sterben, auch sonst fließt reichlich Blut in dieser Beziehungshölle. Aber eigentlich sind hier sowieso schon alle tot, wie in Jean-Paul Sartres berühmtem Stück „Geschlossene Gesellschaft“, das ja bekanntlich im Jenseits spielt und die betrübliche Botschaft hat, dass die wahre Hölle die Menschen selbst sind. Die Augsburgerin Christina Calvo hat sich davon offenkundig zur ihrer 75-Minuten-Farce „In Evas dunklen Gärten“ inspirieren lassen. Auch die „Blumen des Bösen“ von Charles Baudelaire, in dämonischen Angelegenheiten immerhin eine der größten Skandalnudeln des 19. Jahrhunderts, treiben hier zahlreiche neue Blüten.

    Amok, Abgrund, dunkle Gärten

    Die gebürtige Augsburgerin und studierte Psychologin Calvo weiß wie Baudelaire um das Seelenleben in Beziehungen, hat auch einige Jahre in ihrem angestammten Beruf gearbeitet, bevor sie mit dem Stücke-Schreiben begann. Als freie Autorin in München hat sie einige Hörspiele und Dramen mit so vielsagenden Titeln wie „Amok“ und „Der Abgrund ist gleich nebenan“ verfasst. Beim ersten Autoren-Wettbewerb des Theaters an der Rott in Eggenfelden im vergangenen Jahr gewann Christina Calvo prompt den ersten Preis, womit eine Uraufführung des von ihr eingereichten „Psycho-Thrillers“ verbunden war.

    © Theater an der Rott

    Was will der Einbrecher?

    Zu sehen ist eine Dreiecksbeziehung des Teufels, die durch einen Einbrecher durcheinander gebracht wird: Zwei Schwestern, Charlotte und Eva, verabscheuen sich. Die eine hat die andere von der Treppe gestoßen und zum Krüppel gemacht, aus Eifersucht. Walter, der Waschlappen von einem Mann, steht zwischen ihnen, liebte erst die eine, dann die andere, dann keine von beiden. Einbrecher Ingolf braucht dringend Geld, hat es auf die Münzsammlung abgesehen, stellt aber schnell fest, dass er in Wirklichkeit auch nur ausgenutzt wird und ein Handlanger der Bosheit ist. In gut einer Stunde rechnen alle miteinander ab.

    Kaninchen unterm Fleischklopfer

    Regisseur Josef Maria Krasanovsky und Ausstatter Gerrit von Mettingen zeigen dieses Endspiel als furioses Schlachten mit allerlei diabolischen bis bizarren Einfällen. So muss die bettlägerige Eva ihren titelgebenden „Garten“, eigentlich nur ein paar vertrocknete Topfpflanzen, mit dem eigenen Speichel gießen, denn Wasser will ihr die Schwester dafür nicht zugestehen. Das Telefon ist natürlich „tot“, hat keine Verbindung nach außen, taugt jedoch als Folterinstrument. Umgekehrt hat es Eva auf das Lieblingskaninchen von Charlotte abgesehen, das denn auch unter dem Fleischklopfer endet. Walter verliebt sich ersatzweise in eine Stehlampe, die er hinter sich herschleppt. Der Einbrecher Ingolf ist Kettenraucher und haut nicht gerade appetitlich, aber dafür sehr unterhaltsam eine Flasche Müller-Thurgau auf den Kopf.

    Krokodil-Schädel bewacht den Safe

    Gerrit von Mettingen hat einmal mehr sehr treffende Räume für diesen Irrsinn entworfen: Eva ist in einem Mausoleum aus grauen Wänden und Silberfolie lebendig begraben. Ihre einzige Unterhaltung ist ein Gummi-Fisch an der Wand, der auf Knopfdruck lustige Lieder singt und dabei mit seiner Flosse wedelt. Charlotte und Walter hausen in einem schwarz-weißen Design-Albtraum mit einem Krokodil-Schädel als Deko-Element. Das Furcht einflößende Skelett bewacht den Wand-Safe, die Zähne sind noch scharf. Julia Ribbeck, Katharina Bigus, Rüdiger Bach (der das Theater an der Rott mit dieser Produktion verlässt) und Guido Frank spielen das mit lässig-bösartigem Spaß an der Brutalität. Klar, es ist eine Groteske, aber wie bei Sartre eine von sezierender Aufrichtigkeit. Der einzige, der kein Blut sehen kann, ist der Einbrecher, und der weiß dafür mit Plastiktüten umzugehen. Regisseur Josef Maria Krasanovsky, ein gebürtiger Salzburger, sagte im Interview für das Programmheft, das Publikum in einem „Theater auf dem Land in Bayern“ mache „manche Schritte nicht mit“, das interessiere ihn. In diesem Fall war der Applaus durchaus freundlich, die Farce wurde nicht nur verstanden, sondern überwiegend auch geschätzt. Der Mut zu dieser Uraufführung wurde in Eggenfelden also belohnt, die Jury, die das Stück aus sechzig Einsendungen ausgesucht hat, darf sich somit bestätigt fühlen.

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