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In die Welt geworfen: Thomas Heises vierstündiger "Heimat"-Film | BR24

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Trauriger Blick in die Ferne: Thomas Heises Film ist eine cineastische Reise auf den Spuren seiner Familiengeschichte

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In die Welt geworfen: Thomas Heises vierstündiger "Heimat"-Film

Sein Vater war ein bekannter Philosoph in der DDR, seine Familie wurzelt in Wien, Dresden und Berlin. Jetzt porträtierte Thomas Heise in seiner Dokumentation "Heimat ist ein Raum aus Zeit" das Schicksal seiner Vorfahren über vier Generationen.

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Von
  • Moritz Holfelder

Am kommenden Freitag werden die Lolas vergeben, die Deutschen Filmpreise – "Systemsprenger" und "Berlin Alexanderplatz" gehen als Favoriten ins Rennen. In der Dokumentarfilm-Sparte rechnen viele damit, dass "Heimat ist ein Raum aus Zeit" von Thomas Heise eine Lola gewinnt. Daneben sind noch das autobiographische Werk "Born in Evin" von Maryam Zaree und das Künstlerporträt "Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien" von Bettina Böhler nominiert.

Vier Generationen, vier Stunden

Thomas Heise hat mit "Heimat ist ein Raum aus Zeit" letztes Jahr bereits den Deutschen Dokumentarfilmpreis gewonnen und er war in der Long-List für den Oscar. In seiner filmischen Reise zeichnet er die Geschichte seiner Familie über vier Generationen zwischen Wien, Dresden und Berlin nach – vier Stunden lang.

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Schäden der Geschichte Aufgewühlte Autobahn

"Heimat ist ein Raum aus Zeit" beginnt mit einem Schulaufsatz aus dem Jahre 1912, gelesen vom Regisseur. Er trägt alle Dokumente seiner Familie in diesem Film selbst vor – Briefe, Tagebücher, Notizen, literarische Fragmente, Aufsätze und Bewerbungsschreiben. Ein Jahrhundert lebt auf – und mit ihm die Frage: Was ist geblieben? Was dauert fort? Wie geht es weiter?

Mörderische Zeiten

Große Zyklen werden in diesem ergreifenden Film spürbar. Es geht ums Geworfensein des Menschen in die Welt (Martin Heidegger), auch um Kampf und Widerstand in wilden, manchmal mörderischen Zeiten. Ums Verstehen und Begreifen. Ums Formulieren von Gedanken und bisweilen auch um hilfloses Schweigen. Es kommen vor: Erste Liebe und verschwundenes Glück. Affären und Katastrophen. Lebenslust und Verfolgung. Gefühl und Krieg. All das im häuslichen Aufsatz von Wilhelm Heise, dem Großvater des Regisseurs, geschrieben gut zwei Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs.

Thomas Heise, der 1955 in Ost-Berlin geborene Autor, Theater- und Filmregisseur, wurde erst nach der Wende bekannt. Aufsehen erregte er 1992, als er in "Stau – Jetzt geht’s los" über die rechtsradikale Jugendszene in Halle an der Saale berichtete. Dass es in den neuen Bundesländern Neonazis geben sollte, hielten viele damals zuerst für Fake News.

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Heises Film als Jahrhundert-Collage aus Tönen, Gedanken, Fotos, Assoziationen

Heise präsentiert jetzt mit seinem neuen Film eine große Jahrhundert-Collage aus Tönen, Gedanken und Worten, alten Fotos und auch assoziativ gegenwärtigen Bildern. Es ist ein Film, in dem man sich als Zuschauer für vier Stunden in die Familie des Regisseurs aufgenommen fühlt und dabei erfährt, was Heimat sein könnte. Vielleicht nur ein träger Fluss, der von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ruhig dahinströmt und uns faszinierte Betrachter mit sich treiben lässt. Es könnte immer so weitergehen.

Hassliebe zum Vaterland

Der Heimat kann man nicht entkommen, sagt Thomas Heise im Gespräch mit dem BR. Er dramatisiert das familiäre Konvolut von Briefen und Aufzeichnungen kaum. Das Drama erzählt sich wie von selbst. Die vom Menschen gemachten Katastrophen des 20. Jahrhunderts spiegeln sich im Kosmos des Privaten und Persönlichen, so auch bei den Eltern des Regisseurs: Sein Vater, der 1925 geborene Wolfgang Heise, wird in der DDR zu einem wichtigen Philosophen – zu dessen Studenten zählen die späteren Dissidenten Rudolf Bahro und Wolf Biermann. Der hat Heise nach seiner Ausweisung sogar ein Lied gewidmet, in dem heißt es: "Hat hassgeliebt sein Vaterland". Zu hören ist es im Film nicht. Eine bewusste Entscheidung.

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Die große gemeinschaftliche Erzählung führt auch an den Fliegerhorst Zerbst

Fragmentarisch erzählt der Regisseur die Jahrhundertgeschichte – die 40 Jahre deutsche Teilung werden gar nicht groß hervorgehoben. Sie gehören, wie alles andere, ganz selbstverständlich dazu. Pure Absicht, sagt Heise. Er trennt nicht in Ost und West, sondern fügt alles zusammen, macht aus Deutschem Reich und DDR und BRD und Deutschland im Erleben seiner Familie eine große gemeinschaftliche Erzählung.

Die anfängliche Frage, ob man diese vier Stunden Film in einem Stück sehen will oder besser in Etappen, hat man bald vergessen. Fasziniert blickt man in diesen vielschichtigen Gedanken- und Resonanzraum, der psychologisch subtil und historisch monumental zugleich ist. Und wird das Gefühl nicht los: Man sollte ihn sich in seiner Komplexität bald nochmal anschauen.

Auf DVD erschienen bei GoodMovies – als Stream bei GMfilms sowie auf anderen Portalen.

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