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© Jochen Quast/Theater Regensburg
Bildrechte: Jochen Quast/Theater Regensburg

Wahnsinn und Liebe

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In der Tretmühle der Leidenschaften: "Salome" ganz ohne Blut

Der schwule Dichter Oscar Wilde strippt für Herodes, Salome hantiert mit dem Silbertablett und ihre Mutter Herodias lässt es krachen: In der Regensburger "Salome" gibt es jede Menge Hochspannung und Psycho-Stress. Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Endlich mal eine "Salome" ganz ohne Blut! Ja sogar ganz ohne Enthauptung und ohne peinlichen Pappmaché-Kopf. Was könnte heutzutage lächerlicher sein als so ein zotteliger Schädel aus der Requisite, der geschlagene zwanzig Minuten auf dem Boden herum liegt und mehr nach Oktoberfest-Gaudi als nach Schauerdrama aussieht? Gut, dass Regisseurin Brigitte Fassbaender gestern Abend am Theater Regensburg auf diesen billigen und absurden Hokuspokus verzichtet hat. Gerade weil bei ihr Johannes der Täufer nicht geköpft wird, ist diese "Salome" spannend, hochspannend sogar, und der begeisterte Applaus des Publikums zeigte, dass das durchaus anspruchsvolle Regiekonzept so verständlich wie aufwühlend war.

Oscar Wilde landete im Gefängnis

Fassbaender hatte sich von einer vergilbten Fotografie inspirieren lassen: Der Schriftsteller Oscar Wilde, verkleidet als "Salome". Wie sich später herausstellte, war das eine Verwechslung, aber das ist nebensächlich, denn nur ein Oscar Wilde, der schwule Dichter, konnte 1891 diese "Salome" schreiben, konnte so intensiv von unerfüllter, bis zum Wahn gesteigerter Liebesraserei künden. Bekanntlich landete Wilde wegen seiner Homosexualität im Gefängnis, und das alles ist Thema in dieser "Salome".

Dick parfümiert und mit Gänsehaut-Effekt

Ausstatter Helfried Lauckner hatte einen gutbürgerlichen Salon entworfen, in dem sich Oscar Wilde seinerzeit wohl fühlte: Lässige Clubatmosphäre, eine Speisetafel, bühnenhohe Bücherwände. Hier, umgeben von der britischen Upper Class, spinnt Wilde an seiner biblischen Geschichte vom irrsinnigen Herodes, von der lüsternen Herodias, der verwöhnten Prinzessin Salome und dem asketischen Propheten Johannes, der Jesus getauft hat. Ein dick parfümierter und vom Komponisten Richard Strauss entsprechend aufdringlich instrumentierter Reißer, voll orientalischem Schwulst und britischer Ironie. Kurz: Eine unverwüstliche Story mit garantiertem Gänsehaut-Effekt.

Zwei parallele Geschichten

Oscar Wilde ist hier ein stummer Schauspieler und Tänzer, der die von ihm neu erfundenen Personen emsig über die opulenten Teppiche dirigiert und schließlich seiner Salome beim Schleiertanz tatkräftig zu Hilfe kommt, bis er selbst nackt da steht. Er greift auch Johannes dem Täufer unter die Arme, der als Gefangener eine riesige Tretmühle bewegen muss - so ähnlich wie Oscar Wilde selbst, damals im Arbeitshaus. Es war eine Meisterleistung von Brigitte Fassbaender, somit zwei parallele Geschichten zu erzählen, das unglückliche Leben von Oscar Wilde und das düstere Schicksal der Salome - und zwar ohne, dass sich beide Ebenen störten, ohne, dass es jemals anstrengend oder konfus wirkte. Wie das genau funktionierte mit dem dramatischen Höhepunkt, der Enthauptung des Johannes, der hier Jochanaan heißt, das wird natürlich nicht verraten, aber der Effekt war enorm und die Botschaft kam an. Das lag nicht zuletzt an einer fabelhaft genauen Personenregie und ungemein aufmerksamen, konzentrierten Sängern, allen voran der amerikanischen Sopranistin Dara Hobbs in der Titelrolle. Sie bewältigte diese wahrlich eruptive Partie durchgehend im Konversationston, sehr textverständlich, glaubwürdig, nie gekünstelt oder aufgesetzt.

Anreise lohnt sich auf jeden Fall

Großartig Martin Dvorak als gequälter Oscar Wilde mit seinem mal kecken, mal entsetzten Blick, der über sich selbst erschauert. Vera Egorova als Herodias war von animalischer Kälte - ganz Grand Dame. Diese Rolle hat früher Brigitte Fassbaender gesungen, und es war zu merken, wie sorgfältig sie ihre Kollegin inszenierte. Johannes Preißinger als Herodes war gerade kein lorbeerbekränzter Wüstling, wie sonst oft zu sehen, sondern eine überforderte Führungskraft, sehr modern, sehr lebensnah - ein intensives Rollenporträt! Der amerikanisch-israelische Dirigent Ido Arad, im Hauptberuf Kapellmeister an der Deutschen Oper Berlin, vollbrachte wahre Wunder in diesem eigentlich für die groß dimensionierte "Salome" zu kleinen Theater. Wie hypnotisiert spielte das Philharmonische Orchester Regensburg, stellenweise förmlich besessen von der Partitur, mit Lust an Farbe und Klangrausch, wie es in diesem Fall geboten ist. Ein toller Schauer- und Psycho-Trip, für den sich die Anreise auf jeden Fall lohnt!

© Jochen Quast/Theater Regensburg

Oscar Wilde im Blutbad

© Jochen Quast/Theater Regensburg

Herodias und Herodes