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In den Untiefen der Stadt: Theater beim Brechtfestival | BR24

© Benjamin Krieg

She She Pop: "Oratorium - Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis"

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    In den Untiefen der Stadt: Theater beim Brechtfestival

    Das Augsburger "Brechtfestival für Städtebewohner*innen" setzt 2019 auf Performance, Bürgerbeteiligung und Interaktion. Zehn avancierte Theaterproduktionen zum Thema "Stadt" stehen auf dem Programm.

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    "Verwisch die Spuren!" riet Bertolt Brecht Mitte der 1920er dem Menschen der Metropole im "Lesebuch für Städtebewohner". 2019 sind die Spuren des Großstädters ziemlich unübersehbar. Sie ziehen sich auch durch das Programmheft des diesjährigen Brechtfestivals: Zerknüllte Pappbecher zieren dessen Seiten, dystopisch schwarze Plastiktüten, heuchlerisch weiße Tetrapacks. Müll, erhoben zu Ikonen urbaner Ignoranz gegenüber Natur, Zukunft und Verantwortung, begleitet vom nur halbironischen Hinweis: "Moral to go".

    Mit der Moral meinte es Brecht immer schon recht ernst. Ebenso Patrick Wengenroth, Leiter des Brechtfestivals: Seit seinem Einstand vor drei Jahre beruft Wengenroth sich äußerst emphatisch auf die Kraft der Kunst, die Welt zu verändern. In der diesjährigen, der letzten Ausgabe des Festivals unter seiner Leitung, ist der Sozialraum Stadt mit all der Vielfalt der dort Lebenden das Thema. Ein zentrales Sujet schon bei Brecht – und ergiebiger Stoff der neben Literaturveranstaltungen, Konzerten und Workshops eingeladenen insgesamt 11 Theaterproduktionen. Die erzählen von ökonomischen Aufstiegen und emotionalen Abstiegen, von technischer Beschleunigung und sozialer Ausgrenzung, von Geld, Besitz und Reichtum ober von Armut, Anarchie und Angst. Und erkunden dabei vielleicht auch die Möglichkeiten eines anderen Zusammenlebens.

    Auf dem Programm: Mehr Performance als klassisches Stück

    Zumindest was die Arbeitsweisen der Gruppen betrifft, die Wengenroth in Augsburg präsentiert, wird die Form einer alternativen Praxis auf jeden Fall präsent sein. Denn Performancegruppen wie She She Pop, Turbo Pascal, andcompandy&co versuchen klassische, hierarchische Strukturen hinter sich zu lassen, bilden Kollektive, arbeiten im Prozess. In der daraus entstehenden Ästhetik – mehr Performance als klassisches Stück, mehr Ortserkundung als typische Bühnensituation, mehr Interaktion als passives Zuschauen – werden auch die Besucher von dieser Praxis nicht immer ausgenommen. Sie werden als Bürgerchöre auf Bühnen geholt, mit Kopfhörern einzeln losgeschickt oder in die Virtuelle Realität entführt.

    © Julian Röder

    Berliner Ensemble/Karen Breece: "Auf der Straße"

    Zwischen Straße und Eigenheim

    Den Auftakt bildet an diesem Freitagabend "Auf der Straße", ein Gastspiel des Berliner Ensembles. Die für ihre Dokumentartheaterprojekte bekannte Theatermacherin Karen Breece hat über Monate hinweg in Berlin zum Thema Obdachlosigkeit und Armut recherchiert und mit Betroffenen gesprochen. Jetzt stehen drei von ihnen gemeinsam mit Schauspieler des Berliner Ensembles auf der Bühne und verleihen den von gesellschaftlicher Teilhabe Ausgeschlossenen eine Stimme. Treten ins Licht, wo sie sonst im Dunkeln bleiben, unsichtbar in einem der reichsten Länder Europas.

    Sie bilden dabei nur scheinbar einen Gegensatz zu jenen, denen das Performance-Kollektiv She She Pop mit ihrem Stück "Oratorium" eine Bühne gibt. Wer jetzt kein Haus erbt, baut sich keines mehr, könnte man Rilke aus der Perspektive dieses Abends zitieren, denn es geht um Erbe und Eigentum. Das erfolgreiche, dieses Jahr mit dem Berliner Theaterpreis ausgezeichnete und mit "Oratorium" zum Berliner Theatertreffen eingeladene Performancekollektiv ist Meister der Selbstdarstellung und sanften Interaktion mit dem Publikum. In "Oratorium" lüftet es ein "wohlgehütetes Geheimnis", wie der Abend im Untertitel heißt. Denn Geld hat man, Eigentum besitzt man, Erbe ist man – darüber geredet wird aber selten. Indem She She Pop auch hier Bürger auf die Bühne holt und die ökonomische Spaltung einer Gesellschaft spielerisch in das Publikum einsickern lässt, das zum heterogenen Sprechchor wird, erneuern sie nebenbei auch gleich Brechts Idee vom Lehrstück.

    © Daniela del Pomar

    Turbo Pascal: "Böse Häuser"

    Entführt in die Virtuelle Realität – und die Vergangenheit

    Überhaupt erweitern die gezeigten Performances den Grundgedanken des Lehrstücks vom Lernen durch Theaterspiel auf vielfältige Weise und lassen dafür auch die Technik zum Spielpartner werden. Beim Berliner Kollektiv Turbo Pascal und ihrem Projekt "Böse Häuser" erhält der Besucher über Kopfhörer Anweisungen, soll Haltung und Perspektiven in Bezug auf sein Gegenüber verändern in der Hoffnung, dass allzu starre Gedankengebäude einstürzen mögen. In die Virtuelle Realität und zugleich zurück in die Vergangenheit entführt die Gruppe "(Raum+Zeit)". Mittels VR-Brille kann man in "Antigone :: Comeback" einer "Antigone"-Probe mit Bertolt Brecht und Helene Weigel am Theater Chur im Jahr 1948 beiwohnen. Über den Konflikt zwischen Antigone und Kreon schiebt sich der zwischen Darstellerin und Regisseur, eine lustvolle Vermengung von Wirklichkeit und Spiel. Eher diskursiv aber nicht weniger lustvoll wird es bei andcompany&Co, die in ihrer Frontalperformance "Colonia digital" den einstigen, sozialistischen Utopien des Internets nachgehen und den Zuschauer zu einem rasanten Training in Sachen komplexes Denken einladen.

    Auch Augsburger Produktionen sind vertreten

    Patrick Wengenroth hat mit seinem Programm ein sicheres Gespür für Theater auf der Höhe der Zeit: Neben She She Pops "Oratorium" ist auch "Unendlicher Spaß" von Thorsten Lensing dieses Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Der Abend nach David Foster Wallace steht am Ende des Festivals und präsentiert final von so mancher Publikumsgruppe des Festivals eben doch immer noch gewünschte Schauspielerstars wie David Striesow und Sebastian Blomberg.

    Doch neben den Berliner Produktionen sind auch lokale Augsburger Gruppen beim Festival vertreten und lassen ihre Stadt zur Bühne werden. In "Home is where the heart is" verhandelt etwa das Junge Theater Augsburg die deutsch-amerikanische Geschichte Augsburgs, das einer der größten US-amerikanischen Militärstandorte in Deutschland war. Im Gebäude einer ehemaligen Kaserne erzählen Augsburger von Fremdheit und Nähe, von Heimat und Heimweh und von der Überwindung von Feindbildern. Ein Parcours durch die ganze Stadt ist "Shitty City" von Bluespot Productions. An allen Festivaltagen zeigt die Gruppe jeweils eine Kurzperformance, in der sie eines der zehn Gedichte aus Brechts "Lesebuch für Städtebewohner" in Szene setzen: Auf dem Plärrer wird Spuren nachgegangen, im Wasserwerk Puls gemessen, im Gaswerk im Dreck gewühlt. Und auch dieses Jahr ist das Staatstheater Augsburg Kooperationspartner, diesmal mit der Inszenierung von Brechts Erstlingsstück "Baal". Furor, Anarchie und Naturgewalt der Hauptfigur lässt Regisseurin Mareike Mikat hier von einer Frau ausagieren. Nathalie Hünig ist Baal, eine Band spielt dazu, zusammen unterziehen sie das Stück einem musikalischen Stresstext aus dem Blickwinkel gegenderter Gegenwart.

    © Brechtfestival

    Kasernengebäude in Augsburg 1956, jetzt Theaterspielstätte "abraxas"

    Spuren hinterlassen

    Die formale Vielfalt der Theaterproduktionen lässt schon jetzt vermuten: Theater machen und Theater schauen ist nicht nur an diesen zehn Festivaltagen Gemeinschaftsarbeit. Im Idealfall ein Versuch, Machtstrukturen auszuhebeln, neue Orte und Denkräume zu erkunden und sowohl beim Besucher, als auch in der Welt Spuren zu hinterlassen, die andere sind als Plastiktüte, Tetrapack und Pappbecher.