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In Angela Winklers Skizzen liegen Freude und Leid beieinander | BR24

© Bayern2

Sie ist eine der größten deutschen Schauspielerinnen, sowohl im Theater als auch im Film: die 75-jährige Angela Winkler. Jetzt hat sie unter dem Titel "Mein blaues Zimmer" zusammen mit Brigitte Landes autobiografische Skizzen veröffentlicht.

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In Angela Winklers Skizzen liegen Freude und Leid beieinander

Mehr gelebt als gespielt hat sie, aber wenn sie auf der Bühne oder Leinwand erscheint, dann mit ungeheurer Präsenz und Intensität. Jetzt hat die große Schauspielerin Angela Winkler autobiografische Skizzen veröffentlicht: "Mein blaues Zimmer".

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Was für eine Szene. Angela Winkler steht einfach da auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin in ihrem zarten lila Kleid und spricht diese Worte, die einen direkt ins Herz treffen. Sie spricht sie in dieser unnachahmlich tastenden Art, mit der sie sich alle ihre großen Rollen erspielt hat, die von Ibsen und Brecht, von Wedekind und Shakespeare, die Lulu, die Courage oder den Hamlet. Jetzt mit 75 steht sie in der Regie von Karin Henkel als Irina auf der Bühne, als jüngste der Tschechowschen "Drei Schwestern", die sich erinnert, wie das Leben war. "Diese Sätze gehen mir so nah", steht in ihrem Buch "Mein blaues Zimmer", "viel näher als Schauspieler-Könnerei". "Könnerei" sieht man von ihr ohnehin nie, nur Kunst, die vor allem in großer Präsenz besteht und: in leiser Grenzüberschreitung. "Vielleicht bin ich ja gar keine Schauspielerin" dieser Satz findet sich gleich auf der ersten Seite.

Rückzug und Freiheit auf dem Land

Tatsächlich hat sie mehr gelebt als gespielt, hat nie wirklich einem Ensemble angehört, sondern mit wenigen Regisseuren einzelne Projekte erarbeitet, hier und da Filme gedreht, nach jedem Kind etwa einen. Vier Kinder hat sie zusammen mit ihrem Gefährten, dem Bildhauer Wigand Wittig. An den verschiedensten Orten haben sie gelebt: in Ligurien und Norddeutschland, in der Auvergne und in der Bretagne, wo sie sich Häuser restauriert haben, Gärten angelegt. Rückzug war das und Freiheit. Am liebsten wühlt Angela Winkler in der Erde: mit ihren "Maulwurfshänden", wie sie schreibt.

Eigentlich sei sie ein "Jetztmensch" hat sie einmal gesagt, doch nun hat sie sich doch erinnert und diese Erinnerungen mit der Dramaturgin Brigitte Landes zusammengetragen und aufgeschrieben, mit der sie eine lange Freundschaft und Arbeitsbeziehung verbindet. "Wir wollten nicht so ein Schauspielerinnenbuch schreiben, wie die Karriere war und wen Tolles sie alles kennengelernt hat. Sondern worin die Arbeit und worin ihr Leben hauptsächlich besteht. Und dann haben wir angefangen. Langsam, stetig, mit riesigen Pausen. Und an dem Buch gearbeitet. Und haben Gespräche geführt, die ich aufgezeichnet habe, … und irgendwann hat sie mir dann ihre Tagebücher gegeben. … Und das war natürlich toll, weil sie auf so eine ganz eigene Art ihre Arbeit beschreibt, ihre Proben beschreibt, ihr Leben selber und wo sie gerade herkommt, sich da so vermischen. Und das war eigentlich, was wir gerne wollten", sagt Landes.

© picture alliance / Everett Collection

Angela Winkler in "Die verlorene Ehre der Katharina Blum": Volker Schlöndorffs und Margarethe von Trottas Verfilmung von Heinrich Bölls Roman

Ein "Jetztmensch" blickt zurück

Betrachtungen sind es geworden, geschrieben in einem Duktus, aus dem heraus man diese unverwechselbare und unvergessliche Stimme von Angela Winkler wirklich zu hören meint. In Miniaturen scheint dabei das Leben ebenso auf wie das Theater, die Landschaften, die Familie, die Tochter Nele mit dem Down Syndrom, die heute selbst eine so berückende Schauspielerin ist. Die Hunde sind präsent, die Regisseure, die Blumen. "Macht total Spaß" sind diese Skizzen überschrieben oder: "Dieser Zadek". "Manchmal kam es mir vor als sei ich ganz aus der Welt" oder: "Herkuleskraut": ein Titel, den Brigitte Landes so erklärt: "Da gab es dieses Herkuleskraut, das kommt in einem Text von Hamlet vor im Stück. Und wenn sie dann von der Bretagne und ihrem Garten spricht und von diesem riesigen Herkuleskraut, das keine Feinde hat, keine natürlichen, sagt sie dann, dann muss sie an Hamlet denken, und da habe ich dann gedacht, ja super, das ist doch ein guter Übergang dann von Hamlet zu erzählen zum Beispiel. Und so springen wir dann immer quasi aus dem Leben zu einer Arbeit. "

Mit einer ungebändigten Intensität schaut Angela Winkler auf das, was "ihr Leben" heißt und was in einem Herkuleskraut ebenso stecken kann wie in einem "Hamlet". Freude und Leid liegen da gleich nebeneinander. Sie verschweigt kein Glück und keine Depression, keine Euphorie und keinen Zweifel. Und so folgt man ihr nur zu gern dorthin, wo sie vielleicht mit ihrer Irina schon einmal war.

Angela Winkler und Brigitte Landes: "Mein blaues Zimmer" ist bei Kiepenheuer und Witsch erschienen.

© Kiepenheuer & Witsch/ Montage BR

Cover Angela Winkler und Brigitte Landes: "Mein blaues Zimmer"

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