Am Ort des Massakers kehrt Alltag ein

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    "Immer weniger Neuigkeiten": Kreml verbietet 100-Tage-Bilanzen

    "Immer weniger Neuigkeiten": Kreml verbietet 100-Tage-Bilanzen

    Die Russen sollen nach Möglichkeit "nicht daran erinnert" werden, dass der Krieg in der Ukraine schon mehr als drei Monate dauert. Daher gab das Putin-Regime verschiedenen Quellen zufolge diskret entsprechende Anweisungen an die wichtigsten Medien.

    Auch die Russen werden kriegsmüde. "Wir müssen nicht nur über das Leben in der neuen Realität sprechen, sondern auch über unsere Gesprächsthemen. Schließlich sind unsere Nerven nicht aus Eisen, wir können nicht ständig über Neuigkeiten aus der Ukraine diskutieren. Außerdem gibt es von dort immer weniger Neuigkeiten", so Kolumnistin Anastasia Mironowa in einem Beitrag für die kremltreue "Gaseta". Damit nimmt sie die neueste Direktive aus dem Kreml vorweg: Bloß keine 100-Tage-Bilanzen zum Krieg!

    "Das war´s, es wird keinen Unterschied geben"

    Für die Ukrainer werde das Leben "nach dem Konflikt" nie mehr dasselbe sein, so die verblüffend gefühlskalte Kommentatorin, für die Russen habe sich dagegen der Alltag "nicht sehr verändert": "Nun, wir werden noch ein oder zwei Monate die Nachrichten von dort breittreten und dann zu unseren früheren Beschäftigungen zurückkehren." Das Leben habe sich langsam überall beruhigt, die Aufregung nachgelassen, die leicht Manipulierbaren seien "zur Besinnung" gekommen: "Das war's, es wird keinen Unterschied zum Leben vor dem Februar geben."

    So sieht es natürlich auch das offizielle Moskau. Das kremlkritische Portal "Meduza" meldete jetzt unter Berufung auf mehrere Quellen, dass von dort "Bitten" an die besonders populären Medien kamen, auf gar keinen Fall den 100. Tag des Angriffskriegs mit Zwischenbilanzen zu würdigen. Konkret habe die Präsidialverwaltung angeregt, das Thema "nicht zu strapazieren“ und die Aufmerksamkeit der Leser und Zuschauer "nicht auf die Dauer des Kriegs zu lenken".

    "Bei runden Zahlen stellen sich immer wieder Fragen"

    Offenbar kam die Botschaft an, nur noch wenige russische Medien zählen auf ihren Online-Seiten die Tage und sind somit mittlerweile bei 99 angekommen: "Bei den regierungsfreundlichen Boulevardzeitungen Komsomolskaya Prawda und Moskowski Komsomolez wird nur noch das aktuelle Datum angezeigt. Auch die staatliche Online-Nachrichtenagentur TASS macht keine Angaben zur Dauer der Invasion. Es wird auch nicht in Pressemitteilungen auf Channel One und Russia 1 sowie auf den Hauptseiten von RIA Novosti und der russischsprachigen Version von RT erwähnt."

    Die Konzentration "auf Daten im Zusammenhang mit dem Krieg" könne dazu beitragen, dass die Russen "über die Ziele und den Erfolg der Invasion nachdenken", wurde eine Kreml-Quelle zitiert: "Wenn man von einer runden Zahl spricht, stellen sich immer wieder Fragen: Was ist bis zu diesem Datum erreicht? Das ist seit der Sowjetzeit so, als es Fünfjahrespläne gab, Pläne für alles mögliche. Es stellt sich heraus, dass es bis zu diesem Datum fast nichts vorzuweisen gibt. Wir können sagen, dass einige Siedlungen eingenommen wurden, aber ihr Name sagt den Menschen nichts. Ist es viel oder wenig? Sind die Ziele der 'Operation' nahe oder noch nicht?"

    "Die Menschen verstehen diese Worte nicht"

    Nach einer aktuellen Umfrage von Ende Mai sind angeblich rund vierzig Prozent der Russen "kriegsmüde": "Und über die Ziele ist nichts bekannt, außer der 'Entnazifizierung' und 'Entmilitarisierung' der Ukraine. Die Menschen verstehen diese Worte nicht, aber sie sehen, dass die Kämpfe schon lange andauern. Vor der 'Operation' wurde ihnen gesagt, die Ukraine sei ein schwacher Staat. Aber jetzt stellt sich heraus, dass es unmöglich ist, ihn schnell zu besiegen."

    Kremlsprecher Dmitri Peskow hatte geäußert: "Solche Operationen können keinen klar definierten Zeitplan haben", übrigens ähnlich wie Nikolai Patruschew, der einflussreiche Sekretär des Sicherheitsrates. Er behauptete kürzlich, die Handelnden würden überhaupt keinen Gedanken auf die Dauer des Krieges verschwenden, sondern sich auf den Sieg konzentrieren. Im Fernsehen, so "Meduza", sei auffällig, dass die Propagandisten inzwischen oft davon sprechen, dass Russland inzwischen mit der gesamten NATO ringe: "Wenn der Kampf bereits mit der gesamten NATO geführt wird – einem sehr starken Feind, und nicht mit der Ukraine allein, dann verstehen die Menschen, dass es nicht nötig ist, auf einen baldigen Sieg zu warten."

    Tatsächlich hat sich auch Außenminister Sergei Lawrow ähnlich ausgedrückt und von einem "total hybriden Krieg" gesprochen. Russische Militärs wollten selbst einen Krieg über "fünf oder zehn Jahre" nicht mehr ausschließen. So gesehen sind 100 Tage wirklich nicht der Rede wert.

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