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Viele Kulturbauten bröckeln vor sich hin, doch die Sanierung wird regelmäßig zum finanziellen Alptraum, wie aktuell in Augsburg und Köln. Kein Wunder, dass die öffentlichen Auftraggeber auf die Bremse treten, gerade jetzt, in der Corona-Rezession.

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Immer doppelt so teuer? Warum Kultur-Bauten so riskant sind

Viele Kulturbauten bröckeln vor sich hin, doch die Sanierung wird regelmäßig zum finanziellen Alptraum, wie aktuell in Augsburg und Köln. Kein Wunder, dass die öffentlichen Auftraggeber auf die Bremse treten, gerade jetzt, in der Corona-Rezession.

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Gut, es ist nur die Rückseite, aber die sieht wirklich erbarmungswürdig aus. Risse in der Fassade, notdürftig geflickt, marode Fensterrahmen: Das Münchner Stadtmuseum macht auf den ersten Blick einen völlig verwahrlosten Eindruck, und das wird auch noch eine ganze Weile so bleiben. Seit 21 Jahren wird dort über eine Sanierung nachgedacht, jetzt ist absehbar, dass es mindestens weitere fünf Jahre dauert, bis sich überhaupt was tut. Die Stadt München ist voll auf die Kostenbremse gestiegen, klar, jetzt, wo die Steuereinnahmen so schnell schrumpfen wie die Gletscher in den Alpen.

Kaum jemand glaubt an Kalkulationen

Die Corona-Rezession, eine völlig unklare finanzielle Zukunft, da sind die Kämmerer überall in Deutschland mit Streichlisten beschäftigt, und in reichen Städten wird das besonders zu spüren sein, zumal sie gerade Boom-Jahre hinter sich haben. Dahinter steht aber noch eine andere Befürchtung: Gut 200 Millionen Euro soll zum Beispiel die Sanierung des Münchner Stadtmuseums kosten, aber kaum jemand glaubt daran. Selbst der Architekt ist freimütig und befürchtet eine Kostensteigerung auf 300 Millionen, wenn die Planungen sich, wie jetzt absehbar, erheblich verzögern.

© Jungblut/BR

Wenig repräsentativ: Münchner Stadtmuseum

Und die Erfahrung ist leider noch viel ernüchternder: Nicht selten werden öffentliche Bauprojekte, und nicht nur in der Kultur, doppelt so teuer wie zunächst kalkuliert. Aktuelle Beispiele finden sich schnell: In Augsburg soll die Theatersanierung jetzt rund 320 Millionen Euro verschlingen, ursprünglich war von weniger als 190 Millionen die Rede. Die Oper Köln sollte mal für 250 Millionen Euro modernisiert werden, derzeit ist von gut 560 Millionen die Rede, was regelmäßige Zeitungsleser und Radiohörer nicht erstaunen wird. Es gibt soviele Kostenexplosionen, dass die zuständigen Politiker längst einen Hörsturz haben müssten.

"Da kommen Dinge zum Vorschein"

Kein Wunder also, dass sie jetzt, wo das Geld konjunkturbedingt wirklich knapper wird, keine neuen Projekte durchwinken wollen, von denen jeder weiß, dass sie sämtliche Kalkulationen sprengen werden. In Bayreuth zum Beispiel muss das Festspielhaus gründlich auf Vordermann gebracht werden. Bezahlen sollen das ganz überwiegend Bund und Land, und die zuständige Haushaltspolitikerin im Bundestag, Patricia Lips von der CDU, war bei der Besichtigung kürzlich auch ziemlich realistisch: "Wenn solche Gebäude saniert werden, reden wir ja nicht von ein, zwei Jahren, sondern von einem längeren Zeitraum. Was man auch häufig hat, dass man während einer Sanierung irgendeine Wand aufbricht oder sonst irgendwas, und auf einmal kommen Dinge zum Vorschein, die wusste man nicht, die hat man überhaupt nicht gekannt, da stecken sie nicht drin."

© Matthias Balk/PIcture Alliance

Hier soll er hin: Münchner Werksviertel - geplanter Standort für neuen Konzertsaal

Ob die Bayreuther Sanierung also 100 Millionen Euro kostet, oder gar 300 Millionen, wie Kundige unter der Hand schon flüstern, wer weiß es zu sagen? Dabei sind die Fachpolitiker sich selbst keiner Schuld bewusst. Patricia Lips: "Die Haushälter stehen schon - ich persönlich, aber auch alle anderen, die ich kenne, für ein hohes Maß an Haushaltswahrheit und -klarheit. Das es auch ehrlich ist, mit den Zahlen, und nicht irgendwie gestreckt." Mag ja sein, dass der Haushaltsausschuss mit großer Ernsthaftigkeit an die Sache ran geht.

Plötzlich ein Agreement

Aber ihm fehlt für bauliche Großprojekte ebenso die Fachkompetenz wie fast allen Aufsichtsgremien, und dann ist da noch die politische Seite, wie der 81-jährige Bayreuther Geschäftsführer Heinz-Dieter Sense aus leidvoller Erfahrung weiß: "Die Haushälter, die sind meistens verhältnismäßig einfach, aber es gibt auch noch ein Parlament, das entscheiden muss, und dort kann es manchmal andere Interessenlagen geben. Also, ich kenne viele Fälle, wo es plötzlich ein Agreement zwischen Nord und Süd gibt, das die Haushälter überrascht, weil die übrigen Parlamentarier sich etwas anderes vorstellen, als der Haushaltsausschuss sich selbst vorgestellt hat."

© David Ebener/Picture Alliance

Nur von außen fertig: Bayreuther Festspielhaus

Da wird also gern nach unten gerechnet, frisiert und schön geredet, um Projekte erst Mal durch den Bundestag oder auch durch den Stadtrat zu bringen. Da werden Pakete geschnürt, da wird taktiert, getrickst und geblendet, um für den eigenen Wahlkreis möglichst viel raus zu schlagen. Wenn´s hinterher doppelt so teuer wird, dann ist das eben so: Welches Projekt wird dann schon mittendrin gestoppt? Die Politik als solche ist eine Ursache für die ständigen Kostensteigerungen, weil sie gern kurzfristig neue Ansprüche anmeldet, hier erweitert und dort kürzt.

Es gibt nicht mal eine Bauabteilung

Der geplante neue Münchner Konzertsaal ist dafür gerade ein farbenfrohes Exempel: Vielleicht reicht dort ja doch ein Saal weniger, so die aktuelle Diskussion, und über die Baumaterialien - vielleicht nur Holz, vielleicht auch mit Glas und Beton - wird auch noch munter debattiert. Mindestens ebenso schwerwiegend und folgenreich wie derartige politische Hakeleien ist die mangelnde technische Bauaufsicht von öffentlichen Auftraggebern. Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Deutschlands größter Kulturinstitution, bedauerte neulich, dass es dort nicht mal eine Bauabteilung gibt, obwohl die Sanierung der berühmten Berliner Museumsinsel rund 800 Millionen Euro kosten soll. Deutlicher ausgedrückt: Wirklich Ahnung von Großprojekten haben diejenigen, die sie bestellen, meist nicht - und da macht es leider keinen Unterschied, ob Bund, Land oder Stadt am Werk sind.

Heinz-Dieter Sense, der kommissarische Bayreuther Geschäftsführer, will denn auch den Versprechungen der Politiker erst glauben, wenn er sie "schwarz auf weiß" hat. Und das kann jetzigem Stand noch eine ganze Weile dauern.

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