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Im Theaterjahr 2020 führte vor allem Corona Regie | BR24

© Deutsches Theater München

Ein Katastrophenjahr für die Theater – Enttäuschungen, Hoffnungsschimmer und ganz viel Erfindungsgeist.

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Im Theaterjahr 2020 führte vor allem Corona Regie

Für die Kammerspiele wurde das Jahr des Umbruchs zum Jahr des Abbruchs. In Augsburg macht man Theater nun auf Gaming-Websiten. 2020 war für die Theater in Bayern ein Jahr der Herausforderungen und der neuen Wege.

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Von
  • Christoph Leibold

Die Rechnung ist so einfach wie erschreckend: drei Monate Theater-Lockdown im Frühjahr, zwei weitere am Jahresende, dazu mindestens ein Monat Spielzeitpause im Sommer – ergo: auf Bayerns Bühnen wurde bestenfalls nur die Hälfte des Jahres gespielt.

Münchner Kammerspiele: Intendantenwechsel unter Corona-Bedingungen

Besonders schlimm traf es die Münchner Kammerspiele, die unter Matthias Lilienthal zwar erneut zum Theater des Jahres gekürt wurden. Das entsprechend rauschende Spielzeitfinale aber hat Corona dem scheidenden Intendanten gründlich verhagelt. Und seiner Nachfolgerin Barbara Mundel hat das Virus den Start massiv erschwert – wie Falk Richter, neuer Hausregisseur unter Mundel, erklärte: "Das ist ein so schwerer Eingriff in die Kunstfreiheit, der gerade passiert und natürlich auch in die Art, wie wir überhaupt mit Zuschauern kommunizieren, wen wir ans Haus einladen dürfen!"

Die Schwierigkeit liegt dabei für Richter in Fragen wie: "Wie können wir weiterhin überhaupt Theater machen, interessantes Theater machen? Wie können wir auch ästhetisch spannende Sachen auf die Bühne bringen – trotz all der Vorgaben, die es gerade gibt, trotz allen Einschränkungen?"

Corona saß 2020 mit am Regie-Tisch

Wenn 2020 überhaupt Theater gespielt wurde, dann saß Corona die meiste Zeit mit am Regietisch. Denn auch auf der Bühne galten strenge Abstandsregeln zwischen Schauspielerinnen und Schauspielern. Romantische Komödien mit Umarmungen und Küssen waren daher eher nicht angesagt, Stücke und Regiekonzepte mussten ersonnen werden, die es irgendwie plausibel erscheinen ließen, wieso sich die Menschen auf der Bühne nicht berührten. Und wo das auf der Probe im Eifer des Gefechts doch passierte, wachten eigens beauftragte, mit Warnglöckchen bewehrte Dramaturginnen oder Hospitanten darüber, die Darsteller bei unerlaubter Nähe zurückzupfeifen.

© Christoph Leibold

Galgenhumor: Das Garagentor des Münchner TAMS lädt seine Gäste einzeln ein.

"Karies-Bestuhlung" im Oktober ...

Immerhin: im Oktober konnte gespielt werden, wenn auch unter seltsamen Bedingungen und vor stark ausgedünnten Zuschauerreihen. "Karies-Bestuhlung" – witzelten manche angesichts der Lücken im Parkett durch ausgebaute Sitze. Im November, mit Beginn des Lockdown light, fiel dann abermals der Vorhang – allen Appellen von Theaterleuten zum Trotz, die auf funktionierende Hygienekonzepte verwiesen sowie auf die Wichtigkeit von Kultur.

Die Theater, formulierte Kammerspiele-Intendantin Barbara Mundel pointiert, müssten nicht trotz, sondern gerade wegen Corona offen bleiben: "Das Thema Pandemie und unsere Angst davor, die ist so groß, dass alle anderen Themen und Fragestellungen in den Hintergrund geraten, inklusive der Themen, die vielleicht ursächlich mit der Pandemie zusammenhängen. Und dafür brauchen wir Kunst", findet Mundel. "Nicht nur für uns als Theater, sondern ich fände das vor allen Dingen auch tatsächlich für unsere gesellschaftliche Diskussion fatal, wenn wir wieder in so einen Lockdown gehen müssten."

... dann der zweite Lockdown im November

Doch alle Proteste, auch ein offener Brief namhafter bayerischer Intendantinnen und Intendanten an die Staatsregierung, halfen nichts. Am 2. November, also an Allerseelen – ein symbolträchtiger Tag! – mussten die Theater ihre Hoffnung auf eine Ausnahmeregelung beerdigen.

Die Bühne, die ihnen seither zu bespielen bleibt, ist das Internet. "Tagebuch eines geschlossenen Theaters" zum Beispiel heißt eine Reihe filmisch aufbereiteter Mini-Dramen, die Autorinnen und Autoren eigens für diese tägliche Video-Clip-Reihe geschrieben haben: "Gehen Sie nach Haus! Husch, husch, nach Haus, wo Sie sich nur bei Ihren Anverwandten dann anstecken können. Anstatt vielleicht da im Theater sich zu infizieren mit so einer Idee. Mit so einer Idee, was dieses Virus mit uns als Gesellschaft macht!" – der Text von Ferdinand Schmalz spricht für sich selbst. Solche originären Angebote zählen zu den vielversprechenderen Online-Aktivitäten.

Im ersten Lockdown im Frühling dagegen wurden die digitalen Spielpläne von Theater aus der Konserve dominiert. Aufnahmen alter Erfolgsinszenierung als Streams machten den Mangel live erlebter Bühnenkunst meist erst recht spürbar statt ihn zu kompensieren.

© BR

Kulturschaffende in München kritisieren im November den zweiten Lockdown.

Aber das Theater hat schnell dazugelernt und experimentiert nun mit digitalen Formaten, mit denen es – als dem Ursprung nach eigentlich voll-analoge Kunstform – bisher eher fremdelte. Ganz vorne dran: Das Staatstheater Augsburg, das Inszenierungen für VR-Brillen produziert, eine interaktive Webserie auf dem Videoportal Twitch gestartet hat und als erstes Theater in Deutschland überhaupt mit Tina Lorenz eine Digitalbeauftragte beschäftigt: "Seit hundert Jahren gehen wir auf die gleiche Art und Weise ins Theater. Das Licht geht aus. Wir sitzen im Dunkeln. Im Internet ist das gar nicht so. Die Leute schalten ab oder sagen: 'Was läuft hier für ein Mist? Das interessiert mich alles nicht! Ihr seid hier alle doof!'

Das heißt, man muss andere Geschichten erzählen, und man muss die Leute anders mitnehmen. Und das ist etwas, was wir gerade am praktischen Fallversuch, sage ich mal, jetzt erforschen", meint Lorenz.

Aus der Not eine digitale Tugend machen

Diese Forschung wollen auch andere vorantreiben, sozusagen aus der Not eine Tugend machen. Der Lockdown, sagt Jan Philipp Gloger, Schauspielchef am Staatstheater Nürnberg, biete zumindest ein paar Freiräume, sich mit der Digitalisierung am Theater eingehender zu befassen: "Ich möchte mich und auch das Haus fitter machen, bewusster kriegen für die Ausdrucksmöglichkeiten, die da drin liegen. Und zwar wirklich im Sinne von: Wie kann man das, was Schauspieler können, wofür Schauspieler Spezialisten sind, möglicherweise auch in einer digitalen Sphäre zum Performen, zum Klingen, zum Schwingen bringen?", fragt Gloger.

© Theater Regensburg

Aufnahme von den Proben zu "Auftritt DEMOKRATIE" am Theater Regensburg im Juni 2020.

Was auffällt: dass vor allem die großen Theater sich mit digitalen Projekten hervortun. Schon an mittleren Häusern stößt man auf Zurückhaltung. Sibylle Broll-Pape, Intendantin am ETA Hoffmann Theater in Bamberg, zum Beispiel sagt zum Theater im Netz: "Also, es hätte Perspektive, wenn man ganz andere Ausstattungen hätte. Das ist für ein Theater in unserer Größenordnung irgendwie gar nicht möglich. Ich habe das jetzt wirklich auch noch mal überprüfen lassen, wie das mit Livestreams und all diesen Möglichkeiten ist – das würde uns hier einfach völlig überfordern."

Kleinen Bühnen fehlt Geld für großen digitalen Auftritt

Es fehlt den mittleren und kleineren Häusern schlicht am Equipment, um digitale Formate professionell realisieren zu können. Da wäre nachrüsten erforderlich. Aber mit welchem Geld? Corona hat riesige Löcher in die Kulturetats der Städte gerissen. Massive Sparmaßen stehen an, die die Theater ins Mark treffen werden. Und wir reden hier bisher nur von den Stadt- und Staatstheatern. Der freien Szene geht es noch viel schlechter.

Die eigentliche Bilanz des Theaterjahres 2020 wird sich demnach erst im Laufe des kommenden Jahres ziehen lassen, wenn klar ist, was von der Bühnenlandschaft dann überhaupt noch übrig ist. War Corona für die Theater also eine einzige Katastrophe. Oder gibt es irgendetwas, wofür diese Pandemie doch gut war? Sibylle Broll-Pape beantwortet diese Frage mit einem entschiedenen Nein: "Erstens mal ist sie nun wirklich tödlich, in jeder Hinsicht. Ich habe halt mal wieder gelernt, mit einer Krise umzugehen. Aber ob ich das brauchte? Nee!"

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