BR24 Logo
BR24 Logo
BR24 - Hier ist Bayern

Der Geist weist den Weg

Bildrechte: Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Im Morast der Macht: Verdis "Macbeth" in Salzburg umjubelt

Eindrucksvolles Schlammcatchen in Schottland: Dem Salzburger Landestheater gelingt in der Felsenreitschule ein beklemmend-faszinierender Abend über den Preis des Aufstiegs. Die Bilder überzeugten, Solisten und Chor brillierten, das Publikum tobte.

Von
Peter JungblutPeter Jungblut
Per Mail sharen

Ob wirklich alle Wege zur Macht über Verbrechen umgeleitet werden, wie es bei Verdi behauptet wird, das sei dahin gestellt - durch Morast führen sie auf jeden Fall. Und so ist die Fortbewegung auf der Bühne der Salzburger Felsenreitschule gar nicht so einfach, nicht mal mit Gummistiefeln. Ein ziemliches Schlammloch, dieses Schottland, in dem König Macbeth sein Unwesen treibt, der Matsch ist überall. Und in diesem Fall sind wohl nicht die beschaulichen Hochmoore mit ihrer Insektenplage gemeint, sondern tatsächlich der Dreck, an fast allen kleben bleibt, die hoch hinaus wollen.

Macht ordentlich was her

Ausstatter Alexander Müller-Elmau hatte reichlich Theaterhumus aufgeboten, eingerahmt von metallisch schimmernden Wänden, die an ein Verlies erinnerten: Die Türen sind schmal, öffnen sich unvermutet, und die vielen Gespenster, die hier ihr Unwesen treiben, verschwinden wie die Ratten in den Ritzen des Gemäuers. Macht ordentlich was her, diese "Macbeth"-Ausstattung, und trug zum Fußgetrampel und begeisterten Applaus sicher nicht unwesentlich bei.

Schüsse erledigen den Tyrannen

Bildrechte: Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

Klar, die Felsenreitschule mit ihrem herben Charme und dem Blick hinauf auf die rauen Sandstein-Sedimente des Mönchsbergs ist eine ideale Kulisse für schottische Schauerabenteuer. Regisseurin Amélie Niermeyer wusste das gut zu nutzen. Aber sie hatte auch deshalb Erfolg, weil sie die Geschichte von Aufstieg und Fall des Ehepaars Macbeth nicht oberflächlich aktualisierte, sondern eine Tiefenbohrung vornahm: So oder so ähnlich geht es allen, die für die Macht bereit sind, alles zu opfern.

Selbst das milde Licht ist der Lady zu viel

Sie können jeden ausschalten, umbringen, beseitigen, nur den Nachfolger nicht, und das ist ihr Problem, an dem sie irre werden. Macbeth kommt hier schon blutüberströmt auf die Bühne und wird hellhörig, als ihm die Hexen einen Blecheimer vorsetzen: Geht doch, für den Dreck gibt es doch scheinbar eine einfache Lösung. Der Wahnsinn endet zwischen lauter Stehlampen, eigentlich Inbegriff für häusliche Gemütlichkeit. Doch selbst dieses milde Licht ist für Macbeth und seine Lady schon zu viel Helligkeit.

Blutiger Gespensterreigen

Bildrechte: Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

Großartig, wie Amélie Niermeyer ihre Furien und Hexen inszeniert: Gelangweilt, blasiert und müde Beifall klatschend tummeln sie sich in dieser moorigen Einöde. Das ergibt viele starke Bilder. Es wäre ganz unnötig gewesen, nach der Pause auch noch Bilder von Bombenabwürfen und zerstörten Städten einzublenden, das verdoppelte nur das Grausen und war nicht so aufrüttelnd wie der sterbende König, der sich durch den Matsch robbt und noch mit dem letzten Atemzug die Krone krallt.

Entsetzliche Melancholie der Führungskräfte

Dirigent Gabriel Venzago, der kurzfristig eingesprungen war, hatte eine gute Hand für diese martialische Partitur. Verdi zielte ja auf seine Landsleute, wollte deren Patriotismus aufstacheln und zur Einigung Italiens gegen fremde Herren beitragen, auch mit Waffengewalt. Insofern ist es aus heutiger Sicht ein zwiespältiges Werk. Zuviel Gedröhn und Fanfaren-Furor ist fehl am Platz. Es kommt darauf an, immer wieder die entsetzliche Melancholie einzustreuen, die solche Führungskräfte-Karrieren begleitet. Und das war musikalisch jederzeit der Fall, trotz aller lautstarken Ausbrüchen und grimmigen Kampfhandlungen.

Unter der Stehlampe

Bildrechte: Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

Simon Neal in der Titelrolle war ein faszinierender Demagoge: Anfangs leutselig in die Menge grüßend, später wohlig im Ledersessel räkelnd, schnell von Verfolgungswahn gepeinigt. Annemarie Kremer als Lady ist ja bis vor kurz Schluss der einzige Kerl in dieser Oper: Skrupellos, abgebrüht, intrigant, zielorientiert. Das machte sie ganz lässig, und als sie schließlich vom Waschzwang in den Tod getrieben wird, spielte sie das bemerkenswert beiläufig, nicht etwa den Irrsinn zelebrierend. Auch alle anderen Sänger wurden zu Recht bejubelt: Luke Sinclair als Macduff, Raimundas Juzuitis als Banquo, Chong Sun als Malcolm. Und da "Macbeth" eine ausladende Chor-Oper ist, gebührt dessen Mitwirkenden ein Extra-Lob. Ein üppiges und nachdenkliches Halloween-Spektakel, mit dem das Salzburger Landestheater seinen Fans beglückt hat.

Wieder am 6., 12., 14. und 19. November, weitere Vorstellung bis 27. November in der Felsenreitschule Salzburg.

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Sendung

kulturWelt

Schlagwörter