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"Im Moment ist in Belarus alles politisch – egal, was man tut!" | BR24

© Audio: BR / Bild: picture alliance/ZUMA Press

Demonstranten binden während einer Demonstration vor der belarussischen Botschaft in Kiew weiße und rote Bänder an die Bäume.

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"Im Moment ist in Belarus alles politisch – egal, was man tut!"

Die turbulenten Zeiten in ihrer Vielstimmigkeit abbilden: Das will das Projekt "Stimmen aus Belarus". Es dokumentiert Wahlfälschungen, Demonstrationen, Streiks. Eine wichtige Aufgabe, denn gerade hat Belarus eine weitere kritische Stimme verlassen.

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Von
  • Barbara Knopf

Die 72-jährige Literaturnobelpreisträgerin Svetlana Alexijewitsch hat ihre Heimat Belarus verlassen. Gestern Mittag reiste sie Richtung Berlin, offenbar war das Sicherheitsrisiko zu groß geworden. Alexijewitsch war das letzte Führungsmitglied der Opposition, das in Minsk in Freiheit lebte. Andere sind bereits verschleppt und inhaftiert worden. Darüber hat Barbara Knopf mit Nina Weller gesprochen, tätig am Lehrstuhl Osteuropäische Literaturen der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt-Oder und Mitinitiatorin der Online-Plattform "Stimmen aus Belarus".

Barbara Knopf: Frau Weller, bevor wir über die "Stimmen aus Belarus", die Sie sammeln sprechen, eine aktuelle Frage zu Svetlana Alexijewitsch: Sie war eine lautstarke Kritikerin des belarussischen Machthabers Lukaschenko, blieb sehr lange standhaft und wehrhaft. Nun heißt es, sie sei auf Einladung des DAAD, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, nach Berlin ausgereist. Haben Sie genauere Informationen, warum sie Minsk verließ?

Nina Weller: Ich denke, dass die Nachricht der Ausreise von Svetlana Alexijewitsch gestern viele überrascht und auch in Sorge gebracht hat. Ich habe auch keine sehr viel konkreteren Informationen. In einem Interview auf dem belarussischen Nachrichtenportal tut.by hat gestern ihre Assistentin, die Schriftstellerin Tatjana Tjurina, noch einmal betont, die Ausreise von Alexijewitsch habe nicht unmittelbar mit dem Druck auf den Koordinierungsrat (Alexijewitsch war Mitglied im Präsidium des von der Opposition gegründeten Koordinierungsrates für einen friedlichen Machtübergang. Anm. d. Red.) zu tun. Natürlich fühle sich Alexijewitsch als letztes in Freiheit verbliebenes Mitglied des Präsidiums des Koordinierungsrates im Alltag recht unsicher. Aber ihre Ausreise habe mit einer Preisübergabe bei einem Literaturfestival in Italien zu tun, sie würde außerdem zu einem Literaturfestival nach Schweden reisen. Das sind die Informationen, die von ihrer Assistentin kamen. Es gab auch Informationen, dass sie aufgrund medizinischer Behandlung in Deutschland sei. Um es kurz zu machen: Es wurde von allen Seiten betont, es gebe keine unmittelbaren Gründe, die mit einer persönlichen Sicherheitsgefährdung von Svetlana Alexijewitsch zu tun hätten.

Die Nachricht hat trotzdem Bestürzung und auch Sorge ausgelöst. Welche Rolle hat denn die 72-jährige Swetlana Alexijewitsch in diesem Kampf um Demokratie in Belarus eingenommen?

Sie hat sich seit vielen Jahren ganz eindeutig regimekritisch geäußert, es gab auch schon Jahre zuvor Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen ihren Verlag. Ein anderer Grund ist, dass Alexijewitsch mit ihrer literarischen Erzählweise einen ganz bestimmten Nerv der belarussischen Bevölkerung trifft: Dieses vielstimmige Schreiben, dieses chorische Schreiben, in dem sehr viele unterschiedliche Stimmen eingesammelt werden – das ist eine Art demokratische Stimme.

© picture alliance / Kay Nietfeld

Sie hat ihre Heimat verlassen: die Schriftstellerin Svetlana Alexijewitsch.

Knüpfen Sie in gewisser Weise auch an Svetlana Alexijewitsch an, wenn Sie Ihr Online-Portal "Stimmen aus Belarus" nennen?

Ich denke indirekt schon. Es war nicht unser Ausgangspunkt, aber im Prinzip steht dieses vielstimmige Stimmenvermitteln, das wir über unser Portal praktizieren, in enger Tradition zu dem, was Svetlana Alexijewitsch in ihren Werken tut. Wir versuchen tatsächlich, eine Vielfalt von unterschiedlichen Stimmen, von unterschiedlichen Generationen und aus unterschiedlichen Hintergründen zu sammeln und in Übersetzungen deutschen Lesern zu vermitteln.

Welche Stimmen aus Belarus gibt es da? Was erzählen diese Stimmen?

Als wir unmittelbar nach den Wahlen die Seiten gegründet haben, war der Ausgangspunkt erst erstmal ein sehr persönlicher. Wir haben angefangen mit unseren belarussischen Kollegen und Freunden, die wir übersetzt haben. Das waren viele Menschen aus dem Kulturbetrieb, Schriftsteller, Übersetzer, aber auch aus der Wissenschaft. Mittlerweile haben wir ein sehr breites Spektrum an Stimmen versammelt. Das sind Arbeiterstimmen aus den Automobilwerken, die gestreikt haben und weiterhin streiken. Diese Arbeiter erzählen, dass sie nicht mehr bereit sind, in ihrem Werk zu arbeiten, solange die Wahlen nicht wiederholt werden, solange Lukaschenko nicht abtritt. Wir haben Stimmen von Lehrerinnen. Ganz am Anfang hatten wir auch einen sehr interessanten Bericht aus einem Wahlbüro, wo sehr konkret aufgezeigt wurde, wie die Wahlfälschungen vonstatten gingen. Wir haben Stimmen von Ärzten, teilweise auch anonyme Stimmen, etwa einen anonymen Bericht einer Mutter, die über die Verhaftung ihres Sohnes und die Suche nach ihrem Sohn schreibt. Es gibt einige Berichte von Entlassenen aus den Gefängnissen, die über die fürchterlichen Misshandlungen in den Gefängnissen berichtet haben. Ich würde sagen, wir haben mit dem "Stimmen"-Portal einerseits eine Chronologie der Ereignisse, begonnen bei den Wahlen und den Wahlfälschungen über die Proteste, die Misshandlung und die Polizeigewalt bis hin zu den aktuellen Ereignissen. Gleichzeitig haben wir immer wieder auch Stimmen, die versuchen, aus philosophischer, literarischer oder soziologischer Perspektive zu reflektieren und eine Einordnung dessen zu leisten, was gerade vor sich geht.

Bei den neuesten Posts gibt es beispielsweise einen Psychiater, der die Neurosen Lukaschenkos analysiert hat, aber auch eine Dichterin, die von der Finsternis schreibt, die Hand tastend ausstreckt und jemanden fühlt, der ihre Hand drückt. Für wen sind denn all diese Stimmen? Wie ist die Resonanz darauf?

Ich würde sagen, dass die Resonanz – ähnlich wie das Spektrum der Stimmen – sehr breit ist. Es sind natürlich viele, die sich ganz gezielt mit Belarus beschäftigen, aber auch Menschen, die bisher wenig Ahnung davon hatten. Ich glaube, dass die Stimmen zusätzlich zu den tagespolitischen Nachrichten in den deutschsprachigen Medien noch einmal sehr persönliche, individuelle Schicksale beziehungsweise Eindrücke und Perspektiven auf die Ereignisse übermitteln können.

Svetlana Alexijewitsch hat sich vor ihrer Ausreise an die russischen Intellektuellen gewandt und geschrieben: "Warum schweigt ihr, wenn ihr seht, dass ein kleines, stolzes Volk niedergetrampelt wird?" Ich fand es einen interessanten Begriff, "ein kleines, stolzes Volk". Kommt das auch in den Texten auf Ihrem Portal "Stimmen aus Belarus" rüber?

Ich würde das bestätigen. Man kann an diesen Stimmen auf teilweise ergreifende, berührende und beeindruckende Art und Weise sehen, mit welch erstarkendem Selbstbewusstsein die Belarussen auf die Straße gehen. Dazu kommt: Egal, was man tut, im Moment ist eigentlich alles politisch. Auch eine Nicht-Äußerung ist eine politische Positionierung. Aber man sieht eben sehr deutlich dieses erstarkende Selbstbewusstsein. In einem Post heißt es zum Beispiel: Es geht um eine neue Sichtbarkeit der Belarussen. Sich klar zu machen: Wir werden sichtbar, nicht nur uns einander gegenüber in Belarus, sondern auch im Ausland, in der ganzen Welt. Und davon gibt es eigentlich kein Zurück mehr, wir sind an einem point of no return.

Und es geht auch um Solidarität?

Genau, darum geht es vor allen Dingen. Das ist auch für unsere Seite sehr wichtig, die nicht nur informieren will, sondern auch zeigen will: Menschen in Europa, seid solidarisch!

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