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Im Jenseits helfen Gummistiefel: "Orfeo" in Gelsenkirchen | BR24

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Claudio Monteverdis meisterhafte Oper über die Vorteile der Mäßigung und die Nachteile der Liebe als aufwändige Drei-Sparten-Produktion mit Ballett, Puppentheater und Gesang: Das erwies sich am Musiktheater im Revier als recht düstere Angelegenheit.

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Im Jenseits helfen Gummistiefel: "Orfeo" in Gelsenkirchen

Claudio Monteverdis meisterhafte Oper über die Vorteile der Mäßigung und die Nachteile der Liebe als aufwändige Drei-Sparten-Produktion mit Ballett, Puppentheater und Gesang: Das erwies sich am Musiktheater im Revier als recht düstere Angelegenheit.

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Ja, wenn das so einfach wäre, seine Leidenschaften zu zügeln, dann wäre die Oper vermutlich nie erfunden worden und die Menschheit wäre stattdessen vielleicht immer noch mit Mysterienspielen oder dem Minnesang beschäftigt, also musikalisch im Mittelalter hängen geblieben. Gut, dass Claudio Monteverdi im Fasching 1607 ein neues Kapitel aufschlug und mit ein paar anderen Komponisten die Oper erfand, natürlich erst mal nur für ein paar verwöhnte Schickimicki-Gestalten am Hof von Mantua.

Moderner als manch jüngere Oper

Die waren gewohnt, für ihr Geld alles zu bekommen, und hatten ein paar Stunden Moralpredigt dringend nötig - nicht aufdringlich, nicht platt, sondern möglichst unterhaltsam, und deshalb ist der "Orfeo" auch bis heute so aktuell, ja viel moderner, als manche deutlich jüngere Oper.

© Bettina Stöß/MIR Gelsenkirchen

Orpheus (Khanyiso Gwenxane, vorn) und Puppen

Orpheus wollte bekanntlich seine an einem Schlangenbiss verstorbene Geliebte Eurydike aus dem Jenseits zurückholen, ein Irrsinn, der nur mit seiner rasenden Leidenschaft zu erklären ist. Er scheitert bei dem Vorhaben, er muss scheitern, was ihn wiederum in abgrundtiefe Trauer stürzt. Und weil beides abträglich ist, blinde Liebe und schiere Verzweiflung, muss Vater Apollo eingreifen und Orpheus Mäßigung beibringen, damit der im Himmel weise regieren kann, nämlich ohne emotionale Ausschläge.

Es ist das Stück der Stunde

Ist ja in Zeiten von Trump und Merkel, in der Ära der Verschwörungstheoriker und -Hysteriker durchaus ein Thema. Deshalb war der "Orfeo" kürzlich auch in Nürnberg zu erleben und in der Fassung von Christoph Willibald Gluck in Augsburg. Es ist das Stück der Stunde.

© Bettina Stöß/MIR Gelsenkirchen

Der Himmel stürzt später ein

Das Musiktheater im Revier (MIR) in Gelsenkirchen legte jetzt mit einer besonders aufwändigen Produktion nach und zeigte Monteverdis Standpauke mit Chor, Solisten, Ballett und Puppentheater. Die Moral von der Geschichte wurde in der Regie von Rahel Thiel und der Choreographie von Giuseppe Spota dabei ziemlich in den Hintergrund gerückt. Stattdessen war ihnen wichtig, dass Monteverdi tatsächlich künstlerisch einen völligen Neubeginn wagte.

Da stürzt doch glatt der Himmel ein

Und so wurde der Abend zu einer Verneigung vor diesem Mitbegründer der Oper. Da durften die Windmaschine und das Donnerblech nicht fehlen, die damals, Anfang des 17. Jahrhunderts, wichtige Effektgeräte waren, da wurde mit der Perspektive gespielt, eine Lieblingsbeschäftigung der Renaissance, da regnete es und da stürzte doch tatsächlich der Himmel ein - und zwar buchstäblich, das machte was her. Theater über das Theater also, und auch über den Neustart mitten in der Pandemie: Aus einer scheinbaren Ballett-Probe heraus nahm "Orfeo" seinen Anfang, die Mitwirkenden applaudierten sich zum Auftakt gegenseitig, feuerten sich an, sei es aus Erleichterung, dass es wieder losgeht mit den Premieren-Reigen, sei es aus Begeisterung für eine unverwüstliche Kunstform. Und derselbe Applaus stand auch am Ende, womit Rahel Thiel und Giuseppe Spota einen Kreislauf andeuteten - "Orfeo" fängt also immer wieder von vorn an, wie jeder ernst zu nehmende Mythos.

© Bettina Stöß/MIR Gelsenkirchen

Orpheus wartet auf Vater Apoll

Das war über zweieinhalb Stunden bildstark, aber auch durchweg sehr düster. Die Tänzer waren eher damit beschäftigt, die jeweiligen Gefühle in Bewegungen umzusetzen als die Geschichte zu erzählen. Und die Puppenspieler hatten es im ganzen Gewusel nicht leicht, überhaupt wahrgenommen zu werden - wie übrigens auch Chor und Solisten. Das machte das Zuschauen recht anstregend, wenn auch faszinierend, etwa, als die Tänzer in Gummistiefeln auftraten, die bis zum Rand mit Wasser gefüllt waren. Ein Gleichnis auf die Unterwelt, auf das Wasser als Element des Lebens und des Wandels.

© Bettina Stöß/MIR Gelsenkirchen

Mit Gummistiefeln: Tänzer und Orpheus

Aufregen bringt nichts, abregen auch nicht

Zu monoton dominierte jedoch der Klagegesang, das Jammern des Orpheus, und zu rabenschwarz geriet die Ausstattung von Rebekka Dornhege Reyes. Da wurde der Kontrast zwischen Diesseits und Jenseits leider nicht so recht deutlich. Dazu kam, dass Dirigent Werner Ehrhardt ein durchweg sehr gemächliches Tempo anschlug, ohne sich viel um Stimmungswechsel zu scheren. Das machte die Musik schwergängiger als nötig. Der südafrikanische Tenor Khanyiso Gwenxane war stimmlich entsprechend gravitätisch unterwegs, weshalb ihm die Hochzeitsfreude und Ausgelassenheit des ersten Teils nicht so recht anzuhören waren. Gleichwohl ein opulent bebilderter Versuch über die Ursprünge der Oper, des Lebens und Leidens. Und Monteverdis Botschaft kam rüber: Aufregen bringt nichts, Abregen auch nicht, lieber den Verstand einschalten.

Wieder am 22., 25. und 30. Oktober 2020 am MIR Gelsenkirchen, weitere Termine.

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