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Im falschen Körper geboren: Der Dokumentarfilm "Kleines Mädchen" | BR24

© Audio: BR / Foto: Agat Films & Cie / Salzgeber
Bildrechte: Agat Films & Cie / Salzgeber

Warum muss alles so kompliziert sein? Regisseur Sébastien Lifshitz schildert in "Kleines Mädchen" den Alltag des französischen Transkindes Sasha.

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Im falschen Körper geboren: Der Dokumentarfilm "Kleines Mädchen"

Wie geht es einer Siebenjährigen, die als Junge geboren wird und sich als Mädchen fühlt? Ein Jahr lang hat Sébastien Lifshitz in Frankreich ein Transkind mit der Kamera begleitet, die kleine Sasha. Eine sensible Annäherung an ein schwieriges Thema.

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Von
  • Moritz Holfelder

Wie beginnen? Sébastien Lifshitz hatte nach Gesprächen mit erwachsenen Transgendern die Idee, einen Film über ein Transkind zu drehen, nur: Wie findet man so jemanden? "Man kann nicht einfach in eine Schule spazieren und sagen, man suche ein Transkind", sagt Lifshitz im Interview. Er hat dann im Internet geforscht, "in Web-Foren, wo Eltern sich mit ihren Fragen und Gedanken an Menschen mit vergleichbaren Herausforderungen wenden: an Väter und Mütter mit Kindern, die in der falschen Haut stecken." Solche Eltern fühlen sich oft allein gelassen, erklärt Lifshitz. Für sie sei das alles neu und sie suchten auf viele Fragen nach Antworten. Gefunden hat der französische Regisseur über ein Forum die 7-jährige Sasha, die schon immer wusste, dass sie ein Mädchen ist, auch wenn sie als Junge geboren wurde.

Der Film beginnt mit der Intimität des Ankleidens. Man sieht, wie die kleine Sasha sich in ihrem halbdunklen Zimmer ein Glitzerkleid überzieht und dann unterschiedliche Kopfbedeckungen ausprobiert. Ein Stirnband. Sie streift es wieder ab und meint beiläufig "vielleicht". Einen Hut. "Nein, nein", erklärt die junge Dame. Ein Tuch. "Vielleicht auch". Als nächstes eine Schneeballschlacht mit der ganzen Familie in der Natur. Beiläufige Beobachtungen. Sasha beim Spielen, beim Tanzen oder bei den Sitzungen mit einer Therapeutin, die auf Geschlechtsidentitäten spezialisiert ist. Man ist mitten drin in diesem Film mit seiner bisweilen märchenhaften Atmosphäre. Probleme werden benannt, aber nicht zerredet.

"Sasha ist ein Mädchen!"

Viel Zeit lässt sich Sébastien Lifshitz für den Alltag. Auch für Gespräche. Die Kamera begleitet etwa die Mutter, wenn sie eine Sprechstunde mit einem Psychologen hat und dem erzählt, wie das alles gekommen ist: "Sasha hat schon immer gesagt: Wenn ich groß bin, werde ich ein Mädchen. So im Alter von zwei, drei Jahren. Anfangs habe ich das als Mutter gar nicht verstanden, eben, dass das keine Phase ist, die vorbeigeht. Sasha hasst ihren Schniedel und ebenso, dass sie nicht eines Tages ein Baby im Bauch haben kann. Sasha IST ein Mädchen!" So erklärt es die Mutter dem Arzt, als müsse sie sich das immer wieder auch selbst bestätigen. Lange Zeit hat sie gehadert.

Fast vier Minuten dauert dieses Gespräch im Film. Die Mutter ist den Tränen nahe. Der Arzt befragt sie zur Schwangerschaft. Ihrem Kinderwunsch. Zu ihrer Hilflosigkeit. Sébastien Lifshitz hat diese Szene mit großem visuellen Fingerspitzengefühl aufgebaut. Anfangs sind beide Gesprächspartner mittels einer Halbnahaufnahme zu sehen. Dann kommt er den Gesichtern näher. Schnitt. Gegenschnitt – und ein kleiner Schwenk vom einen zum anderen. Der Dialog entwickelt eine gewisse Dynamik. Diese Kunst des behutsamen Herankommens prägt den ganzen Film.

Zärtlicher Blick

In der Schule muss Sasha Jungenkleidung tragen. Es gibt ein abweisendes Umfeld, auch viel Unverständnis – aber daraus macht Lifshitz keinen Problemfilm, sondern betont eher eine Utopie der Veränderung: Vielleicht ist Sasha auf der Welt, um Einstellungen und Haltungen zu verwandeln, sagt die Mutter einmal. Ungemein zärtlich sind die Bilder in "Kleines Mädchen". Berührend. Sasha wirkt bisweilen, als würde sie uns Erwachsenen einfach sagen wollen: Warum muss alles so kompliziert sein? Wo ist euer Problem?

Den Dokumentarfilm "Kleines Mädchen" gibt es als DVD und er ist online als Video on Demand im Salzgeber Club zu sehen.

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