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Digitale Einsamkeiten: Brechts "Dickicht der Städte" in München | BR24

© Münchner Kammerspiele

"Im Dickicht der Städte" an den Münchner Kammerspielen

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Digitale Einsamkeiten: Brechts "Dickicht der Städte" in München

Nicht um Klassenkampf, sondern um die Vereinzelung des Menschen geht es Regisseur Christopher Rüping in seiner Inszenierung an den Münchner Kammerspielen. So wird ein schwieriges Frühwerk Bert Brechts zum Spiegel eines sehr zeitgenössischen Gefühls.

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Irgendwo hat dieses "Dickicht der Städte" tatsächlich doch einen Plot. E: einen merkwürdigen zwar, einen aufgesplitterten, einen in sich auch nicht wirklich schlüssigen, doch da gleicht der Plot dem Stück, das sprachlich hoch aufschießt und zugleich aus Fragmenten zu bestehen scheint. Und das mehr einem krassen poetischen Gestus folgt als einer dramaturgischen Leitlinie. Es ist der sehr junge Brecht, der dieses Stück vor knapp 100 Jahren schrieb. Es ist der noch wilde, zügellose Dichter, der sich noch nicht hat einschränken lassen durch ideologische Scheuklappen und knöcherne Moral.

Ein Ringkampf in elf Runden

Und so entwirft er sein "Dickicht der Städte" in dem es um Einsamkeit geht und Nähe und um Macht und Unterwerfung, als eine Art Ringkampf in elf Runden. Im Laufe des Stückes wird der reiche Holzhändler dem armen Leihbüchereifachangestellten seinen Besitz überschreiben und sich von ihm erniedrigen lassen. Und dieser wiederum wird eben diesen ihm überlassenen Betrieb zugrunde richten und wird zugleich dabei zusehen müssen, wie seine Freundin und seine Schwester in die Prostitution getrieben werden. Und so bekriegen sie sich – Runde um Runde – bis zum bitteren Ende und können zueinander nicht kommen.

© Münchner Kammerspiele

Bilder der Vereinzelung: "Im Dickicht der Städte" Münchner Kammerspiele

Im Dickicht digitaler Einsamkeiten

Christopher Rüping und sein Team in den Münchner Kammerspielen haben nun versucht, dieses Kämpfen, das Bertolt Brecht mit hochschäumendem Expressionismus zu ertasten suchte, szenisch ebenso expressiv auf die Bühne zu bringen. Dabei ist von Beginn an sichtbar, dass es hier nicht um Themen wie Klassenkampf und Ausbeutung geht, die den modernen Großstädter vor 100 Jahren prägten und in die Vereinzelung trieben. Nein: Rüping und sein Ensemble setzen eher auf Zeitgenössisches, auf die digitale Vereinsamung, und so sitzt bereits vor dem Beginn der eigentlichen Aufführung Gro Swantje Kohlhof in einer menschhohen Plastikblase im Foyer und klickt sich durch die erbärmliche Einsamkeit von Messaging-Diensten und Dating-Portalen.

Später dann wird sie im Gendercross den Leihbüchereifachangestellten darstellen, der in einer ebensolchen Blase auf die Bühne gerollt wird. Die ist im Übrigen vollgestellt mit Flightcases, die wahlweise Bücherschränke, Plattenspieler, Figurinen oder auch einmal eine vierfüßige Badewanne beherbergen. Christopher Rüpings Inszenierungen machen in ihrer Prozesshaftigkeit immer auch deutlich: Hier entsteht gerade Theater. Gern wird dabei auch das Publikum mit einbezogen, wie hier, wenn eine Kamera einzelne Gesichter im Publikum in den Blick nimmt und dazu traurig-sensible Geschichten von Einsamkeit improvisiert werden, bevor Brecht dann sprachlich wieder zuschlägt: "Die Menschenhaut im natürlichen Zustande ist zu dünn für diese Welt. Deshalb sorgt der Mensch dafür, dass sie dicker wird. Alle Leiden können bekämpft werden durch dicke Haut, nur nicht das letzte, das unheilbare: die Langeweile."

Dünnhäutiger werden

Langweilig wird einem nie in diesem Münchner "Dickicht der Städte" was sicherlich auch daran liegt, dass man das Gefühl hat, auf der Bühne nicht Figuren, sondern fünf Spielern, fünf Menschen dabei zuzuschauen, wie sie eben gerade nicht dick-, sondern dünnhäutiger werden. Wie sie sich dieses in unserer Gesellschaft so brachliegende Bedürfnis nach Nähe über das Paradox des Kampfes zu eigen machen, bis sie – sich küssend – ihren Text der Einfachheit halber an die Souffleuse abgeben oder zum Gruppenknuddeln mal eben unter einer Steppdecke verschwinden. Und so wird Brechts im Grunde ziemlich krudes Stück in dieser neuen Inszenierung von Christopher Rüping spielerisch zum Spiegel eines sehr zeitgenössischen Gefühls.

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