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80 und kein bisschen müde: Die Illustratorin Binette Schroeder | BR24

© Bayern 2

Lupinchen, die traurige Puppe: Unglaubliche 50 Jahre ist es her, dass die Bilderbuchfigur Kinderherzen in aller Welt erobert hat. Ihre Erfinderin Binette Schroeder wird heute 80 und hat noch jede Menge andere Erfolge vorzuweisen.

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80 und kein bisschen müde: Die Illustratorin Binette Schroeder

Lupinchen, die traurige Puppe: Unglaubliche 50 Jahre ist es her, dass die Bilderbuchfigur Kinderherzen in aller Welt erobert hat. Ihre Erfinderin Binette Schroeder wird heute 80 – und hat noch jede Menge andere Erfolge vorzuweisen.

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Bei allem angeborenen Talent: Eine gute handwerkliche Ausbildung an der heutigen Schule für Gestaltung in Basel nennt Binette Schroeder das Geheimrezept ihres Erfolgs. Nur so konnte sie den ihr eigenen Stil vervollkommnen: malerische, höchst aufwendige Bilder, in denen die Landschaften als Stimmungsträger fungieren. Figuren, denen man den Charakter noch von den Schuhspitzen ablesen kann. Tiere, deren gemalte Felle und Federn die Originale erblassen lassen. Klar: Mit solchen Kunstwerken illustriert man keine eindimensionalen Friede-Freude-Eierkuchen-Geschichten. Binette Schroeder geht es um das ganze Spektrum menschlicher Emotionen: um Trauer, Einsamkeit, Ärger, Wut oder Angst – vor der Dunkelheit zum Beispiel, oder dem Alleinsein.

Persönliche Geschichten als Ausgangspunkt

Hinter vielen ihrer Bücher stehen persönliche Geschichten. Lupinchen etwa, die Protagonistin ihres wohl bekanntesten Buchs, ist eine traurige Puppe. Zerstreut pflanzt sie eine ganze Reihe Bäume verkehrt herum in ihren Garten, mit der Wurzel nach oben. Natürlich können daraus nur Trauerweiden werden. Entstanden ist die Figur, als Binette Schroeder sich als junge Frau mal mit Liebeskummer im Bett verkrochen hatte.

"Ich hab immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die Kinder angesprochen werden – gerade durch die Traurigkeit, und dass sie das beschäftigt, bewegt und berührt", erzählt die heute 80-Jährige. "Aber das ist nicht so, dass Kinder das ablehnen, sondern ich denke das ist wie so ein kleiner Spiegel und da spiegeln sich eigene Erfahrungen, jedes Kind kennt Traurigkeit. Und jeder will immer nur fröhlich sein und in allen Kinderbüchern soll es lustig zugehen und Traurigkeit wird ausgeblendet. Ich denke aber auch die Traurigkeit spielt eine wichtige Rolle."

Die neidvollen Ritter Rüstig und Ritter Rostig entstanden nach einem Streit mit Nachbarn. Auch die Geschichte vom Traktor Max, der nach Dauerregen im Acker steckenbleibt, während der alte Gaul vom Nachbarn schon wieder einsatzbereit ist, beruht auf selbst erlebtem. Authentizität ist die Grundlage der Arbeit von Binette Schroeder.

© picture alliance / Eventpress

Illustratorin Binette Schroeder bei einem Pressetermin 2015

Der Froschkönig war eine schwere Geburt

Sind es mal nicht ihre eigenen, sondern fremde Stoffe, die sie bebildert, setzt sie sich lange damit auseinander. Mit dem Froschkönig hatte sie anfangs Probleme: Erst sichert die Prinzessin dem Frosch alles Mögliche zu, nur damit er ihre goldene Kugel wiederbringt, und dann will sie ihre Versprechen nicht halten!

"Das war ein ganz langer Prozess, bis mir aufgegangen ist was dieses Mädchen leistet", erinnert sich Schroeder, "dass die sich gegen diese Kerle durchsetzt, und sich befreit von der Dominanz des Vaters und von diesem Frosch, der bestimmt, was sie machen soll. Und dass sie dann sagt: Mit mir nicht! Dann knallt sie den Kerl an die Wand – und wird beschenkt mit einem Prinzen, das ist so unglaublich. Das hat gedauert, bis ich diese positive Seite entdeckt habe, dass das eigentlich die Emanzipation einer jungen Frau ist."

Authentizität in Handarbeit

Zur Authentizität gehört auch das Zeichnen mit der Hand. Den größten Raum in ihrem Gräfelfinger Wohnzimmer nimmt ein riesiger Schreibtisch ein, mit Hunderten von Stiften darauf, auch eine Staffelei gibt es. Illustrationen aus dem Computer sind Binette Schroeder fremd: "Es ist gar nicht so, dass ich das prinzipiell ablehne, ich halte es nur für gefährlich, wenn digitale Gesichter so gleichgeschaltet sind, mehr oder weniger die gleichen Münder haben, und mal lachen und weinen sie und mal sind sie ernst. Aber diese Arbeit mit dem Pinsel, wo man ein Gefühl hineinarbeitet, was dann auch vielleicht von einem selbst ist, das alles spiegelt sich doch darin – also das kommt dann zu kurz. Und ich finde es wichtig, dass Kinder mit echten Gefühlen konfrontiert sind. In irgend so einem vorgefertigten Grinsen kann man sich nicht spiegeln."

© NordSüd Verlag

Cover des Sammelbands "Bilderbuchbrunnen" von Binette Schroeder

Die traurige Puppe Lupinchen, die streitsüchtigen Ritter Rüstig und Ritter Rostig, oder Florian und der Traktor Max: Die Bilderbücher der Illustratorin Binette Schroeder gehören zu den schönsten in Deutschland. Weil viele ihrer Bücher vergriffen sind hat der NordSüd-Verlag nun unter dem Titel "Bilderbuchbrunnen" einen Sammelband mit den schönsten Geschichten von Binette Schroeder herausgegeben. Die Internationale Jugendbibliothek im Münchner Schloss Blutenburg zeigt außerdem noch bis zum 14. März die Ausstellung "Oh, wie bezaubernd schön!" mit Briefumschlägen, die die Illustratorin seit Jahrzehnten an Freunde verschickt und mit den dazugehörigen Bemalungen die Grenzen des deutschen Postgesetzes austestet.

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