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Büchereien wollen E-Books direkt nach Erscheinen ankaufen dürfen, um die "digitale Teilhabe" für ihre Nutzer zu verbessern. Verleger halten das für "infam" und fürchten um ihre Einnahmen. Will die Politik nur den Leihverkehr billiger machen?

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"Ihr spinnt": Bibliotheken und Verlage streiten über E-Books

Büchereien wollen E-Books direkt nach Erscheinen ankaufen dürfen, um die "digitale Teilhabe" für ihre Nutzer zu verbessern. Verleger halten das für "infam" und fürchten um ihre Einnahmen. Will die Politik nur den Leihverkehr billiger machen?

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Von
  • Peter Jungblut

Dicke Luft zwischen Verlagen und Bibliotheken: Sie verdächtigen sich gegenseitig, hinterrücks den jeweils anderen über den Tisch ziehen zu wollen. Für Petra Büning vom Bundesvorstand des Deutschen Bibliotheksverbandes ist die Sache ziemlich einfach. Der Trend gehe eindeutig dazu, "mehr elektronisch zu lesen", etwa 30 Prozent der Nutzer seien E-Book-Fans. Also müssten die Büchereien auch in die Lage gebracht werden, deren Wünsche zu erfüllen: "Vor allem haben die Bibliotheken ja den gesellschaftlichen Auftrag, allen Menschen den ungehinderten Zugang zum Wissen zu ermöglichen, und das ist im Moment noch nicht geregelt. Das heißt, wir haben die Situation, dass Verlage den Ankauf von E-Books durch Bibliotheken zum Teil gar nicht oder erst sehr spät nach Erscheinen ermöglichen. Das ist der Grund, warum wir auf diese Lage noch einmal aufmerksam machen wollten."

Bibliotheken: "Keine 'Kannibalisierung' angestrebt"

Es gehe um eine gesetzliche Regelung, wonach Verlage gezwungen wären, Büchereien auch nagelneue E-Books zur Verfügung zu stellen. "Es geht uns überhaupt nicht darum, dass wir E-Books kostenfrei bekommen", so Petra Büning gegenüber dem BR, "sondern wir wollen natürlich einen angemessenen Betrag bezahlen. Wir haben auch ein großes Interesse daran, dass Autoren und Verlage angemessen entlohnt werden." Von einer angestrebten "Kannibalisierung" könne überhaupt keine Rede sein.

Für den Printbereich gebe es die "Bibliothekstantiemen", wonach für jeden Ausleihvorgang ein fester Betrag über die Bundesländer an die Urheber abgeführt werde: "Wir haben überhaupt kein Interesse, dass dieses Verfahren ausgehebelt wird, sondern wir würden uns wünschen, dass es für die E-Book-Leihe ein entsprechendes System gibt." Zum Vorwurf der Verleger, es gehe der Politik, die die Büchereien finanziert, letztlich nur darum, die Kosten zu senken, sagte Büning dem BR, "dieser Gedanke" sei ihr "noch nie untergekommen".

© Jens Büttner/Picture Alliance

Spannende Lektüre

Verleger Jo Lendle vom Münchner Carl-Hanser-Verlag, der auch Mitglied im Verlegerausschuss des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ist, hält den Vorstoß des Bibliotheksverbandes für "geradezu infam". Er rechnet gegenüber dem BR vor, dass nach seinen Kalkulationen ein E-Book in der Bücherei 33 Mal ausgeliehen werden müsste, damit ein Verlag über die Lizenz-Einnahmen ebenso viel Geld einnimmt wie mit einem einzigen gedruckten Exemplar: "Ich habe das Gefühl, die Politik, die die Bibliotheken ja finanziert und auf diesem Ohr auch sehr hellhörig ist, soll eingeladen werden, das, was so aufwändig finanziert wird, könnte eigentlich 'kundenfreundlicher' und 'günstiger' sein, und da müssen wir als Verleger eben sagen: Stoppt mal, so werden keine neuen Bücher geschrieben werden, wenn wir unseren Autoren nicht zusichern können, dass sie damit auch Erlöse haben. Es ist ja kein Wunder, dass nach der Verlautbarung des Bibliotheksverbandes jetzt 14 Urheberverbände, die über 15.000 Autorinnen und Autoren vertreten, einen wütenden, sich mühsam mäßigenden Offenen Brief geschrieben haben, in dem sie sagten, Leute, das geht nicht, ihr spinnt!"

"Das würde die Verkäufe merklich trüben"

Verlage seien nun mal "kein Selbstbedienungsladen", so funktioniere das Geschäft nicht auf Dauer: "Ich habe ja keine Kaffeeflecken in einem ausgeliehenen E-Book wie in einem Buch aus der Bibliothek. Und es ist genauso einfach, ein E-Book aus der Bücherei zu leihen, wie es von irgendeiner Plattform runterzuladen, nur: Im Unterschied zu dort kostet es nichts. Das würde natürlich signifikant und merklich die Verkäufe gerade der gutgehenden Neuerscheinungen trüben."

© Antonio Guillen Fernández/Picture Alliance

E-Book-Leser: Paar bei der Lektüre

Lendle verteidigt die Politik der Verlage, erfolgreiche neue E-Books erst nach einer Wartezeit von einigen Monaten oder einem Jahr an Büchereien zu verkaufen: "Es gibt ein Fenster der Aufmerksamkeit, wo die Bücher im gebundenen Zustand zu einem höheren Ladenpreis verkauft werden, und danach gibt man ihnen ein zweites Leben für die 'günstigere' Breite als Taschenbuch und dann eben auch über die Bibliotheken."

"Sonderkonjunktur der E-Books" in der Pandemie

Laut einer Statistik des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hat sich das Interesse an E-Books in der Pandemie neu belebt. Während der Markt 2019 sogar leicht schrumpfte, wurden im ersten Halbjahr 2020 18,8 Millionen Exemplare verkauft, das sind fünfzehn Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Für Verleger Jo Lendle ist das eher eine "Sonderkonjunktur, die sich auch wieder ein bisschen legen" werde. Insgesamt entspricht das Geschäft mit dem E-Book derzeit rund 7,5 Prozent des Gesamtumsatzes auf dem Buchmarkt. 2019 gaben die Käufer für ein E-Book durchschnittlich 6,32 Euro aus. Von den 3,6 Millionen Lesern, die überhaupt E-Books erwarben, wurden durchschnittlich rund neun Titel pro Jahr bestellt.

In den Vereinigten Staaten hat sich das E-Book sehr viel früher durchgesetzt als in Europa, inzwischen gehen die Verkaufszahlen dort aber merklich zurück. So teilte der amerikanische Verlegerverband im vergangenen Juli mit, dass der Umsatz mit E-Books im Jahr 2019 bei 1,94 Milliarden Dollar lag, was einem Rückgang um 4,9 Prozent entspricht. Allerdings halten sich die E-Books damit immer noch besser als gedruckte Ausgaben: Seit 2015 schrumpfte der Umsatz mit Print-Büchern um 30,8 Prozent. Sehr gefragt sind in den USA dagegen Audio-Books, die um 15,9 Prozent zulegen konnten. Damit hat sich ein mittelfristiger Trend einmal mehr bestätigt: Seit 2015 "explodierte" das Geschäft mit dem Download von Hörbüchern regelrecht, um insgesamt 143,8 Prozent. Jo Lendle erwartet in nächster Zeit auch in Deutschland deutliche Zuwächse im Audio-Bereich, in Schweden sei das schon jetzt so: "Aber auch da stellen sich dann Fragen wie zum Beispiel beim Streaming."

Mit dem derzeit gültigen E-Book-Leihsystem "Onleihe" können die Kunden von Leihbüchereien hierzulande zwei Wochen lang die bestellten Inhalte nutzen, danach wird die Datei automatisch unbrauchbar gemacht und ein anderer Leser kann sich den Inhalt elektronisch ausleihen. Die Verlage können selbst entscheiden, welche E-Books für den Leihverkehr freigegeben werden und ob das sofort nach Erscheinen geschieht oder erst mit einigen Monaten Verzögerung. Der Verkaufspreis an die Büchereien liegt dann in der Regel über dem üblichen Ladenpreis für Einzelnutzer.

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