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"Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen" | BR24

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Franziska Heinisch über das Buch: "Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen"

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"Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen"

Das Thema Klimakatastrophe hat das Jahr 2019 beherrscht, wie kein anderes. Rettung ist aber nicht in Sicht - finden acht junge Autor*innen und schreiben ein Manifest, anklagend und konstruktiv. Denn es ist die letzte Chance zu handeln.

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Es ist ein kämpferisches Buch von acht Autor*innen, alle Mitglieder im Jugendrat der Generationen Stiftung, alle zwischen 15 und 25 Jahre jung. Entstanden in einer Zeit voller schlechter Nachrichten für das Klima – und in der Überzeugung: Wir stehen auf der Kippe. Letzte Chance zu handeln! Es beginnt mit einer Art Anklage an alle, die die Klimakatastrophe klein reden wollen. Aber dann wird es richtig konstruktiv. Joana Ortmann hat mit Franziska Heinisch vom Jugendrat der Generationen Stiftung und einer der Autor*innen des Buches "Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen" gesprochen.

Joana Ortmann: Sie versprechen im Titel einen Plan zur Rettung der Zukunft – eigentlich sind das viele kleine und große Pläne, die – das sagen Sie auch ganz offen – der Gesellschaft und der Politik einiges abverlangen.

Franziska Heinisch: Ja, das stimmt, weil wir ja von den politischen Entscheidungsträgern Ehrlichkeit einfordern. Insofern sind wir der Überzeugung, dass wir selbst diese Ehrlichkeit auch liefern müssen. Wir sprechen aber eben nicht nur von Verboten. Wir sprechen davon, dass ein grundlegender Wandel in unserem Denken und Handeln stattfinden muss. Es ist einfach so, dass die Klimakrise unsere komplette Lebensgrundlage infrage stellt. Und wir sollten dementsprechend konsequent reagieren. Das erfordert nicht in erster Linie Verbote, sondern das erfordert zum Beispiel auch, dass wir endlich aufhören, einen umweltschädlichen Lebensstil mit über 750 Milliarden Euro im Jahr zu subventionieren, allein in Deutschland. Dass wir zum Beispiel umweltfreundliches Verhalten zum Standard machen. Aber diese Ehrlichkeit, dass unser Lebensstil sich wandeln wird, dass er nicht notwendigerweise nur reduziert wird, sondern dass in dieser Reduktion auch ein neuer Wert liegen kann, die muss man schon mitbringen, wenn man anderen vorwirft, keinen Plan zu haben.

Sie werfen große Fragen auf: Wie kann man das Klima retten? Wie mit dem entfesselten Markt umgehen? Wie die Arbeitswelt auf die Zukunft vorbereiten? Nehmen wir mal das Beispiel "einen ökologischen Kollaps vermeiden". Da sind einige der von Ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen zum Beispiel: Schluss mit Inlandsflügen, Schluss mit fetten Autos, Ausstieg aus dem Kohleabbau – und zwar sofort, eine erhöhte EU-weite CO2-Abgabe. Also teils persönliche, teils politische, teils wirtschaftliche Forderungen…

Diese teilweise drastischen Maßnahmen, die wir fordern, haben wir ja nicht einfach so in den Raum gestellt, sondern das beruht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wir haben das mit vielen Wissenschaftler*innen abgeglichen und uns gefragt, was eigentlich an konkreten Maßnahmen notwendig wäre. Und das ist das Ergebnis davon. Der Klimakrise muss man immer voranstellen, dass die Maßnahmen natürlich drastisch sind und unsere grundsätzliche Lebensweise in Frage stellen. Man kann nicht irgendwelche Kompromisse schaffen, weil nun mal die physikalischen Grundlagen, die Zahlen nicht auf Kompromisse reagieren. Man kann kein anderes Verständnis von der Klimakrise haben, als dass sie eine Krise ist. Und alles, was wir nicht heute an drastischen Maßnahmen ergreifen, wird in Zukunft einen noch viel größeren Wandel erfordern und wird noch viel brutaler, um dieses Wort einmal zu verwenden, in unsere Lebensweise einschlagen. Insofern ist das, was wir fordern, eigentlich das Minimum.

Aber Sie denken schon, dass die Staatsform, die für die Umsetzung geeignet ist, die Demokratie wäre?

Absolut. Wir sehen nur das Problem, dass gerade Politiker*innen die Demokratie vorschieben, die sagen: "Ja, so schnell funktioniert Klimaschutz nun mal nicht. Unsere Demokratie lebt nun mal von Kompromissen." Angela Merkel rechtfertigt das Klimapaket mit einer Aussage, die ich sehr erschreckend finde, sie sagt: Politik ist das, was möglich ist. Und jetzt stellen wir uns die Frage, wenn Politik angeblich das sein soll, was möglich ist, aber nie das schafft, was nötig ist, wie kann das denn die Zukunft sein? Also, wir stellen nicht die Demokratie in Frage, wir wollen keine Ökodiktatur, aber wir fragen uns: Wie muss unsere Demokratie ausgestaltet sein, dass der Faktor Zukunft dort ernsthaft eine Rolle spielt? Und dass wir nicht nur das schaffen, was möglich ist, sondern das, was nötig ist.

Ein spannender Punkt in Ihrem Buch. Warum ist es so zäh, diese politische Kultur der Demokratie zu ändern?

Es ist der Politikstil oder die Art und Weise, Demokratie zu leben, die für diese Langsamkeit sorgt. Der Faktor Zukunft spielt in demokratischen Prozessen keine ernsthafte Rolle. Erstens, weil junge Menschen kaum repräsentiert sind, was man beim Altersdurchschnitt in Parteien und im Bundestag sieht. Junge Menschen sind aber auch von der Wahl ausgeschlossen. Und auch ansonsten ist zum Beispiel so etwas wie Art. 20a im Grundgesetz, der eigentlich den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen für kommende Generationen postuliert, als Staatsziel absolut wirkungslos. Der Faktor Zukunft spielt einfach eine geringere Rolle als der Faktor Macht in Bezug auf die nächste Wahl. Das ist natürlich fatal, aber das sind ja Spielregeln, die man ändern kann – auf demokratischem Wege. Und insofern ist unser Kapitel zu Demokratie und sind die Bedingungen und die Veränderungen, die wir einfordern, sicherlich drastisch. Aber sie sind vor allen Dingen eine Einladung, unsere Demokratie tatsächlich wieder mit neuem Leben zu füllen.

Das Wirtschaftssystem und das Thema Geld nehmen auch viel Platz in Ihrem Buch ein. Zur Umsetzung Ihrer Forderungen bräuchte es Geld, das derzeit allerdings in den Händen derer ist, die am bestehenden System festhalten wollen…

Natürlich kosten unsere Forderungen Geld. Und natürlich erfordert es Mut, dieses Geld in die Hand zu nehmen und zu investieren. Vieles, was wir einfordern, ist gar nicht so abwegig wie man vielleicht denken mag. Wir investieren in Deutschland über 750 Milliarden Euro jährlich in umweltschädliche Subventionen. Das könnte man ja einfach ändern in umweltfreundliche Subventionen. Da hat man schon 60 Milliarden Euro, die für Klima und Umweltschutz investiert werden können. Das widerspricht ja nun wirklich überhaupt nicht irgendeinem gesunden Menschenverstand. Nur fordert das politischen Mut, das ist klar. Beruhigend finde ich: Dieses Geld ist da. Beunruhigend finde ich, dass es jetzt noch an den falschen Stellen ist. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass es mit einer mutigen Politik an den richtigen Stellen investiert werden kann. Und wenn uns eine Sache das Geld wert sein sollte, dann ist es doch die Rettung unserer Zukunft.

© Blessing Verlag/ Montage BR

Cover Buch: Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen!

Der Jugendrat der Generationenstiftung, Claudia Langer (Hrsg.): "Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen!" ist bei Blessing erschienen.

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