BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Idylle vs. Großstadt: Wo es die Menschen wirklich hinzieht | BR24

© Audio: BR / Bild: picture alliance / VisualEyz

Die Stadt braucht das Land – sagt der Kulturgeograf Werner Bätzing

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Idylle vs. Großstadt: Wo es die Menschen wirklich hinzieht

Großstädter lieben das Land, aber wo fängt das Land eigentlich an? Ist es wirklich so idyllisch wie manch Cover im Zeitschriftenladen vermuten lässt? Der Kulturgeograf Werner Bätzing erklärt, warum das Landleben eine gefährdete Lebensform ist.

Per Mail sharen
Von
  • Judith Heitkamp

Staudenpracht in Bauerngärten, große Picknick-Tafel vor dem malerischen Scheunentor, eine hohe Linde, ehrliche Ziegelsteine, grün lackierte Gießkannen und frischer Apfelkuchen, selbstgebacken selbstverständlich und mit eigenen Äpfeln. All das kriegt man jetzt junihaft üppig in den einschlägigen Zeitschriften, die die Träume vom zufriedenen Landleben vermarkten. Verbreitete Träume offenbar, sonst liefe das ja nicht so gut. Andererseits dürfte das wenig mit dem Alltag der meisten Träumenden zu tun haben, aber auch wenig mit dem Leben auf dem Land wie es im wirklichen Leben ist. Der Kulturgeograf Werner Bätzing hat ein Buch über das Landleben geschrieben, Judith Heitkamp hat mit dem emeritierten Professor der Universität Erlangen-Nürnberg darüber gesprochen.

Judith Heitkamp: Was drücken solche Landleben-Träume aus, dass wir alle im Innersten sehr schollenverbunden sind und eigentlich ganz anders leben wollen?

Werner Bätzing: Heute glaubt man ja leicht solche Bilder des Landlebens, dieses idyllische Landleben, dieses schöne, harmonische Landleben, das wäre eine ganz normale Vorstellung, die es schon immer gegeben hätte. Da muss man aber sagen das ist gar nicht der Fall. Wenn wir etwas zurückdenken in die 60er, 70er, 80er-Jahre, da war eher die Stadt das Modell und da galt das Land als rückständig, als borniert, als beschränkt, und das hat sich erst vor einiger Zeit wieder geändert. Und meine These ist: Ursache dafür ist die Globalisierung, die unsere Lebenswelt so stark verändert hat, die viele Menschen praktisch beunruhigt, verunsichert und deswegen entsteht in diesem Kontext auf einmal diese neue Aufwertung des Landlebens als Idylle.

Das ist aber eine theoretische Neuaufwertung, oder? Wir verzeichnen jetzt keinen Boom der Stadtflucht in Richtung Land auf den eigenen Bauernhof.

So ist es. Wenn man sich die konkreten Zahlen anguckt, also wie viele Menschen leben im ländlichen Raum, wie viele Menschen ziehen jährlich in die Stadt, und wie viele Menschen kommen von der Stadt aufs Land, da muss man sagen, das Landleben wird nicht aufgewertet. Im Gegenteil, es wird weiter abgewertet, das Land verliert Einwohner, die Altersstruktur wird immer höher. Zahlreiche Infrastrukturen wie Bäcker, Metzger, Laden, Kneipe und so weiter gehen verloren und die Arbeitsplätze werden abgebaut, weil sie immer stärker im städtischen Kontext konzentriert werden.

Ich habe mal ein bisschen darüber nachgedacht, wann man eigentlich anfängt, auf dem Land zu sein. In Bayern denkt man wahrscheinlich gleich an Oberbayern und an Berge im Hintergrund und Landhausstil. Dazu ist mir eingefallen: Küchenmärkte und Einrichtungshäuser. Und die liegen ja meistens in den Gewerbegebieten, an den Außenrändern von Gemeinden, also in den Zonen, die für Verstädterung stehen und für Flächenfraß natürlich auch. Das würde man ja auf keinen Fall schon mit Land assoziieren. Wo fängt denn Land an?

Das ist eigentlich eine sehr schwierige Frage. Ich würde ganz einfach sagen, Land haben wir da, wo wenig Menschen leben, wo die Siedlungen klein sind. Und dann gibt es eine ganz einfache Definition, nämlich 150 Einwohner pro Quadratkilometer. Das kann man so als Richtschnur nehmen. Und das bedeutet, die gesamten suburbanen Räume um die großen Städte herum sind städtische Räume und keine ländlichen Räume, obwohl viele Gemeinden sich gern einen ländlichen Anstrich geben und ihre ländlichen Traditionen betonen. Die meisten Menschen wohnen in diesem suburbanen Raum, aber arbeiten in der benachbarten Stadt, und deswegen sind es keine ländlichen Räume.

Aber ich glaube zum Wunsch gehört doch nicht nur Platz, also wenig Menschen pro Fläche, sondern schon auch so ein kleines, idyllisches Zentrum mit einem Bäcker und einer Kirche und einem Dorfplatz und Treffpunkt.

Das ist der Wunsch, der allen Menschen im Kopf steht. Und da fällt mir immer Tucholsky ein: 'Ja, das möchste: vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße...' aber das geht nicht. Und wenn man glaubt, man könnte das im suburbanen Raum, also im Raum um die Städte herum umsetzen, dann gibt das eine unglaubliche Zersiedlung: mit einem unglaublichen Flächenverbrauch, mit anonymen Raumstrukturen und einer ganz unguten Entwicklung. Deswegen sage ich ganz klar: Das Land muss ländlicher und die Stadt wieder städtischer werden.

© Jon Duschletta - Engadiner Post

Die Stadt braucht das Land, sagt der Kulturgeograf Werner Bätzing

Ich habe es ja noch nicht verraten: Ihr Buch hat auch einen Untertitel und der heißt "Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform". Obwohl das ja für die meisten von uns wahrscheinlich doch erstmal ein fernliegender Gedanke ist, dass es das Landleben vielleicht irgendwann nicht mehr geben könnte. Könnte das wirklich sein?

Das könnte wirklich sein. Wenn wir die aktuelle Entwicklung der letzten 30 Jahre in die Zukunft weiterziehen, dann können wir sagen, dass in 30 Jahren große ländliche Räume eventuell gar nicht mehr existieren, weil die Menschen gestorben sind, weil sie abgewandert sind, weil es keine Arbeitsplätze mehr gibt, weil die Kulturlandschaften zugewachsen sind durch Büsche und Bäume. Dieses Szenario ist gar nicht so unrealistisch. Und ich verweise nicht nur auf Deutschland, wo wir vor allen Dingen in Mittelgebirgen und in Ostdeutschland bei der sehr geringen Bevölkerungsdichte große Problemgebirge haben. Ich verweise auf ganz Skandinavien, auf Schottland, auf große Teile von Irland, auf die Mittelgebirge in Frankreich, auf große Gebiete in Spanien, in Griechenland, in Italien. Das ist ein europäisches Phänomen, dass die Bevölkerung sich immer stärker auf die städtischen Zentren konzentriert und große ländliche Regionen immer weniger besiedelt werden.

Das bei einer Industrialisierung der ländlichen Arbeitswelt, der Landwirtschaft zum Beispiel, gleichzeitig würden nüchterne Betriebswirtschaftler vielleicht einfach sagen, wenn wir einen fortlaufenden Rückgang der Arbeitsplätze im ländlichen Raum haben, dann führt das einfach zwangsläufig dazu, dass diese Lebensform dem Untergang geweiht ist.

Genau, das ist das klassische neoliberale Argument: Die Wirtschaft soll da stark sein, wo sie aus sich heraus stark ist. Stärken stärken und nicht Schwächen ausgleichen, das führt automatisch dazu, dass die Wirtschaft sich nur noch auf die großen Metropolregionen konzentriert und dass der gesamte ländliche Raum abgehängt wird. Dagegen sage ich ganz klar: Der Staat hat eine Verantwortung für alle seine Regionen, für die Menschen, die auch in der Peripherie leben. Das ist der Gedanke, der früher als Sozialstaat stark gemacht worden ist und das ist der Gedanke, der heute unter die Räder kommt. Aber meine große Sorge und meine große Angst ist die: Die städtischen Regionen alleine sind aus sich heraus nicht lebensfähig. Sie sind extrem empfindlich, sie sind extrem abhängig von globalen Vernetzungen und wir haben gerade in der Corona-Krise gesehen, wie schnell dieses Erfolgsmodell Stadt lahmgelegt werden kann und das ist nicht das letzte Mal, dass so etwas passieren wird und da brauchen wir den ländlichen Raum, damit die Stadt als Netzknoten der Arbeitsteilung und Spezialisierung überhaupt existieren kann.

Kann Stadt überhaupt existieren oder sein ohne Land?

Nein. Die Stadt braucht das Land. Die Stadt braucht zum Beispiel saubere Luft, sauberes Wasser, Trinkwasser, das kommt ja nicht aus den städtischen Regionen, das kommt aus den großen, umliegenden ländlichen Regionen. Dann braucht die Stadt riesige Flächen für die Lebensmittel, die in der Stadt verbraucht werden, mit der extrem hohen Bevölkerung. Es braucht riesige Flächen für Energieproduktion., das kann ja die Stadt alles allein überhaupt nicht auf die Reihe kriegen. Die Stadt alleine, nur auf sich gestellt, ist nicht lebensfähig.

Sie sagen also, es muss politisch gehandelt werden, um die Lebensformen Landleben zu retten. Dann schlage ich jetzt den Bogen zurück zum Anfang unseres Gesprächs. Was wir ja haben ist diese große Sehnsucht nach einem offenbar idealisierten Land: Kann man die nutzen? Hilft die uns?

Da würde ich sagen nein, und zwar deswegen nicht, weil das eine Idylle ist. Eine Idylle geht immer davon aus, es gibt Harmonie, es gibt Eintracht, es gibt keine Probleme. Aber wo Menschen zusammenleben, gibt es immer auch Probleme, Konflikte, Auseinandersetzungen. Und ich würde sogar zugespitzt sagen, wenn man versucht, das Bild von Idylle politisch umzusetzen, dann landet man bei rechtsradikalen Positionen und Ausschluss des Fremden nach dem Motto: Wenn nur wir alleine alles bestimmen, dann würde alles gut werden. Das sind illusionäre Lösung des sind Lösungen und Erlösungsideen, die mit der Idylle zusammenhängen. Und die ist weltfremd.

Werner Bätzing: „Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform“, Verlag C. H. Beck.

© C. H. Beck – Montage BR

Werner Bätzing: „Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform“, Verlag C. H. Beck.

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!