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Identität, Herkunft? "Ich bin ein japanischer Schriftsteller" | BR24

© Tomoko Hagimoto/ picture alliance / AP Images

Dany Laferrière in Japan

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    Identität, Herkunft? "Ich bin ein japanischer Schriftsteller"

    "Ich bin ein japanischer Schriftsteller" heißt das jetzt auf Deutsch erscheinende Buch des aus Haiti stammenden Kanadiers Dany Laferrière. Ein willkommener, weil entspannter Beitrag zur überhitzten Identitäts-Debatte, findet unsere Autorin.

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    Dany Laferrière, Mitglied der Académie Française, ist ein beneidenswert entspannter und lässiger Zeitgenosse. Zumindest erweckt der Ich-Erzähler in vielen seiner autobiographisch grundierten Romane diesen Eindruck. Wie bei dem Verfasser selbst handelt es sich dabei um einen im Jahr 1953 geborenen Haitianer, der im kanadischen Montréal lebt. Laferrière arbeitete in der Hauptstadt Port-au-Prince als Journalist. 1976 entfloh er der Diktatur des sogenannten Papa Doc und ging ins Exil nach Kanada. Dort schildert er beziehungsweise der Ich-Erzähler in erster Linie seinen Alltag, beginnend mit dem provokant betitelten Debüt Titel "Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden" oder im charmanten "Tagebuch eines Schriftstellers im Pyjama".

    Vorzugsweise in der Horizontalen

    Beide Bücher wurden von Beate Thill in ein wunderbar wendiges Deutsch übertragen, das die Volten und Gedankenspiele des Originals ohne Reibungsverlust transponiert. Nun ist ihre Übersetzung von Dany Laferrières Roman "Ich bin ein japanischer Schriftsteller" erschienen. Wieder spielt sich der Alltag des auskunftsfreudigen Autors überwiegend in der Horizontalen ab. "Alles hat sich verschlechtert, seit der Mittagsschlaf aus unserem Zeitfenster verschwunden ist. Die Maschine Mensch ist nicht so gebaut, dass sie achtzehn Stunden am Stück auf und tätig sein kann. Sie braucht eine Ruhepause. Die Industriegesellschaft hat den Mittagsschlaf abgeschafft und holt zugleich das Letzte aus der Maschine heraus."

    Um sich dem allgegenwärtigen Stress zu entziehen, liegt der Ich-Erzähler am liebsten im Bett oder in der Badewanne mit dem sogenannten guten Buch in der Hand. Dany Laferrière weiß seit seiner frühesten Jugend genau, wo er Lektüren dieser Güteklasse findet: bei den großen französischen Realisten wie Gustave Flaubert, bei Amerikanern wie Charles Bukowski oder bei den Japanern. Im Haus einer seiner Tanten auf Haiti entdeckte der jugendliche Dany in einem Schrank nebst einer Flasche Rum den Roman "Der Seemann, der die See verriet" von Yuko Mishima. Neben Bashō zählt der exzentrische Nationalist, der 1970 im Fernsehen Harakiri beging – sich vor laufende Kamera umbrachte – seitdem zu den literarischen Hausheiligen des Erzählers.

    Die Herkunft, keine Frage!

    "Ich muss darüber staunen, wie wichtig die Herkunft eines Schriftstellers genommen wird. Für mich war Mishima ein Nachbar. Damals gemeindete ich, ohne weiter nachzudenken, alle Schriftsteller ein, die ich las. Wirklich alle. Als ich viele Jahre später selbst Schriftsteller war und gefragt wurde: 'Sind Sie ein haitianischer, karibischer oder frankophoner Schriftsteller?', antwortete ich, dass ich immer die Nationalität des Lesers annehme. Das heißt, wenn ein Japaner mich liest, werde ich unversehens zu einem japanischen Schriftsteller".

    "Ich bin ein japanischer Schriftsteller": Das ist eine Behauptung, auf die kein Roman folgt. Der Protagonist hat den Buchtitel nur schnell seinem drängenden Verleger mitgeteilt. Denn er will sich weiter durch die Stadt treiben lassen und dabei Matsou Bashō lesen, den Erneuer des Haiku aus dem 17. Jahrhundert. Laferrières Ich-Erzähler lernt die schillernde Sängerin Midori kennen, um die sich eine Art weiblicher japanischer Hofstaat versammelt hat. Eine der jungen Frauen besucht ihn unverhofft, verführt ihn in der Badewanne und springt anschließend aus dem Fenster. Den Protagonisten lässt das relativ ungerührt. "Ich schreibe über Japan, bin aber nie dort gewesen. Ist das notwendig? Außerdem bediene ich mich nur der Klischees (Mythen und Fotos) aus den Frauenzeitschriften. Ein riesiger Stapel liegt vor meinem Fenster. Jeder recherchiert wie er kann", lässt Laferrière seinen Protagonisten sagen.

    Ein Schwarzer gibt den Japaner?

    Japan scheint ein besonders geeigneter Ort für die ästhetische Transformation von Existenzkrisen zu sein, unter denen Bewohner der westlichen Hemisphäre leiden. Das lange Zeit völlig abgeschottete Land ist ungeheuer stolz auf seine nationale Identität. Entsprechendes Aufsehen erregt der Ich-Erzähler, als der Titel seines geplanten Romans publik wird – besonders beim japanischen Konsulat in Montréal. Man bittet den Haitianer zu einem Essen und will ihn bei seinen Recherchen in Japan unterstützen – er möchte aber gar nicht hinfahren, was die Diplomaten im Höchstmaß irritiert. Verzweifelt erzählen sie ihm, dass in ihrer Heimat das Gerücht kursiere, dass ein Schwarzer dafür bezahlt worden sei, die Identität eines japanischen Schriftstellers anzunehmen.

    Dany Laferrières Roman, ein Kaleidoskop aus Kürzestkapiteln, ist im Original bereits 2008 erschienen. Die Übersetzung folgt genau zur richtigen Zeit – mitten in der überhitzten Identitäts-Debatte. Ihr fehlen genau jener nonchalante Witz und jene Leichtigkeit, über die der Weltbürger Dany Laferrière und sein schreibunwilliger japanischer Schriftsteller in so reichem Maß verfügen.

    Dany Laferrières "Ich bin ein japanischer Schriftsteller" wurde von Beate Thill aus dem Französischen übersetzt und ist im Verlag Das Wunderhorn erschienen. Das Buch kostet 22,- Euro.

    © Verlag Wunderhorn/ Montage BR

    Cover: Dany Laferrière, Ich bin ein japanischer Schriftsteller

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