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"Ich wusste, dass ich vielleicht nicht überlebe" | BR24

© Filmperlen

Das Grauen des Krieges mit der Kamera festhalten – dazu gehört auch viel Mut.

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    "Ich wusste, dass ich vielleicht nicht überlebe"

    Mitten im Krieg ein Kind bekommen – wie fühlt sich das an? Die syrische Filmemacherin Waad al-Kateab hat das nicht nur selbst erlebt, sondern in ihrer Doku "Für Sama" festgehalten. Im Interview spricht sie über ihren Film und ihre Ängste dabei.

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    Die Filmemacherin Waad al-Kateab hat mitten im Syrienkrieg ihre erste Tochter Sama bekommen und dokumentiert im oscarnominierten Film "Für Sama" das Leben in Aleppo vom Ausbruch der syrischen Revolution bis hin zur Belagerung. Im B5 aktuell-Podcast "Woman of the Week" berichtet sie, wie es war, auch die grauenvollsten Momente des Krieges mit der Kamera zu festzuhalten. Außerdem erzählt sie von der Situation in Syrien heute, denn Waad ist immer noch mit vielen Menschen innerhalb Syriens in Kontakt. Ein Ausschnitt des Interviews:

    Mira-Sophie Potten: Ich habe gestern deinen Film gesehen, es war die bewegendste Dokumentation, die ich je gesehen habe. Es gibt einige Szenen, die schwer anzusehen sind, beispielsweise schwerverletzte Kinder oder Leichen nach einem Massaker. Hast Du beim Filmen manchmal überlegt, die Kamera auszuschalten, um das Gesehene zu verarbeiten oder hat dir die Kamera dabei geholfen?

    Waad al-Kateab: Das Wissen, dass diese Dinge immer noch passieren und dass das noch nicht vorbei ist, das ist eine Verantwortung, die ich habe. Ich sollte nicht an mich denken und daran, was ich selbst durchmache, sondern nur daran, weiter die Geschichte zu erzählen, auf dem bestmöglichen Weg. Ich hatte das Glück, zu überleben, und dass alle um mich herum, also meine Tochter und mein Mann, überlebt haben. Das Wichtigste jetzt ist, dass ich meinen Schmerz und meine Gefühle ignoriere und mich nur darauf konzentriere, wie wichtig es ist, diese Geschichte zu erzählen. Als ich noch in Syrien war, wusste ich, dass ich vielleicht nicht überlebe. Ich habe versucht mich nur darauf zu fokussieren, dieses Filmmaterial rauszubringen. Mehr als darauf, was ich als Frau und Mutter durchmache in dieser Situation.

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    Sama in den Trümmern von Aleppo

    Du hast über 500 Stunden Filmmaterial gedreht. Wie war es, das alles nochmal durchzusehen und wie hast du entschieden, welche Szenen in den Film kommen sollen?

    Es war sehr schwer und hat zwei Jahre gedauert. Ich habe mit meinem Co-Regisseur Edward Watts sehr eng zusammengearbeitet. Wir haben uns viele Gedanken gemacht: Was sollten die Menschen über Syrien wissen? Was wollen die Menschen in Syrien den Menschen außerhalb von Syrien mitteilen? Denn es ist immer etwas Verwirrendes passiert, wenn jemand nach Syrien gekommen ist, um zu berichten. Derjenige hat immer nur gezeigt, was er oder sie sieht. Aber es wurde nicht gezeigt, was die Menschen, die dort leben, erzählen wollen. Deshalb hatten Edward und ich quasi zwei Rollen. Mir war es wichtiger, wie es den Leuten ergeht, die selbst in der Situation in Syrien leben. Edward hat eher die andere Perspektive eingenommen. Was die Menschen über Syrien wissen wollen, wie sie es besser verstehen können. Durch diese zwei Perspektiven haben wir versucht einen Punkt zu erreichen, wo alle etwas mitnehmen können.

    Welches Feedback hast du von anderen Syrern bekommen, die jetzt auch im Ausland sind oder immer noch in Syrien leben?

    Die Reaktionen von Syrern auf meinen Film waren sehr überwältigend. Ich habe nie erwartet, dass die Menschen das als ihre eigene Geschichte sehen. Ich hatte immer das Gefühl, es ist meine Geschichte. Ich habe tolles Feedback bekommen. Ein Mann, der auch im Ausland lebt, hat mir diese Nachricht geschickt: "Ich habe jetzt noch keine Kinder, aber wenn ich welche habe, dann werde ich dafür sorgen, dass sie deinen Film sehen." Ein 20-Jähriger, der gerade in Syrien lebt, hat mir bei Instagram geschrieben: "Ich will, dass du weißt, dass das, was du getan hast, nicht umsonst war. Wir sind die nächste Generation, die weitermachen wird." Mir waren alle Awards, die der Film gewonnen hat, wichtig, aber diese beiden Nachrichten sind mir mehr wert als alles andere.

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    "Ich hatte das Glück, zu überleben und dass alle um mich herum überlebt haben", sagt die Filmemacherin, die heute in London lebt.

    Die Dokumentation endet damit, dass du mit deiner Familie in die Türkei ziehst, jetzt lebt ihr in London. Wie sieht euer Alltag heute aus?

    Ich habe Syrien vor drei Jahren verlassen, und lebe jetzt in London. Es ist irgendwie ein normales Leben, aber als Filmemacherin und Journalistin wird es nie ganz normal sein. Ich arbeite für Channel 4 News, reise viel und berichte aus Großbritannien. Vor kurzem war ich in einem Krankenhaus und habe über das Coronavirus berichtet und ich war vor kurzem auch erst in Deutschland.

    Nach der Corona-Pause startet der Film in diesen Wochen wieder deutschlandweit in den Kinos.

    Das komplette Interview im B5 aktuell-Podcast "Woman of the Week" zum Nachhören finden Sie hier.

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