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Mehr als 50 Jahre stand sie auf der Opernbühne: Die Sopranistin Edita Gruberová war bekannt als "Königin der Koloratur". Jetzt ist sie im Alter von 74 Jahren gestorben.

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"Ich singe mit der Seele": Sopranistin Edita Gruberová tot

Sie setzte Maßstäbe im Belcanto-Gesang und war die unerreichte "Königin" unter den Koloratur-Sopranen. Ihre Münchner Fangemeinde bereitete ihr in der Bayerischen Staatsoper regelmäßig Ovationen. Jetzt ist Edita Gruberová mit 74 Jahren gestorben.

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Peter JungblutPeter Jungblut

"Ich bin rundum glücklich und zufrieden", sagte die gefeierte Sopranistin dem "Merker" im Jahr 2013. Damals, gegen Ende ihrer Karriere, hatte Edita Gruberová sich schon weitgehend auf ihre Freizeitbeschäftigungen konzentriert: Briefmarken sammeln, Gartenarbeit, lesen, sich um die Familie kümmern. Daheim in Zürich machte sie es sich gern gemütlich, hatte nicht den Ehrgeiz, am hektischen Premieren-Reigen des internationalen Operngeschäfts ständig als Stargast teilzunehmen. Im März 2019 schließlich verabschiedete sie sich ganz von der Opernbühne, wurde in München in "Roberto Devereux" als Elisabetta noch einmal frenetisch gefeiert, knapp eine Stunde dauerten die Ovationen. Ein Jahr später, mitten in der Pandemie, kündigte sie an, gar nicht mehr aufzutreten, obwohl damals noch Liederabende geplant waren.

Sie machte alles mit ihrer Stimme wett

Die am 23. Dezember 1946 im slowakischen Bratislava geborene Primadonna gehörte zur allerersten Gesangsliga ihrer Generation. "Ich habe mich immer in den Gesang gerettet, auch meine Mutter hat gerne gesungen, von ihr habe ich die Stimme bekommen", so die Gruberová: "Wir haben durch unser Singen unsere Seelen gelüftet." Und das war bitter nötig: Ihr Vater war Trinker, ihr Alltag in der Kindheit alles andere als einfach. Dem örtlichen Pfarrer hatte sie es zu verdanken, dass sie es überhaupt am Konservatorium in Bratislava versuchte. Von 1961 bis 1968 absolvierte sie dort ihre Ausbildung.

Kaum eine andere glänzte im artistischen Belcanto-Fach so unangefochten wie sie. Mit Regisseuren hatte sie dagegen immer wieder Probleme, allzu moderne Interpretationen mochte sie nicht, und auch als Schauspielerin war sie auf der Bühne nicht sonderlich beweglich: "Ich mag Regisseure nicht, die nichts verstehen und Affen auf der Bühne tanzen lassen", urteilte sie im Interview mit Oe24. Entsprechend begeistert war sie von konzertanten Aufführungen, da machte sie alles durch ihre Stimme wett. Und wenn Christof Loy, ihr Lieblings-Regisseur, "um sie herum" inszenierte, entstanden tosend beklatschte Aufführungen: Neben Donizettis "Robert Devereux" auch dessen "Lukrezia Borgia" und Bellinis "La Straniera".

"Jede Koloratur bedeutet was"

Und aus dem "Geheimnis" ihrer jahrzehntelangen Top-Kondition machte sie auch kein Hehl: "Die Stimmhygiene ist wichtig, man braucht eine gute Technik und viel Verstand. Ich singe mit der Seele, der Ausdruck ist entscheidend, jede Koloratur bedeutet etwas. Wenn ich die Opern gesungen hätte, die große Dirigenten mir seit Jahrzehnten anbieten, hätte ich schon lang keine Stimme mehr." Meisterkurse für den sängerischen Nachwuchs gab sie wenige, und wenn, dann kam es ihr darauf, vor allem Gesangstechnik zu vermitteln: "Die Gefahr in jungen Jahren, wo man denkt, ich kann alles, es gibt keine Grenzen, das kann sich später rächen", verriet sie BR Klassik: "Ich habe sieben Jahre lang an der Wiener Staatsoper, wo ich ganz jung und ganz frisch und mit voller Power angefangen habe, nur die kleinen Rollen gesungen, was mich damals unglücklich machte."

"Rosenkrieg" in München

Selbstbewusst war die Gruberová. In München zettelte sie glatt einen "Rosenkrieg" an, behauptete im März 2012, der damalige Intendant der Bayerischen Staatsoper, ein erklärter Fan des Regietheaters, habe für sie keine "angemessenen Rollen" mehr. Mit großen Aplomb kündigte sie daraufhin an, hinzuwerfen und wollte 2014 nach einem letzten Auftritt als Lukrezia Borgia nie wieder an die Isar reisen. Ein geschicktes Manöver, wusste sie doch sehr gut, dass sie ausgerechnet in München und Wien ihre treuesten Fans hatte, die sie auch nicht im Stich ließen. Nachdem kurzzeitig von "Lügen" und "Missverständnissen" die Rede gewesen war, ging die Karriere auch an der Bayerischen Staatsoper ungeschmälert weiter - wobei die Diva keineswegs unumstritten war. Ein Kritiker schmähte sie mal als "welke Porzellanpuppe" und bescheinigte ihr den "Hauch einer slowakischer Hausfrau". Beides bezog sich auf ihre statische Erscheinung auf der Bühne und wohl auch auf ihren Kampfgeist.

© Roland Schlager/Picture Alliance
Bildrechte: Roland Schlager/Picture Alliance

In Wien als "Elisabetta"

International machte sie Schlagzeilen, seit Herbert von Karajan sie 1974 in Glyndebourne als "Königin der Nacht" in Mozarts "Zauberflöte" besetzt hatte. Fortan war sie als Lucia di Lammermoor, Maria Stuarda, Norma und Beatrice di Tenda, alles herausragende Belcanto-Rollen, nicht mehr von den größten Bühnen zwischen Wien, München und der New Yorker Metropolitan Opera wegzudenken.

Dabei absolvierte die Gruberová, die eigentlich Krankenschwester werden wollte, in ihrer Jugend die "Ochsentour" in der Provinz: Nach ihrem sechsjährigen Studium am Konservatorium debütierte sie am 19. Februar 1968 als Rosina im "Barbier von Sevilla" in Bratislava, wo sie als Studentin bereits in Chören mitgewirkt hatte. Von 1968 bis 1971 trat sie in der Provinzstadt Banská Bystrica auf, sang dort die Eliza in "My Fair Lady", die Violetta in Verdis "La Traviata", sowie die vier Frauenrollen (Olympia, Giulietta, Antonia und Stella) in Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen".

Sie konnte sich mit der Callas messen

Die größte Leistung der Gruberová, und da konnte sie sich zumindest stimmlich mit der Callas messen, war die Wiederbelebung des Belcanto auf allerhöchstem Niveau. Es stimmt ja, die Zeit ist längst hinweg gegangen über die Werke von Donizetti, Bellini und Rossini. Sie alle waren Vielschreiber und hatten vor allem den Ehrgeiz, den Superstars ihrer Ära möglichst effektvolle Arien zu verkaufen, die Geschichten waren vollkommen zweitrangig. Umso mühevoller ist es, aus diesen Partien heute noch berührende Charaktere zu machen. Geschickte Regisseure schaffen es, aber eben auch so begabte Sängerinnen wie die Gruberová, die sich vor emotionalen Extremen nicht scheuen. Dazu gehören ein furchteinflößendes Ego, die meisterhafte technische Beherrschung der Stimme, ein tiefes Verständnis für den dargestellten Konflikt und umfassende Erfahrung, wie die Kräfte einzuteilen sind. Es kann funktionieren - allerdings nur bei einer derartigen Ausnahmesängerin.

Kunstminister: "Auftritte sind unvergessen"

Der bayerische Kunstminister Bernd Sibler sagte zum Tod der Sopranistin: "Edita Gruberova war ein Weltstar im buchstäblichen Sinn. Mit allen großen Dirigenten hat sie gearbeitet, in den großen Opernhäuser der Welt gesungen. Was für ein Glück, dass sie auch das Münchner Publikum mit ihrem unerreichten Koloratursopran beehrte. Ihre Auftritte in der Bayerischen Staatsoper sind unvergessen. Ihr Tod bedeutet einen großen Verlust für die Kunstwelt, für uns alle. Unter den bayerischen Kammersängerinnen ist Edita Gruberova die Königin, nicht nur als Königin der Nacht."

Edita Gruberova starb am Montag im Alter von 74 Jahren in Zürich, wie ihre Familie über die Münchner Agentur Hilbert Artists Management mitteilen ließ.

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