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Bildrechte: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Klaus-Dietmar Gabbert

Zur Ethik des Impfens: Der Philosoph Markus Gabriel im Gespräch

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"Ich sehe keinen Konsens zwischen Bevölkerung und Ethikrat!"

Die Corona-Pandemie stellt uns vor moralische Fragen – auch beim Thema Impfen. Sollte es Privilegien für Geimpfte geben? Der Ethikrat sagt nein. Darum geht es gar nicht – meint der Philosoph Markus Gabriel. Ihm zufolge ist die Frage falsch gestellt.

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Von
  • Joana Ortmann

Der Deutsche Ethikrat, das 24-köpfige Beratergremium der Bundesregierung in ethischen Fragen, hat entschieden: Es sei nicht sinnvoll für die immer größer werdende Gruppe bereits Geimpfter die Freiheitsbeschränkungen zu lockern. Auch, weil die Debatte zur Unzeit käme, da bisher nur ein Bruchteil der Menschen geimpft ist. Markus Gabriel, Professor für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und Gegenwart an der Universität Bonn und Buchautor (u.a. "Warum es die Welt nicht gibt") ist anderer Meinung. Er spricht sich für die Lockerung der Einschränkungen für Geimpfte aus. Joana Ortmann hat ihn gefragt, was der Ethikrat übersehen hat.

Joana Ortmann: Das Impfen hat sich zu einer heiklen, populären ethischen Frage entwickelt. Vor allem mit Blick auf mögliche Freiheiten für all die, die schon geimpft wurden. Die aktuelle Position des Ethikrates ist eindeutig: Keine Privilegien für bereits Geimpfte! Finden Sie das schlüssig?

Markus Gabriel: Also, zunächst einmal reden wir hier nicht über Privilegien, sondern es geht um die Aufhebung von teils schweren Freiheitsbeschränkungen in einem freiheitlich demokratischen Rechtsstaat. Das heißt, das Ziel muss immer sein, möglichst viel Freiheit möglichst schnell herzustellen. Und da das für Geimpfte partiell jetzt schon möglich ist und sogar für einige der Geimpften aus meiner Sicht eindeutig moralisch geboten, halte ich die Position des Ethikrates für unschlüssig und nicht nachvollziehbar.

Wie würden Sie da im Detail argumentieren?

Zunächst einmal: Wenn Sie 10.000 Geimpfte in eine Arena lassen, um ein Konzert zu hören, dann kann sich – nach diesem sehr einfachen Gedankenexperiment – niemand anstecken. Es besteht null Gesundheitsrisiko. Was spricht aber außerdem dafür? Es werden derzeit ja überwiegend Menschen über 80, teils schwer vorerkrankte Personen, geimpft, die vielleicht nur noch eine kurze Lebensspanne in ihrem wohlverdienten Alterssitz vor sich haben. Und diesen Menschen können Sie doch jetzt nicht Freiheitsrechte vorenthalten, die sie leicht genießen können – etwa den Besuch in einem Restaurant für Geimpfte, um nur ein Beispiel zu nennen. Deswegen würde ich sagen: Erstens ist das nicht nur zulässig nach Wiederherstellung, also Aufhebung von Beschränkungen, sondern geboten – und es geht nicht um Sonderrechte, um Privilegien, das ist ein Unsinns-Diskurs, es geht um Wiederherstellung der vollen Freiheitsrechte für Menschen sobald wie möglich.

Das ist eine interessante Position. Nun hat der Ethikrat bisher ja im Kern nur gesagt: Die Debatte kommt zu früh, noch gibt es zu wenig Geimpfte. Das Argument, das Sigrid Graumann, Mitglied des Deutschen Ethikrates, brachte, lautete: Solange noch nicht alle die Chance hatten, sich impfen zu lassen, würden viele besondere Rechte für Geimpfte als ungerecht empfinden. Es sei fraglich, ob Menschen, die keine Angst vor einer Erkrankung haben und noch gar keine Chance hatten, sich impfen zu lassen, dann noch bereit wären, die Infektionsschutz-Regeln einzuhalten.

Diese wissenschaftlich ungedeckte Aussage über die psychologischen Zustände einiger Bürgerinnen und Bürger habe ich gestern auch mit großer Überraschung wahrgenommen. Entscheidend ist aber, dass eine ethische Debatte nie zu früh kommt. In einer ethischen Debatte geht es ja darum, welche Gründe für oder gegen ein bestimmtes Handeln sprechen. Eine ethische Debatte hat keinen Zeitpunkt. Also, ob jetzt 1.000 oder 10.000 oder 100.000 in ein Stadion dürfen, ist keine Frage des Zeitpunkts. Eine Frage des Zeitpunkts ist: Wie viele Menschen sind bisher geimpft? Das sind eindeutig zu wenige. Wir müssen das aber jetzt diskutieren, damit wir gemeinsam herausfinden können, wie sich die medizinischen zu den moralischen Tatsachen verhalten. Das vermisse ich in der ad hoc Empfehlung des Ethikrates, die meines Erachtens rational, so wie sie mir bekannt ist, nicht transparent ist.

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Hält die Argumentation des Ethikrats für nicht rational : Der Philosoph Markus Gabriel

Erkenne ich da ein virologisches Muster in Ihrer Argumentation? Heißt dass, es muss eine Form der ethischen Prävention betrieben werden?

Natürlich muss ethische Prävention betrieben werden, die ganze Zeit über. Wir erleben ja teilweise eine Ethikdiskussion in Deutschland, die weit unterhalb des internationalen Forschungsstandes in der Wissenschaft der Ethik ist. Und das hat massive Konsequenzen für das Leben und Überleben in unserer Gesellschaft. Deswegen müssen wir dringend das tun, was wir in den wissenschaftlichen Disziplinen, auch der Geistes- und Sozialwissenschaften und der Philosophie tun: nämlich uns durch Gedankenexperimente, Faktenchecks und so weiter darüber verständigen, was moralisch vertretbar ist. Wenn man den Bürgerinnen und Bürgern die Frage stellt, ob Menschen, die geimpft sind, Sonderrechte erhalten sollen, heißt es natürlich: Nein. Die richtige Antwort auf eine falsche Frage. Man hat die Menschen aber nicht gefragt, ob sie dafür sind, die individuellen Freiheitsbeschränkungen für Menschen, für die man sie aufheben kann, aufzuheben. Da kriegen Sie selbstverständlich die Antwort: Ja. Deswegen sehe ich den Konsens zwischen Ethikrat und Bevölkerung nicht, weil die Frage falsch gestellt war.

Da können wir gleich noch ein zweites schwieriges Thema dazu nehmen: Wir haben auf der einen Seite die Debatte um mögliche Freiheiten durch das Impfen, auf der anderen die um eine mögliche Impfpflicht. Letztere ist zwar bisher politisch nicht gewollt, aber aus der Wirtschaft und auch der Kultur kommen erste Bestrebungen, die zumindest in Richtung eines Impf-Drucks gehen. Wie sehen Sie denn diesen Widerspruch? Freiheit durch Impfen gegen Impf-Druck?

Einen Impf-Druck gibt es deswegen nicht, weil die Wirtschaft, die Sie jetzt angeführt haben oder eben auch die Bevölkerung die Aufhebung individueller Freiheitsbeschränkungen wollen und nicht die Einführung von Impfung. Das heißt, solange Impfung der einzige, beste, sicherste Weg ist, ist das der Druck, der entsteht. Aber es geht nicht darum, eine Impfpflicht durch die Hintertür einzuführen, sondern möglichst bald möglichst viele Beschränkungen der Freiheitsrechte aufzuheben. Das ist meines Erachtens die Argumentation. Deswegen sagen die Verbände, wenn man genau hinhört, alle ganz eindeutig, dass sie dafür sind, Geimpften Zugang zu gewissen Veranstaltungen zu erlauben, aber auch an Test-Kapazitäten für die nicht Geimpften zu arbeiten. Und vergessen wir nicht: Ein Fehler in der Argumentation von Frau Kollegin Graumann ist ja, dass niemals alle Menschen geimpft sein können. Der Impfstoff ist nicht für Menschen unter 16 zugelassen. Einige Menschen können sowieso nicht geimpft werden. Und das ist einer der Gründe dafür, warum eine Impfpflicht tatsächlich gar nicht sinnvoll diskutierbar ist, weil wir ja gar keinen Impfstoff haben, der für eine Impfpflicht anwendbar wäre. Deswegen ist diese Diskussion falsch. Nicht, weil im Allgemeinen eine Impfpflicht nicht in Betracht kommen sollte. Das sollte sie, hätten wir einen Impfstoff, der sie abdeckt.

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