Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Wie man sich den Schmerz von der Seele schreibt | BR24

© BR Bild

Schrieben kann therapeutisch wirken

Per Mail sharen

    Wie man sich den Schmerz von der Seele schreibt

    Schreiben ist nicht nur etwas für große Dichter und Schriftsteller. Jeder kann mithilfe von Tagebüchern, Gedichten oder Geschichten eigene Erfahrungen verarbeiten. Bei Schicksalsschlägen oder Krankheiten kann Schreiben sogar heilende Kräfte haben.

    Per Mail sharen

    Es sind vor allem Ausnahmesituationen - Schicksalsschläge, Krankheiten oder Unfälle - die uns dazu bringen, kritisch auf unser Leben zu blicken. Pfarrerin Mareike Lachmann hat das sehr oft als Krankenhausseelsorgerin im Klinikum München Schwabing erlebt.

    "Das ist eigentlich immer eine Situation, in der automatisch der Blick auf das Leben gerichtet wird. Was habe ich gemacht? Wie ist das gewesen? Was will ich anders machen?" Pfarrerin Mareike Lachmann

    Grenzerfahrungen lassen Menschen zum Stift greifen

    Es sind vor allem Grenzerfahrungen, die die Menschen zum Stift greifen lassen und manchmal auch zu literarischen Meisterwerken führen. Im Fall des biblischen Alten Testaments war eine Krise sogar dafür verantwortlich, dass das Werk überhaupt entstand. Eroberung, Besatzung und das Exil Israels lösten den Impuls aus, die eigene Geschichte auf-, ja sogar umzuschreiben. Es ging um Krisenbewältigung, sagt Gerd Häfner, Professor für Neues Testament an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Man stand unter dem Zwang, auf eine Katastrophe reagieren zu müssen.

    Auch Teile des Neuen Testaments sind vielfach als Antwort auf Krisen entstanden: So reagierte der Evangelist Matthäus nach der Zerstörung des Tempels auf die Heimatlosigkeit der Judenchristen, also der urchristlichen Gemeinden, innerhalb des sich neu formierenden Judentums. Und auch Paulus adressierte seine Briefe an die verunsicherten neugegründeten Gemeinden, in die jüdische Missionare kamen, um die ersten Urchristen wieder auf einen jüdischen Weg zu bringen.

    Schon Platon kannte die Kraft des Schreibens

    Dass man sich nicht nur Schmerz von der Seele schreiben kann, sondern auch etwas über seine Gefühle, Prägungen aber auch Traumata erfährt, ist keine neue Erkenntnis. Schon in der Antike berichtete Platon in philosophischen Mythen von der Reise der Seele durchs Weltall, wo sie die Ideen schauen konnte.

    Alfred Adler, ein Schüler Sigmund Freuds, war der erste Psychotherapeut, der in der Therapie autobiografische Skizzen nutzte. Er ließ seine Patienten alles aufschreiben, was sie von ihrer frühen Kindheit noch wussten. Auch heute setzen Psychologen und Coaches das Schreiben als therapeutisches Mittel ein. Therapeutisches Schreiben ist dabei immer auch Biografiearbeit, also die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte.

    Mit "Reframing" das Leben in einen positiven Kontext setzen

    Ein hilfreiches Werkzeug für Biografiearbeit bietet die systemische Therapie: das Reframing. Dabei setzt man Ereignisse, Ansichten oder Gefühle in einen positiven und versöhnlichen Kontext. Dieses Prinzip findet auch in der Seelsorge seinen Platz, erzählt Pfarrerin Mareike Lachmann: Aus theologischer Sicht ist der Mensch von Gott angenommen und geliebt, trotz seiner Schwächen und Fehler. Dieses Verständnis gibt einem die Möglichkeit, mit der nötigen Freiheit und Distanz die eigene Lebensgeschichte zu erzählen. Und die Bibel bietet neben Hiob und Elia viele weitere Beispiele für ein positives Reframing der eigenen Geschichte.

    Bücher für die Arbeit an der eigenen Biografie

    Anleitung für die Arbeit mit der eigenen Biografie bieten auch Bücher wie "Rewrite your life - Schreibend sich selbst entdecken" von Redakteurin, Coach und Poetry-Slam-Künstlerin Tatijana Milovic. Sie selbst greift zum Stift, wann immer sie nicht weiter weiß, Ärger oder Angst hat. In ihrem Buch will sie auch anderen zeigen, was für ein machtvolles Werkzeug der Stift sein kann.

    "Die Intention meines Buches war zu zeigen, wie man sich über das Kreative mit sich selbst versöhnen kann. Und zu zeigen, dass man sich auch viel größer denken und schreiben kann, als man sich aktuell fühlt und das dann langsam ins Leben zu überführen." Tatijana Milovic

    Familiengeschichte im Alter aufgearbeitet

    Auch Hans-Joachim Berger hat die heilende Wirkung des Schreibens entdeckt. Erst waren es nur Kurzgeschichten. 2017 veröffentlichte der heute 83-Jährige dann seine Autobiografie "Ihr müsst noch heute gehen. Die Flucht eines Kriegskindes" im Selbstverlag.

    In der Familie wurde nie darüber gesprochen, was damals passierte. Nicht als Hans-Joachim Berger ein Kind war, aber auch nicht später. In seiner Biografie fragt er nach genau diesem Totgeschwiegenen: Wie war das damals während der Nazi-Zeit? Was ist da genau passiert? Und wie standen meine Eltern dazu? Je mehr Berger schrieb, desto mehr fiel ihm wieder ein - und desto mehr erschrak er vor dem, was Jahrzehnte lang verschüttet gewesen war.

    Seinen Kindern und Enkeln will er ein Zeugnis hinterlassen. Ja, vielleicht sogar anderen Menschen berichten, wie es damals war, und sich somit auch aufklärend gegen den wieder erstarkenden Rechtsextremismus stellen. Das war seine Intention als er begann, sein Buch zu schreiben. Doch während er seine Geschichte aufschrieb, wurde Hans-Joachim Berger auch etwas anderes bewusst: Das Schreiben tat ihm gut. Heute nennt er es selbst eine "Eigenpsychotherapie", die er durch das Schreiben machte.