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Trauer in der deutschen Comedyszene: Der Schauspieler und Komiker Karl Dall ist tot.

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"Ich musste früh Humor entwickeln" - Zum Tod von Karl Dall

Sein hängendes Lid wurde auf der Bühne und im TV sein Markenzeichen, doch in der Jugend machte es ihm das Leben schwer. Seinen Durchbruch erlebte er in Berlin mit "Insterburg & Co.". Jetzt ist Karl Dall an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben.

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Von
  • Peter Jungblut

Aus seinem letzten Auftritt in der ARD-Telenovela "Rote Rosen" wurde nichts mehr: Für die Dauer von fünfzehn Folgen sollte Karl Dall eine Gastrolle übernehmen. Geplant war, dass der 79-Jährige den internationalen Rockstar Richie Sky spielt. In dieser Rolle sollte er seinen alten Band-Kumpel Hannes (Claus Dieter Clausnitzer, 81) besuchen, mit dem er früher in der Band "Rain Birds" zugange war. Während Hannes als gelernter Schuhmacher "bei seinen Leisten" blieb, etablierte sich Sky als erfolgreicher Musikproduzent in Los Angeles. Kurz nach Beginn der Dreharbeiten Mitte November musste Dall ärztlich versorgt werden.

Die Rede war von einem Verdacht auf einen Schlaganfall. "Wir sind sehr betroffen über Karls unerwartete Erkrankung. Die bisherigen Dreharbeiten verliefen ausgesprochen engagiert und lustig. Wir drücken Karl jetzt alle Daumen für seine baldige Gesundung und sichern ihm und seiner Frau alle Unterstützung zu, die wir als sein Produktionsstudio bieten können", hieß es von der Produktionsfirma. Die Drehbücher wurden umgeschrieben.

Er kam aus einer "kleinen, engen Welt"

Karl Dall wurde 1941 als Sohn eines Schulrektors und einer Lehrerin geboren, entsprechend peinlich war ihm lebenslang seine eigene schulische Karriere: In der zehnten Klasse verließ er die Mittelschule und machte eine Ausbildung als Schriftsetzer in der Druckerei Rautenberg in Leer. Schon damals machte sich sein "hängendes" rechtes Auge bemerkbar, später sein Markenzeichen, die Folge einer angeborenen Lidmuskelschwäche.

Über seine Kindheit sagte Dall dem "Stern": "Ich komme aus einer kleinen Stadt in Ostfriesland, wo die Nachbarn schon komisch guckten, wenn man nicht wie alle anderen am Samstag seine Ligusterhecke beschnitt. Das war eine kleine, enge Welt, die mich als Kind fast erstickte."

Über sein unübersehbares Hänge-Lid sagte Dall im selben Interview: "Ich bin natürlich sehr auffällig. Meine Anwesenheit alleine hat die Leute provoziert. Mitschüler machten Witze über mein Äußeres, und die Lehrer konnten sich mein Gesicht immer am besten merken, vor allem, wenn's ans Strafen ging. Da musste ich schon früh Humor entwickeln."

© United Archives/Picture Alliance
Bildrechte: United Archives/Picture Alliance

Karl Dall im Einsatz

Ab 1967 wurde Dall als "Blödel-Barde" bekannt, nachdem er mit Ingo Insterburg, Jürgen Barz und Peter Ehlebracht die Komödiantengruppe "Insterburg & Co." gegründet hatte. Ganz vom anarchischen Zeitgeist der späten sechziger und siebziger Jahre geprägt, tourten die Musiker höchst erfolgreich durch Deutschland und Fernsehshows wie den "Musikladen" von Radio Bremen. Sinnfrei, aber witzig texteten sie Nonsense wie: "Hast Du Schnupfen in der Nase/hol’ ihn raus/auch auf der Straße." Ein Journalist der "Berliner Zeitung" nannte das mal treffend "Entlastung vom Straßenkampf", der ja ab 1968 in Berlin tobte.

In einem Interview mit der "Nordwestzeitung" sagte Dall mal rückblickend: "Wir waren da deutlich weniger. Wenn ich an die 60er Jahre zurückdenke, komme ich auf Dieter Hallervorden, Otto Waalkes, Mike Krüger, Insterburgs, später ich alleine seit 1979 – das waren fast schon alle. Heute ist das sehr inflationär. Und die nennen sich auch alle anders. Das Wort Comedian ist irgendwie keine Berufsbezeichnung."

Ingo Insterburg starb bereits im Oktober 2018 an einer Darmkrebserkrankung. "Obwohl wir beide wussten, wie es um Dich steht, ist Dein Tod jetzt ein fürchterlicher Schock für mich", sagte Dall in einem Nachruf. Er hatte Insterburg noch im Hospiz besucht.

Nachfolger von Mike Krüger

1979 löste sich die Truppe auf, Karl Dall startete eine Solo-Karriere. Sein Glück: Kurz darauf startete das Privatfernsehen, das großen Bedarf an Comedy hatte. Nach Auftritten im deutschen Hörfunkprogramm von Radio Luxemburg moderierte Dall im regionalen Fernsehprogramm Südwest 3, ging aber schon 1984 zum damals noch "RTLplus" genannten Fernsehsender. Als Nachfolger von Mike Krüger war er im Vorabend präsent, am 19. Januar 1985 hatte seine Sendung "Dall-As" Premiere, die kurz darauf bis Ende 1991 alle 14 Tage im Spätprogramm des Senders ausgestrahlt wurde.

Nicht sonderlich glücklich verlief die Zusammenarbeit mit dem peniblen Rudi Carrell, der jeden Schritt und jeden Gag genau vorbereitete und spontane Einlagen gar nicht mochte. Deshalb war der impulsive Karl Dall in der Sendung "7 Tage, 7 Köpfe" nur in den ersten beiden Jahren, 1996/97, besetzt. Trotz dieser eher enttäuschenden Zusammenarbeit wagte RTL 1999/2000 einen kurzzeitigen Comeback-Versuch mit einer spätabendlichen Karl-Dall-Show. "Wenn einer anfängt zu missionieren, kriegt er eins auf die Schnauze. Ich passe schon auf, dass kein ernsthaftes Gespräch zustande kommt", hatte der Künstler damals im Vorfeld dem "Spiegel" gesagt.

Auf Beerdigungen wollte er nicht mehr

So erfolgreich Dall auch war, eines wurde er nach eigener Aussage nicht los: "Es ist so, die alte Existenzangst, die bleibt immer. Die Angst, die ich hatte, als ich Anfang der Sechziger nach Berlin kam und die Miete nicht bezahlen konnte, die ist noch da."

© Clemens Niehaus/Picture Alliance
Bildrechte: Clemens Niehaus/Picture Alliance

Karl Dall mit Ingo Insterburg

Mitte September 2006 erschien Dalls Autobiografie mit dem Titel "Auge zu und durch". Dort behauptete er, es wäre möglich gewesen, sein Augenleiden "für 200 Mark" beheben zu lassen, aber diesen "Mercedes-Stern im Gesicht" wollte er natürlich behalten - er war letztlich unbezahlbar. "Grass war in der SS, ich im Christlichen Verein Junger Männer", ulkte er im Buch, das skandalfrei war. Vielleicht bis auf den hämischen Satz: "Es ist leichter, ein Buch zu schreiben, als eines von einem Kollegen zu lesen."

Im Herbst 2013 zeigte eine Schweizer Journalistin den Entertainer wegen angeblicher Vergewaltigung an. Er saß sogar vier Tage in U-Haft, wurde jedoch freigesprochen, weil die Beweise nach Meinung des Richters "bei Weitem" nicht ausreichten.

"Die Bühne ist das einzig Wahre"

Zuletzt tourte Dall mit seinem Solo-Programm "Der alte Mann will noch mehr", eine Anspielung auf die berühmte Erzählung von Ernest Hemingway, "Der alte Mann und das Meer". Der "Frankfurter Rundschau" hatte Dall mal gesagt: "Die Bühne ist das einzig Wahre. Ich komme von der Bühne, und ich ende jetzt auch wieder auf der Bühne. Und das Fernsehen, das benutze ich jetzt halt ein bisschen, um auf mich aufmerksam zu machen und für mein Stück zu werben."

Zu Beerdigungen wollte Dall übrigens nach dem Tod seiner Tante Anna nicht mehr gehen, weil er auf dem Friedhof in Ostfriesland schlechte Erfahrungen mit Journalisten und Fans gemacht hatte, die keinen Respekt vor dem ernsten Anlass hatten und ihn mitten in der Trauergesellschaft um Interviews und Autogramme baten.

"Trotz Einsatz aller technologischen und intensivmedizinischen Maßnahmen ist er heute friedlich eingeschlafen, ohne vorher noch einmal das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Er hinterlässt eine Ehefrau, Tochter und Enkelin", hieß es in einem Schreiben der Familie zum Tod von Karl Dall. "Er war nicht nur ein beliebter Komiker und Entertainer, sondern vor allem ein außergewöhnlich liebenswerter und netter Mensch."

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