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"Ich liebe VW": So rechnete Jan Böhmermann mit Volkswagen ab | BR24

© Christophe Gateau/Picture Alliance

Jan Böhmermann

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    "Ich liebe VW": So rechnete Jan Böhmermann mit Volkswagen ab

    Fast die Hälfte seiner Sendezeit attackierte der TV-Satiriker im ZDF den Wolfsburger Auto-Konzern. Es ging um Zwangsarbeit in der NS-Zeit, die brasilianische Militärdiktatur und die südafrikanische Apartheid - und ein Werk in Chinas Unruheprovinz.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Bereits in der vergangenen Woche hatte sich Jan Böhmermann ("Magazin Royale") an der Geschichte von deutschen Traditionsunternehmen abgearbeitet, vor allem an deren Verhalten in der NS-Zeit. Dabei hatte er auch die Coburger Firma Brose für die Verpflichtung von Zwangsarbeitern in der Nazi-Diktatur herbe kritisiert. Diesmal traf es Volkswagen, und zwar massiv.

    Böhmermann kritisiert VW in Zeiten des Nationalsozialismus

    Zunächst versicherte der Satiriker, dass er VW "liebe" und verwies auf die 800.000 deutschen Straßenkilometer: "Das ist genau die Strecke zum geheimen Führerhauptquartier auf der Rückseite des Mondes und wieder zurück." Tatsächlich gibt es hierzulande gut 200.000 Kilometer überregionale Straßen und 600.000 Kilometer innerörtliche oder lokale Fahrwege.

    Danach versicherte Böhmermann, er könne "Hitler verstehen": "Wer schon mal seinen Volkswagen-Bon Jovi in der Autostadt Wolfsburg abgeholt hat, der weiß: Das ist noch viel cooler als Bon Jovi live zu sehen." Der Moderator erinnerte daran, dass der NS-Diktator und "Auto-Narr" Hitler erstmals "Steuervergünstigungen für Neuwagen“ eingeführt habe, dem Unternehmensgründer "Ferdinand Porsche zuliebe", das sei also eine "Nazi-Methode". Kurz darauf wurde ein unvorteilhaftes Foto von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer eingeblendet.

    Intervention bei Himmler persönlich

    53 Prozent der Stimmrechte an der Volkswagen AG hielten die Erben der Gründerfamilie über die Porsche Holding: "Dafür können aber gleich zwei Unrechtsstaaten mitbestimmen, zu 17 Prozent Quatar und zu 20 Prozent Niedersachsen.“ Im Golfstaat gebe es Zwangsarbeit mit "nahezu täglich tödlichen Arbeitsunfällen" hieß es in einem Zitat aus einem Zeitungsartikel. In der NS-Zeit hätten 20.000 Fremd- und Zwangsarbeiter bei VW geschuftet, später auch KZ-Häftlinge. Porsche persönlich habe bei SS-Chef Heinrich Himmler interveniert, "um noch mehr KZ-Häftlinge zur Verfügung gestellt zu bekommen".

    © AAP/Picture Alliance

    Vor Ketten: Böhmermann

    Böhmermann verwies darauf, dass VW ab 1953 mit der brasilianischen Militärdiktatur zusammenarbeitete: "Vom Arbeitsplatz ging es direkt zum Folterzentrum." Dazu wurde der inzwischen 94-jährige, ehemalige VW-Chef Carl Hahn eingeblendet, der in einer historischen Einspielung sagte: "Wir haben versucht, Automobile zu bauen. Unabhängig davon, wer im Lande herrscht. Das überlassen wir den Eingeborenen." Auch bei der Rassentrennung in Südafrika, dem Apartheids-Regime, sei "Volkswagen mittendrin" gewesen und habe hinterher lediglich "vier Millionen Mark für ein Förderprogramm" Wiedergutmachung bezahlt.

    Der langjährige, inzwischen verstorbene Firmenchef Ferdinand Piëch sei "ein ganz normaler, psychopathischer Topmanager" gewesen. Um das zu bekräftigen, wurde das legendäre Statement von Piëch eingespielt: "Immer wenn es um Krieg geht, sind am Ende weniger vorhanden, und es gibt immer Gewinner und Verlierer. Und ich habe die Absicht mit unseren Partnern, die VW in der ganzen Welt hat, der Sieger zu sein."

    Kritik an VW-Fabrik in Uiguren-Provinz

    Auch aktuelle Schlagzeilen wurden zitiert, so eine des Münchner Merkurs vom Oktober letzten Jahres, wonach Volkswagen "Affen im Abgastest" hatte und sogar "Menschenversuche" geplant habe. Ein VW-Mitarbeiter habe heimlich Aufnahmen von internen Besprechungen gemacht und plötzlich sei sein Wohnhaus in Flammen gestanden: "Und auf einmal geht derselbe Mitarbeiter selbst in Flammen auf, in seinem Auto." Die Polizei habe allerdings "keine Anzeichen für Fremdverschulden gefunden", so Böhmermann.

    Auch die Kooperation von VW mit den chinesischen Behörden wurde getadelt: In der Unruheprovinz Xinjiang baute der Konzern eine Autofabrik, die auch bewaffneten Volkspolizisten präsentiert worden sei. Im Umkreis von dreißig Kilometern um das Werk gebe es "Arbeitslager und Gefängnisse", in denen schätzungsweise eine Million muslimische Uiguren inhaftiert seien. Herbert Diess, seit April 2018 VW-Vorstandsvorsitzender, sagte dazu in einem Interview mit einem englischsprachigen Sender: "Ich weiß nicht, worauf Sie sich beziehen. Ich kenne das nicht."

    Diess, so das "Handelsblatt" in einem Artikel vom März 2019, den Böhmermann ansprach, hatte seine Führungskräfte auch mit der vermeintlichen Aufmunterung "Ebit macht frei" gegen sich aufgebracht: "Arbeit macht frei" war der Spruch, der am Eingang des Konzentrationslagers Dachau zu lesen war. Das "Ebit" ist das Betriebsergebnis eines Unternehmens ohne die Berücksichtigung von Zinsen und Steuern.

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